Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 4-6
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 112 — lancholien mit ebensolchen Intervallen, die bei der nichtjüdischen Bevölkerung selten sind und schließlich die für die Juden atypischen Formen. Wir sehen hier also die extremsten Gegensätze. Die manischen Bilder überwiegen im Krankheitsbilde die melancholischen (Verhältnis 4 :3), bei den nichtjüdischen Kranken findet man dagegen doppelt so häufig Melancholie. Nach S i e b e r t ist in Libau die Manie die häufigste psychische Erkrankung bei Juden überhaupt. Demgegenüber betont P i 1 c z , daß er bei den Juden die Melancholie besonders häufig gefunden habe. Derselbe Autor erklärt damit auch das gehäufte Vorkommen von Selbstmorden bei den Juden. Im Krankheitsbilde der Melancholie stehen im Vordergrund die hypochondrischen Vorstellungen (bei zwei Drittel der Münchener Fälle, bei Nichtjuden nur in ein Viertel der Fälle). Neben Verfolgungsideen will Lange das Nörgeln häufig beobachtet haben; daneben Verarmungsideen, im Gegensatz zu den selten auftretenden Versündigungsideen, insbesondere dem fast völligen Fehlen von religiösen Verfehlungsvorstellungen, die bei den nicht jüdischen Kranken die größte Bedeutung haben. (Vergleiche dazu das Bild bei der progressiven Paralyse.) Hysterische Färbung des Krankheitsbildes gibt oft zu schwierigen diagnostischen Fragestellungen Anlaß (vergl. oben). Ebenso erschweren die katatonen Anfälle die Abgrenzung von anderen Krankheitsbildern, Groß ist die Neigung zu Stuporzuständen und schweren Formen von Denkhemmung. Die Denkstörung, nur entsprechend der Krankheit nach der entgegengesetzten Seite ausschlaggebend beherrscht das Krankheitsbild der Manie bei den Juden. Wirklich heitere Verstimmung fehlt hier. An ihre Stelle tritt die gereizte nörgelige Stimmung. Schimpfen und Grimassieren begleitet, wie bei der Melancholie, das endlose Jammern. Die Mischzustände bei den Juden sind gekennzeichnet durch gereizte Formen von Manie und Melancholie, ohne bedeutende Denkstörung, und die erregten Depressionen. Besonders oft kamen atypische Krankheitsformen zur Beobachtung. Die Häufigkeit der einzelnen Symptome ist ein Merkmal für die jüdischen Kranken. Die Dementia praecox. Die Bedeutung, die die Dementia praecox, die Schizophrenie, die eigentliche „Verrücktheit im engeren Sinne" in der Psychiatrie i hat, macht auch ein näheres Eingehen auf i diesen Krankheitsprozeß nötig. Die Krank-; heit tritt meist im dritten oder vierten Lebens-; jahrzehnt auf und ist gekennzeichnet durch; einen weitgehenden Zerfall der seelischen | Persönlichkeit, vorwiegend der Gemüts- und i Willenssphäre. Die Dementia praecox ist eine bei Juden; exquisit häufig vorkommende Geistesstörung (nach Pilcz bei Männern in 18,56 % aller jüdischen Fälle, bei Frauen in 24,18 %, nach Sichel 1906—07 in 28 %, 1916—17 in 23 % j der Fälle gegenüber 17 bezw. 18 % bei der Vergleichsbevölkerung. Die Erkrankung ist aber im Gegensatz zu den meisten anderen; psychischen Störungen bei den Juden wäh-; rend des Krieges nicht zurückgegangen. Sie ist nach Pilcz bei weiblichen jüdischen Kranken sogar die häufigste Form geistiger Erkrankung (24,18 Prozent aller : jüdischen Aufnahmen). Im Vordergrund; stehen die hebephrenen Formen, das eigentliche jugendliche Irresein, seltener da-! gegen sind die paranoiden Zustandsbilder,; vermengt mit anderen Symptomen. In I diesen Fällen ließen sich bestimmte Charaktereigenschaften bis in die Kindheit zurücki verfolgen. Katatone Formen sind besonders dem 1 weiblichen Geschlecht eigen, worauf insbe-