Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 105 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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—- IÖ5 — Differenzierung, von der wir oben gesprochen haben. Das durchschnittliche Bildungsniveau der Juden übertrifft bekanntermaßen das ihrer nichtjüdischen Umwelt; sicher ist dies in Mittel- und Osteuropa der Fall. Wir werden an dieser Tatsache als einen die Neigung zur Lebensflucht begünstigenden Moment nicht gut vorübergehen können. Von den neueren Autoren wird endlich die Lebensverneinung der Juden der Gegenwart mit ihrer wachsenden Entfremdung von den traditionellen Sitten und Gebräuchen in kausalen Zusammenhang gebracht. Neben den ungünstigen Bedingungen des Großstadtlebens führt Wassermann als wichtigen ätiologischen Faktor für die Häufigkeit des Suicids bei den Juden die Lockerung der orthodox-jüdischen Religion an, die sich überall als Bollwerk gegen den Selbstmord erwiesen habe. Hirschberg glaubt, daß die Zunahme der jüdischen Selbstmorde weder ohne die Einwirkung der Religion noch mit ihr allein zu erklären sei. Nach ihm steht es außer allem Zweifel, daß die größere oder geringere Macht religiöser Vorstellungen einen starken Einfluß ausübt Sonst ließe es sich kaum erklären, daß diejenigen Länder, in denen die strenggläubigsten Juden wohnen, eine auffallend geringe Beteiligung am Selbstmord zeigen, während die ungünstigen Ziffern in den Ländern zu verzeichnen sind, in j _„ _„ liPs (Hl e A'.tz T?£^ J/vJi-k« Kol ojnom rrr/~»Kßn LiiC I\Cm££*Vi* U^i ^IlAViii «cävwV-" Teil der Judenheit die Bedeutung eines unbedingt gültigen Gesetzes nicht mehr besitzt. Aber so falsch es wäre, diese hemmende Macht der jüdischen Religion zu verkennen, so ungerecht wäre es, diese Erkenntnis in einseitig übertriebener Weise zu überschätzen und etwa die Selbstmordfrequenz als Gradmesser der Religiosität der betreffenden jüdischen Bevölkerung zu nehmen. Schließlich führen Fishberg und Weichbrodt die hohe jüdische Selbstmordquote auf die zunehmende Areligiosität der heutigen Juden zurück. Hirschberg hat sicherlich recht wenn er die Erklärung der zahlreichen jüdischen Selbstmorde aus der Religion allein für einseitig und kurzsichtig hält und der Meinung ist, daß eine sozial-pathologische Erscheinung wie der Selbstmord nur das Resultat aus mehreren Komponenten sein könne. Wäre die Anschauung der Untersucher richtig, die in dem religiösen Faktor das wichtigste Prophylakticum gegen die Selbstmordneigung erblicken, dann dürfte der Selbstmord bei den gläubigen Juden strengster Observanz entweder gar nicht vorkommen oder zu den seltenen Ausnahmen gehören. So wenig die straffe Organisation der katholischen Kirche das Vorkommen des Suicids auszurotten vermochte, so wenig war auch die Synagoge imstande, ihre gesetzestreuen Anhänger von der LebensfJucht abzuhalten. Von den 86 Selbstmördern jüdischen Glaubens, die Gegenstand vorliegender Untersuchung sind, gehörten 14 der Frankfurter Religionsgesellschaft (also jener Gemeinde, die in religiösen Dingen zu keinerlei Konzessionen bereit ist) an; von den 49 Selbstmördern, die auf dem Friedhof der Hauptgemeinde ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, wurde mir von meinem Gewährsmann der vierte Teil als religiös strenggläubig bezeichnet. Man mag darüber streiten, wie weit die Grenzen der religiösen Strenggläubigkeii zu ziehen sind: die voro ~~? liegenden Zahlen liefern den schlagenden Beweis, daß unsere Anschauungen von dem Schutz der Religion gegen den Selbstmord dringend revisionsbedürftig sind. Die wenig befriedigenden Ergebnisse, die Hip T Tn+prciirhlitl ^uvü Uli g norh d AtT! V4V ir&iVwznA&tt kJL Kräften zum Selbstmord gezeitigt hat, haben schließlich dazu geführt, daß man seit einigen Jahrzehnten sder Persönlichkeit der Selbstmörder größere Aufmerksamkeit schenkte,