Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 4-6
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 109 - ideen bei den Nichtjuden häufiger gefunden wurden. Demgegenüber treten alle anderen depressiven Ideen bei den jüdischen Paralytikern stark in den Hintergrund: die Selbstvorwürfe, die so oft als bezeichnend für Juden angegeben werden, Versündigungsideen gegen die eigene Person oder gegen die Familie, Angst vor der Verarmung, Eifersucht, und was besonders auffällig erscheint, die depressiven religiösen Versündigungsideen im Gegensatz zu den religiösen Größenideen der jüdischen Paralytiker, die geringe Sorge um die Familie, die doch im normalen Leben des Juden anerkannterweise eine so bedeutsame Rolle spielt. Ebenso wurden Minderwertigkeitsklagen, der „sogen, jüdische Komplex" nur selten angegeben. Nörgelnde, quängelnde Züge, die wir bei den manischdepressiven Krankheitsbildern sonst so häufig finden, kamen bei den jüdischen Kranken nur ganz vereinzelt zur Erscheinung. Bezeichnend dagegen sind die atypischen Bilder mit katatonem, stereotypem Einschlag, häufig mit erotisch-sexueller Beimischung, dagegen war selten das sogen. Schmieren. Forensisch wurde nur ein jüdischer Paralytiker. — Der Kernpunkt der Frage liegt in der Erklärung, die wir für diese immerhin nicht ganz unerheblichen Unterschiede, wenn auch an einem kleinen Material, geben können. (Diesbezüglich muß auch auf das Orginal verwiesen werden.) Eine ganz besondere Beachtung verdient die Tatsache der geringen Beteiligung der jüdischen Frauen an der Paralyse. Für die Annahme biologischer Ursachen fehlen uns alle Gründe, es werden wohl im Wesentlichen kulturell-soziologische sein. Joachim gibt für diese Erscheinung rein gesellschaftliche Gründe an. Die Paralyse bei den Frauen nimmt mit zunehmender wirtschaftlicher Besserstellung (nicht Kultur- | stufe) ab. Das Wesentliche scheint darin zu | liegen, daß die jüdische Frau seltener lue- | tisch infiziert wird, als die nichtjüdische.! Für das starke Ueberwiegen der dementen | Formen bei den Nichtjuden haben wir oben I bereits die Ansicht G a u p p ' s wiedergegeben. Es ist anzunehmen, daß ein an und I für sich mehr affektiv veranlagter Mensch! auch in der Krankheit diese Züge zeigen! wird. Nach den Untersuchungen von Kalb | gibt die erbliche Belastung mit manisch-depressivem Irresein affektbetonte Paralyse, die Belastung mit Dementia praecox mehr demente Formen. Oder wie E. Kahn es formuliert: die Anlagen schizoid bezw. elastisch labile Affektivität geben unter dem Einfluß der paralytischen Grundstörung besondere Symptome ins Gesamtbild. Wir werden später darauf zurückkommen, daß das manisch-depressive Irresein bei Juden prozentual häufiger ist als die Dementia praecox, andererseits ist verschiedentlich hervorgehoi ben worden, daß bei den Juden der asthenische Körperbau in weitaus größerem Ausmaße vorliege. Können die Untersuchungen von Kretschmer über „Körperbau und Charakter" allgemeine Geltung beanspruchen, so müßten wir bei den Juden viel mehr Schizoide als Kyklothyme vorfinden. Wir sehen, hier klafft ein Widerspruch. Zur Widerlegung fehlen heute noch die exakten Unterlagen. Bei 14 von unsern jüdischen Paralytikern konnte ihre Charakteranlage, allerdings mit starken Defekten bis in die Mitte ihrer Krankheitsdauer verfolgt werden und man konnte dabei sehen, wie diese Kranken unter ihrer Krankheit litten. Daraus ist mancher unruhige oder nörgelnde Zug zu erklären. Es wurde oben bereits betont, daß nur bei ganz Wenigen die stille religöse Ergebenheit in das Schicksal erkennbar war, während der große Teil, wie auch sonst im Leben aktiv,