Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1925-01-01 · Heft 1 · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
2 (1925) (Neue Folge)
Issue
Heft 1
Date
1925-01-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2650397-2650403-2650404--5223-2650617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 14 - Tausende von ihnen sind auf dem Schlachtfelde geblieben. Nicht weniger aber haben auf andere Weise die Werkstatt verlassen — durch den Uebergang zum Handel und zur Spekulation, die zu jener Zeit in ihrer Blüte stand. Auch die Revolution hat eine sehr beträchtliche Zahl der jüdischen Proletarier ihrer Arbeit entrissen. Sie hat sie auf die verantwortungsvollen Partei- und Regierungsposten, an die Spitze der unzähligen beruflichen und kulturellen Organisationen gestellt. Selbstverständlich hat auch der allgemeine Verfall der Industrie in den Ländern Osteuropas, der infolge der Revolution und des Krieges kam, nicht wenig zum Ruin der osteuropäischen jüdischen Arbeiterklasse beigetragen. Die Industrie wurde zerstört, Arbeiterhände gab es mehr als genug. Darunter hatten die iüdischen werktätigen Massen am * o meisten zu leiden. Dieses letzte Moment erklärt auch in genügender Weise, warum die jetzigen jüdischen Arbeiter in Osteuropa sich auf einer sehr tiefen Qualifikationsstufe befinden. Betrachten wir nun die innere Struktur der ostjüdischen Arbeiterklasse nach dem Kriege und der Revolution, so konstatieren wir auch hier ein recht trauriges Bild. Es ist Tatsache, daß im Jahre 1925 die ostjüdische Arbeiterklasse auf derselben Entwicklungsstufe steht, auf weicher sie schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts stand. Wie vor 20—30 Jahren, so ist sie auch jetzt in den am wenigsten qualifizierten, in den „traditionell jüdischen" Branchen konzentriert. Wie vor 20--30 Jahren stehen sie ihrer inneren Struktur nach auf der untersten Stufe unter den Arbeitern der sie umgebenden Völker, Sehen wir uns z. B. die jüdische Arbeiterschaft des größten ostjüdischen Zentrums, "Warschaus, an. das heutzutage zirka 25000 jüdische Arbeiter zählt, so ist fast die Hälfte dieser Arbeiter — genauer 46,1 — in der Bekleidungsbranche beschäftigt; weitere zwölf Prozent in der Nahrungsmittelbranche, während bloß 10,8 Prozent der Metallbranche und nur 1,2 Prozent der Baubranche angehören. Ein wesentlich anderes Bild bietet die christliche Arbeiterschaft Warschaus. Nach den vor kurzem veröffentlichten Ergebnissen der polnischen Volkszählung im Jahre 1921 sind unter den christlichen Lohnarbeitern Warschaus nur 23 Prozent Bekleidungsarbeiter, das sind genau zweimal weniger als bei den Juden, dagegen sind hier die in der Metall- und Maschinenbranche beschäftigten Lohnarbeiter mit 25 Prozent vertreten. Aehnliche krasse Unterschiede zwischen den jüdischen und christlichen Lohnarbeitern zeigen uns die Ergebnisse der letzten Volkszählung in Litauen im Jahre 1923. Nach J. Minzin,*) die diese Ergebnisse bearbeitet hat, sind sechzig Prozent des jüdischen Proletariats in Litauen in der Schneider¬ und Schuhbranche tätig, während das Gros der christlichen Arbeiter sich in der Holz-, Metall- und Baubranche konzentriert. Auch in dem Lande der „sozialistischen Revolution" dieselbe Erscheinung. In der Ukraine, Weißrußland und im Gouvernement Hornel gab es im Jahre 1924 mehr als 80 000 jüdische Mitglieder von Berufsorganisationen, davon waren aber bloß 7,4 Prozent Metallarbeiter und etwa einhalb Prozent (0,4) Eisenbahnarbeiter. Dagegen waren ganze dreißig Prozent, ungefähr ein Drittel aller jüdischen Lohnarbeiter in der Bekleidungs- und Schuhbranche tätig. Vergleichen wir damit die nichtjüdischen Arbeiter derselben Berufsorganisationen, (zirka *) Handel und Industrie bei den Juden in Litauen — Blätter für Demographie, Statistik und Wirtschaftskunde der Juden, Nr. 5, Berlin. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.