Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 2 (1925) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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iO - nen, chronischen Prozessen können wir nicht in einer vererbten, sondern in einer durch jeden Juden selbst erworbenen Immunität sehen. Auch sind die Juden an das Stadtleben akklimatisiert, während die christliche Bevölkerung, die zu einem sehr bedeutenden Teile vom Lande kommt, durch die neuen 'S 7 Wohn- und Lebensverhältnisse geschwächt wird. Dieser Einfluß des Wechsels der Wohn- und Lebensart zeigte sich sehr deutlich bei den von Ziemann untersuchten Farbigen. Diejenigen Negerstämme, die ihre freien, primitiven Wohnsitze aufgegeben und sich in städtischen Wohnungen zusammengedrängt hatten, unterlagen sehr schnell der Tuberkulose. Ferner wird auch die Seltenheit von Alkoholismus und Syphilis bei den Juden einen günstigen Einfluß auf die Tuberkulosesterblichkeit haben. Es ist klinisch und statistisch erwiesen, daß ein durch Alkohol oder Syphilis geschwächter Körper leichter der Schwindsucht erliegt. In Paris beträgt die Tuberkulose-Mortalität bei männlichen Erwachsenen (30—49 Jahre) 36,1 %0, während sie bei Gastwirten 46,9 %o erreicht. In England entfallen auf 1000 Tuberkuloseö Todesfälle 384 Arbeiter und 607 Kellner. In Indien ist die Sterblichkeit bei Abstinenzlern 72 °/00, bei Nichtabstinenzlern 95 %o- Bei den Juden gehört aber der Alkoholismus zu den Seltenheiten. Fishberg, der als amtierender Arzt der „Vereinigten jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaften" in New York alljährlich Tausende von hilfesuchenden Juden untersucht, konnte im Laufe von zwölf Jahren kaum ein Dutzend Juden sehen, die durch Alkohol in Armut geraten waren. Bei anderen Völkern rührt der Pauperismus zu 25—60 o/o vom Alkoholismus her. Nach der Statistik von John Billings starben in New York (1858—1890) an Alkoholismus bei den Iren 31 °/00, be iden Juden nur 1 %0. Als ein sehr wichtiger Faktor kann auch die musterhafte Sorge um das kranke Familienmitp-lied. das rechtzeitige Aufsuchen des C5. J> Arztes, die sorgfältige iBehandlung und Pflege des schwindsüchtigen Juden angesehen werden. Die Hauptursachen der kleineren Tuberkulosensterblichkeit und -morbidität bei den Juden sind in den sozial- und kulturhygienischen sowie in den immunobiologischen Verhältnissen dieses Volkes zu suchen. Das religiöse Familienleben der Juden, ihre Sittlichkeit und Mäßigkeit, ferner die in der Kindheit erworbene Immunität sind Faktoren, denen die Juden ihre kleinere Tuberkiilosesterblichkeit verdanken." Was nun den Krieg und seinen Einfluß auf die Ausbreitung der Tuberkulose unter den Juden janbelangt, so löste er, wie bei der übrigen Bevölkerung, auch bei den Juden eine starke Zunahme der Erkrarikungsziffer aus. Einige interessante Tabellen werden dies erhärten. In Alt-Berlin starben an Tuberkulose (in absoluten Zahlen): Jahr Juden Ges^aimtbevölkeranlgj 1913 74 3249 1917 152 5037 Für Wilna finden wir bei Schabad folgende Angaben: Auf 100 Todesfälle bei den Wilnaer Juden starben an Tbc: a) 1911 O 'J o,J 1916 -* i~\ 1912 7,0 1917 13,5 1913 r\ f 1U,3 1918 OO 1 A 1914 9,85 1919 14,9 1915 6,0 1920 8,3 b) Tuberkulosesterblichkeit der jüdischen Bevölkerung; der Stadt Wilna:! , In absoluten 0/ Zahl der in Wilna janr Zahlen /c0 lebenden Juden 1916 208 35 59 000 1917 496 90 55000 1919 272 60 46000 Auch in anderen Städten Polens finden wir eine recht hohe Zunahme der Tuberkiilosesterblichkeit in den Kriegsjahren. So z. B. haben wir für die Juden in Bialystock folgende Zahlen: Es starben an Tuberkulose: Jahr Auf 100 Todesfälle Auf 10 000 Lebende 1909-1913 6,4 6S0 1916 9,5 1917 14,5 I oft„ 1918 21,9 ] Zö,ü Für die Kriegszeit (1914—1918) beträgt der jährliche Quotient im Durchschnitt 12,4 o/o, d. h. fast um 100 o/o mehr als vor dem Kriege. Vergleichen wir aber die Tu-