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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1924-08-01 · Heft 5-6 (August 1924) · p. Seite 106

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1924) (Neue Folge)
Issue
Heft 5-6 (August 1924)
Date
1924-08-01
Page
Seite 106 (sequence 16)
Language
German
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— 106 — Mehr und mehr hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß die landläufigen Motive, die für eine solche Tat angegeben werden, für die suicidale Handlung keine genügende Erklärung bieten; denn ungezählte Menschen werden tagtäglich von Furcht vor der ihnen drohenden Strafe gepeinigt, Tausende leiden unter der Trennung von einem geliebten Angehörigen und unter dem Verlust irdischer Glücksgüter, und nicht wenige befinden sich in einer momentanen Zwangslage, die einen entscheidenden und heroischen Entschluß von ihnen verlangt, und doch wird es all diesen Menschen nicht in den Sinn kommen, jemals Hand an sich zu legen. Wer gleichwohl zu diesem äußersten Mittel greift, beweist, daß er nicht den Ansprüchen gewachsen ist, die das Leben an ihn stellt; man wird das Recht und die Pflicht haben, sich mit seinem Seelenleben näher zu beschäftigen. Der Psychiatrie gebührt somit das Verdienst, daß sie in das Dunkel dieser Frage einiges Licht gebracht hat. Die in München bestehende Einrichtung, daß (mit wenigen Ausnahmen) jeder, der bei der Ausübung eines Selbstmordes betroffen wird, in die psychiatrische Klinik überführt wird, hat vor mehr als zwei Jahrzehnten Gaupp veranlaßt, den Geisteszustand dieser Selbstm f\rAa*- rrti T"»o/-\Kn/»Vif f%n uiuiuvi <<u uvvuawutii. \7^*» 1 CM ~ AI___ v vit l^t am uicbc Weise eingelieferten Personen erwies sich bei näherer Betrachtung nur eine einzige als psychisch gesund und diese war ein Dienstmädchen im achten Monat der Schwangerschaft, das von seinem Geliebten verlassen worden war. Ungefähr zur gleichen Zeit hat Helenefriederike Stelzner eine ähnliche Untersuchung an der Berliner Klinik vorgenommen. Sie hat die Katamnesen von 200 Selbstmörderinnen erhoben; dabei stellte sich heraus, daß 169 psychiatrisches Interesse verdienten. In all diesen Fällen handelte es sich nicht immer um ausgesprochene Geistesstörungen, sondern zum Teil um abnorm veranlagte Persönlichkeiten, die an der Grenze zwischen geistiger Gesundheit und Krankheit stehen. Es muß darauf besonders hingewiesen werden, angesichts einer Bewegung, die sich neuerdings unter den jüngeren Autoren durchzuringen versucht, und die darauf ausgeht, den Begriff der geistigen Abart wieder enger zu ziehen. Ich selbst konnte noch kurz vor dem Rückmarsch aus dem Feld die Akten sämtlicher Selbstmörder meiner Division durchblättern, 12 an der Zahl; was in ihnen sich niedergeschrieben fand, war ursprünglich sicher nicht dazu bestimmt, dem psychiatrischen Belangen gerecht zu werden. Gleichwohl ging aus jenen Belegen mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit hervor, daß 8 von diesen 12 Selbstmördern psychisch auffällig waren. Wir sehen also, daß die *~_» psychischen Eigenart uns den Schlüssel gibt zum Verständnis suicidaler Handlungen. Wenn wir diese Erkenntnis in begreiflichem Stolz als Errungenschaft der allerneuesten Zeit buchen wollen, so dürfen wir nicht vergessen, daß schon das altjüdische Schrifttum in klarer und unzweideutiger Weise auf die nahen Beziehungen zwischen Selbstmord und abnormer Gemütsverfassung hinweist. Wer ist einer, der sich bei Verstand umgebracht hat? argumentiert der Talmud: nicht etwa derjenige, der auf einen Baum steigt, in der Absicht, sich herunter zu stürzen und dabei das Leben zu verlieren, sondern nur derjenige, der ausdrücklich und in Gegenwart von Zeugen diese Absicht kundgetan hat. In allen anderen Fällen gilt nach talmudischem Recht der Selbstmord als in geistiger Umnachtung begangen. Wenn man den meines Erachtens zwingenden Standpunkt vertritt, daß Gesetze und Normen aus den Bedürfnissen und Anschauungen der Zeit entspringen, so weist diese Schluß-

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