Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 115 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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- 115 - Moderne indische Wanderung Von Dr. Mich i. Mehr denn je trug die jüdische Wanderung während des verflossenen Jahrzehnts einen zwangsmäßigen, durch äußeres Geschehen bedingten Charakter. Nicht überlegtes Wollen, sondern notgedrungenes Müssen haben die Wanderungsbewegungen des jüdischen Volkes während dieser Jahre bestimmt und geleitet. Durch den Krieg und die Not der Nachkriegsjahre sind unzählige osteuropäische Juden aus ihren alten Wohnstätten gewaltsam verdrängt und jeglicher Existenzmittel beraubt, zum Wandern gezwungen worden. In der sozialen Kausalität dieses gewaltigen Wanderungsprozesses war das primäre Motiv nicht das erwünschte Ziel der E i n Wanderung, sondern der Z w ang der Aus Wanderung. Der jüdische Wanderer wurde während dieser Jahre zum Flüchtling, für den das Entrinnen die einzige Rettung von drohendem Unheil bedeutet. Daher die elementare Gewalt dieser unzählige Schwierigkeiten überwindenden Bewegung, daher auch ihre häufige Planlosigkeit und unheilvolle Verworrenheit. Charakteristisch für die jüdische Wanderbewegung während des Krieges ist das numerisch starke Ueberwiegen der R i n n p n wati d pru n a hpi nahezu völlicrem -------..----------j-, _*--.-„«_-— - ---—<..-> Rückgang der Auswanderung. Bei geschlossenen Grenzen vollzog sich der jüdische Wanderungsprozeß größtenteils im Rahmen des früheren russischen Reiches und konnte naturgemäß als Binnenwanderung bezeichnet werden. Durch die nach dem Kriege erfolgte staatliche Umgruppierung ist jedoch diese gewaltsame Verschiebung jüdischerZentren in ihrer weiteren Auswirkung auf die Wirtschaftsdynamik undBevölkerungsstruktur des osteuropäischen Judentums sbewegungen (1915-1923). a e 1 T r a u b . gegenwärtig zweifellos alsEmigrationsprozeß zu bewerten. Der Krieg hatte eine überaus starke Erschütterung des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa zur Folge. Die Frontlinie durchquerte gleich zu Kriegsbeginn den westlichen Teil des russisch-jüdischen Ansiedlungsrayons (ebenso wie Galizien), zerstückelte den jüdischen Wirtschaftsorganismus in mehrere Teile und zerstörte mit einem Schlage die verkehrswirtschaftlichen Fäden, welche das jüdische Niederlassungsgebiet mit dem übrigen Rußland verbanden. In ganz besonderem Maße mußten die jüdischen Städtchen Polens und Litauens die Schrecken des Krieges über sich ergehen lassen. Viele wurden durch die Kriegsoperationen zerstört, viele verloren durch die Unterbindung des Verkehrs jegliche Einnahmequelle. Die bereits vor dem Kriege begonnene Abwanderung aus der Provinz nachderGroßstadt nahm unter dem Zwange des Krieges gewaltige Dimensionen an und führte in kurzer Zeit zur fast völligen Entvölkerung zahlreicher jüdischer Kleinstadtsiedlungen. So wurde der Vernichtungsprozeß des jüdischen „Städtchens,, im Osten Europas durch den Krieg gewaltsam beschleunigt. Besonders verheerend wirkten die namentlich im zweiten Kriegsjahre überhandnehmenden Ausweisungen der in der Nähe der Kriegszone lebenden jüdischen Bevölkerung. Da die russische Frontlinie immer weiter nach Osten rückte, erstreckten sich die mit grausamer Willkür erlassenen Verfügungen der russischen Militärbehörden, für die die gesamte jüdische Bevölkerung als „unzuverlässig" galt, auf immer zahlreichere jüdische Siedlungen. Alles hing