Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 4-6
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2650397-2650406-2650410--5416-2650746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 108 - und Mischformen, agitierte Form. Die Wertung ist aber eine sehr verschiedene, da die agitierten Formen prozentual viermal so häufig, depressive und Mischformen dreimal so häufig, expansive zweimal so häufig bei Juden sind-als bei Nichtjuden. (Die wirklichen Zahlen vergleiche im Original.) Die Beteiligung der einzelnen Berufe an der progressiven Paralyse gibt die allgemeine soziale Struktur der Juden wieder. Drei Viertel gehören dem Kaufmannsstande an, dann folgen die freie Berufe mit 13 %, (seltener Weise ist bei den nichtjüdischen Paralytikern der Prozentsatz der den freien Berufen Angehörigen größer: 22 %). Der Großteil der nichtjüdischen Paralytiker sind Arbeiter und Taglöhner, woraus wenigstens z. T. die überwiegende Häufigkeit an dementen Formen erklärt werden könnte. Ein Persönlichkeitswerturteil ist damit natürlich nicht gefällt, sondern es ist lediglich zum Ausdruck gebracht, worauf besonders G a u p p aufmerksam gemacht hat, daß die Psychosen bei Gebildeten komplizierter, als in den niederen Gesellschaftsschichten sind. Die Belastung mit Nervenkrankheiten spielt bei der Entstehung der progressiven Paralyse nicht die große Rolle wie bei den anderen Geisteskrankheiten. Die Trinker unter den jüdischen Paralytikern (7,7 %) zeigten fast alle das Bild der expansiven Paralyse, im Gegensatz zu den 38 % der nichtjüdischen Paralytiker. — Von 44 jüdischen Paralytikern waren 22 verheiratet und hatten 46 erwachsene Kinder, von den 100 nichtjüdischen Paralytikern waren 71 verheiratet und hatten 171 Kinder; davon starben aber 43 sehr früh, so daß im Vergleich noch 128 Kinder übrig bleiben. Das Infektionsalter liegt bei beiden Gruppen meist zwischen dem 21.—30. Lebensjahr, ebenso der Zwischenraum zwischen Infektion und Paralyse (11—20 Jahre), der bei Juden sogar noch in 10 % jenseits des 60. Lebensjahrs erfolgte. Die Dauer der Krankheit, gewöhnlich zwei bis drei Jahre, war in 21 % der nichtjüdischen Paralytiker auf 2—12 Monate abgekürzt und erreichte bei Juden in 15 % die lange Dauer von 15 Jahren, besonders bei den expansiven Formen. Die Lebensdauer der jüdischen Paralytiker ist also lang. Ein Zehntel erreichte ein Alter von über 60 Jahren, ein Kranker, der sich angeblich in der Jugend infiziert haben will, sogar das 74. Lebensjahr. Erwähnenswert ist die häufige völlige Desorientiertheit der jüdischen Kranken, was vielleicht aus einer viel späteren Einlieferung in die Klinik erklärbar ist. Die Hälfte aller Paralytiker, die jüdischen etwas mehr, hatte paralytische Anfälle. Als wesentliche psychopathologische Ergebnisse dieser Untersuchung konnte festgestellt werden: ein Ueberwiegen der manischen Bilder bei den Juden; die megalomane Komponente ist häufiger als die depressive. Interessant in diesem Zusammenhange ist das Ergebnis Lange's, der auch bei dem manisch-depressiven Inesein die manische Komponente bei den Juden häufiger vorfand. In den Größenideen kommen im Wesentlichen Assimilationsgedanken zum Vorschein, der Wunsch nach Gleichberechtigung, Besitz, Geld, Titel, Orden, Fürst oder Hoheit zu sein, daneben bestehen Welterlöserideen. Nur motorische Erregung und erhöhtes körperliches Selbstgefühl trat bei den nichtjüdischen Paralytikern häufig in Erscheinung. Im Vordergrund der Depressionen (melancholischen Ideen) stehen bei den Juden (in einem Drittel der Fälle): hypochondrische Vorstellungen (bei den Manisch-depressiven Langes sogar bei zwei Drittel der Fälle), Selbstmordgedanken und Verfolgungsvorstellungen, während Vergiftungs-