Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 109 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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109 - Reibungen und Konflikten führen, die eine Reihe von langwierigen Verhandlungen zur Folge hatten. Diese endeten damit, daß die Generalversammlung der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderfürsorge am 26. 3. 22 den Beschluß faßte, in eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Arbeiterfürsorgeamt einzutreten. Die Arbeitsteilung wurde dabei so vorgenommen, daß die gesamte ausführende .Arbeit dem Arbeiterfürsorgeamt übertragen wurde, während die Zentrale an der Leitung der Arbeit mit beteiligt wurde. Es war nunmehr Sache des Arbeiterfürsorgeamtes, die in den Provinzialkassen ruhenden Kräfte wieder lebendig zu machen und sie neuen Aufgaben zuzuführen. Dies ist nur in einem beschränkten Maße gelungen, konnte einfach deshalb nicht gelingen, weil das Arbeiterfürsorgeamt von sich aus bereits in den wichtigsten Orten des Reiches Provinzsteiien ausgebaut hatte, die sehr oft mit den Provinzialkassen der früheren Deutschen Zentrale identisch waren, aber ausschließlich unter der Führung des Arbeiterfürsorgeamtes standen. Dieses gut ausgebaute Netz von Provinzsteilen machte neue Gründungen fast überflüssig. Dort wo sie notwendig waren, wurden sie durch Zusammenschluß mit den Provinzialkassen verhindert. Die Gesamtregelung des Wanderfürsorgewesens befand sich also bereits im Jahre 1921 fast ausschließlich in den Händen des Arbeiterfürsorgeamtes. TT £i» Die veränderte Organisation der Wanderfürsorge war nur der Ausdruck veränderter Methoden der Arbeit und diese wiederum waren das Ergebnis einer doppelten Reihe von Hrsarhen: es ^ab eine andere Art von " —~ ---~—"~---" o Menschen, die der Fürsorge bedürftig waren und ihnen stand eine andere Art von Menschen gegenüber, die die Fürsorgearbeit leisteten. Es bewährt sich hier auf diesem speziellen jüdischen Gebiet die allgemeine Erfahrung der Wohlfahrlspflege, daß ins große gesteigerte und allgemein verbreitete Notstände die Wegbereiter einer verbesserten und weiter ausschauenden Fürsorgetätigkeit werden. Bei einer genaueren Betrachtung der Menschen, die im Jahre 1913 und im Jahre 1920 „Kassen" oder Fürsorgesteilen in Anspruch nahmen, ergeben sich folgende Unterschiede: Bei der relativ günstigen ökonomischen Lage der deutschen Juden im Jahre 1913 war der Jude, der eine „Kasse" aufsuchte, der Typ des „Unwirtschaftlichen", abgesehen von denjenigen natürlich, denen unterwegs das Geld ausging und die die Kassen nur einmal in Anspruch nahmen. Zur Charakteristik des eingangs geschilderten „Unwirtschaftlichen" dient auch die offizielle Terminologie „Wanderarmer", das ist einer, der etwa wie ein Wanderredner oder ein Wanderhausierer durch das Armsein auf der Wanderung seinen Lebensunterhalt findet. Wanderarmer war demnach eine Berufsbezeichnung. Der Wanderarme war in einen gut organisierten Fürsorgeapparat eingeordnet. Hatte ihn dieser Aooarat erfaßt, so war er dazu A X verurteilt, immer darin zu verbleiben; aber bei einer geschickten Auswahl der Fürsorgestellen gewährte das Kassenwesen eine — wenn auch nicht beneidenswerte — Existenzmöglichkeit. Die Motive dieser Wanderarmenfürsorge sind die Bekämpfung des „lästigen" Hausbettels — hier ist der Wert der Zentralisation schnell begriffen worden wobei allerdings festzustellen ist, daß vereinzelt weitblickende Männer der Wanderfürsorgebewegung die Notwendigkeit einer Produktivierung dieser unwirtschaftlichen Elemente erkannten und Versuche in dieser Richtung unternahmen.