Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 99 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 99 — gerade in dieser Gruppe, wie das vergangene Jahrzehnt schlagend bewiesen hat, zum guten Teil geistig weniger regsame Individuen vertreten sind, während die psychisch beweglicheren Frauen, wie sich in der Inflationszeit erkennen ließ, ihr Glück mehr im freien Spiel der Kräfte versuchen. Der jüdische Dienstbote ist heutzutage fast zu einer Seltenheit geworden. Das jüdische Mädchen sucht, wenn es auf den Erwerb angewiesen ist, sein Brot in einer sozial gehobeneren, weniger abhängigen Stellung zu verdienen, wozu das Leben in der Großstadt die beste Gelegenheit bietet. Unter den berufstätigen Frauen weisen die in gehobeneren Stellungen befindlichen, wie Krankenschwestern, Lehrerinnen, Beamtinnen usw. eine relativ größere Zahl von Lebensüberdrüssigen auf. Die gleiche Erfahrung machen wir bei den nicht im Berufsleben stehenden jüdischen Frauen höherer Gesellschaftskreise, Üeber die wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Selbstmörder geben die unserer Untersuchung dienenden statistischen Ausweise so gut wie keine Auskunft, und doch wären sie von einer nicht zu unterschätzenden Wichtigkeit, da die Erfahrungen in manchen Ländern und Bezirken im großen und ganzen dahin gehen, daß wirtschaftlicher Tiefstand die Selbstmordziffer in der Regel nicht in die Höhe schnellen läßt. Wir sehen dies in Rußland und Italien, wo die Neigung zur Selbsttötung im allgemeinen eine geringe ist. Im Gegensatz hierzu treiben wirtschaftliche Krisen, durch die vorher Begüterte oft plötzlich von einem Tag zum andern um Hab und Gut kommen,solche Depossedierten zahlreich den Selbstmord in die Arme, eine Erscheinung, die wir in so vielen Fällen während der Inflation und zur Zeit der Stabilisierung beobachten konnten. In den krisenfreien Zeiten bietet wirtschaftlicher Wohlstand, wie wir bei den Juden zu beobachten Gelegenheit hatten, nicht nur kein Schutz gegen die Versuchung, Hand an sich zu legen, sondern die Neigung, dem Leben zu entsagen; offenbart sich am deutlichsten gerade bei den sozial höher gestellten Schichten. Uebersättigung und Blasiertheit wissen hier anscheinend dem Leben keinen Reiz mehr abzugewinnen. Von den Selbstmördern jüdischen Bekenntnisses, die auf riora VAV^lll |h ri Inr\r Aar iiiHior»l-i£kn C\ A UVUUVi vtvl J L4CilOV.il vj ütnnin^ö ViilWJlA1^4W Frankfurt ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, war es weit mehr wie der dritte Teil, der mir von vertrauenswürdiger Seite als sozial und wirtschaftlich hochstehend geschildert wurde. Ebenso schweigen sich die statistischen Unterlagen begreiflicherweise über die psychische Beschaffenheit der Selbstmörder aus. Ueber diese Frage, die immer noch im Brennpunkt der Diskussion steht, können, n/io \xrir wpito«- itnfon eoliati vs.'PfH f ti tiiiT vv\,ii\.i utiivii ov.iiVii WtlUtii) Spezialuntersuchungen lehrreichen Aufschluß verschaffen. Der Gedanke eines Selbstmordes schlägt, wie wir bereits gesehen haben, viel häufiger Wurzel bei Ledigen als bei Verheirateten. Vielfältige Erfahrungen lehren uns, daß bei kinderlosen Ehepartnern die Neigung zur Lebensflucht viel leichter auftaucht wie bei kinderreichen. Es scheint dabei weniger auf den größeren und geringeren Kindersegen anzukommen, als auf die Tatsache, ' 9 daß in vielen Fällen das Gefühl der Gebundenheit, namentlich der Rücksicht auf die noch in zartem Alter stehenden Sprößlinge die Lebensmüden vor dem letzten Schritt zurückhält. In vorgerückteren Jahren fallen diese Hemmungen weg, vielleicht weil die Begleiterscheinungen des Alters den Menschen an und für sich selbstsüchtiger machen, aber auch sicher nicht zum wenigsten deshalb, weil die heranwachsenden Kinder, noch dazu, wenn sie schon im Berufsleben