Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2650397-2650398-2650402--5172-2650566- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 94 - wurden. Auch in Württemberg überragt der durchschnittliche Anteil der Juden an der prozentualen Selbstmordhäufigkeit die auf sie entfallende Bevölkerungsquote. In. den außerdeutschen Ländern sind die Unterschiede in den Selbstmordziffern der Juden und Nichtjuden ebenfalls augenfällig. Zwar standen die Juden in Budapest 1904/5 hinter den anderen Konfessionen zurück, die Juden von Wien 1901/2 an Zahl zwischen den beiden Bekenntnissen. In Rußland hingegen befanden sich 1905/9 unter 383 jugendlichen Selbstmördern 32 Juden, eine Zahl, die prozentual um die Hälfte den Bevölkerungsanteil der Juden übertrifft. Nach Fishberg war im Winter 1907/8 während der amerikanischen Handelskrise die Anzahl der jüdischen Selbstmorde in New York" außerordentlich groß, und dabei zeigte sich, daß auch die Abneigung der osteuropäischen Juden gegen den Selbstmord schwindet, sobald sie dem komplizierten Leben einer Großstadt wie New York gegenüber stehen. Lassen wir somit die nackten Zahlen allein reden, so erscheint uns der Beweis erbracht, daß die Juden in den meisten Ländern zu den Seihstmördefn weitaus das größte Kontingent stellen. Eine weitere Untersuchung über den Selbstmord bei ihnen wäre somit überflüssig. Wenn wir dennoch eine solche unternommen haben, so geschah es einer- Sfisif'C UffH \/£*'S»i"! Hl4"|-?|S*£*Ät5-£ X^==I ,*,frr; t | jj-j: --| Nachkriegszeit Rechnung zu tragen, andererseits, um eine Reihe von Fragen, die mit dem Suicid eng verknüpft sind, wieder anzuschneiden; Fragen, die mir noch z. T. keine glückliche Lösung gefunden zu haben scheinen; vor allem aber schien es mir wichtig, die bisherigen Anschauungen über die Aetiologie des Selbstmordes bei den Juden einer Revision zu unterziehen. Für eine derartige Untersuchung hielt ich das Material der Stadt Frankfurt, das ich den Feststellungen des statistischen Amts und dem besonderen Entgegenkommen seines Leiters, Herrn Direktor Busch verdanke, besonders geeignet. Denn Frankfurt a. M. besitzt eine altehrwürdige ansehnliche Gemeinde, groß genug, um einer derartigen Untersuchung zum Erfolg zu verhelfen, aber nicht zu groß, um auf die persönliche Bewertung der Einzelfälle Verzicht leisten zu müssen. In dieser Hinsicht fanden die Zahlen des statistischen Amts in den Aufzeichnungen der hiesigen jüdischen Gemeinde eine wertvolle Ergänzung. In den Jahren 1914/23 einschließlich kamen in Frankfurt a. M. 1054 Selbstmordfälle zur Kenntnis der Behörden. Die wirkliche Zahl ist zweifellos noch beträchtlich größer; denn alle die Personen, die aus unbekannter Ursache tot aufgefunden werden, werden unter der Rubrik „Unglücksfall" registriert, wenn nicht der Nachweis erbracht wird, daß sie eines freiwilligen Todes umgekommen sind; p-anz zu schweifen von den Fällen von C5 ~ ö; Suicid, die dem wachsamen Auge der Sanitätspolizei entgehen, weil die Angehörigen ängstlich bemüht sind, die wahre Todesursache geheim zu halten. Nimmt man für das Jahrzehnt, auf das sich unsere Untersuchung erstreckt, eine durchschnittliche Bevölkerungsziffer von jährlich 454000 an, so kommen auf 100000 Seelen 23,2 Selbstmorde. U^tpf Qf4— 10R4 Selbstmördern befanden sich 86 8,2 % Juden, während diese nach der letzten Volkszählung im Jahre 1910 nur 6,3 % der Bevölkerung stellten. Die Selbstmordfälle verteilten sich auf die einzelnen Jahrgänge nach Konfessionen'wie folgt: (siehe Tabelle 1) Viel anschaulicher tritt das Verhältnis der einzelnen Bekenntnisse zu einander in Tab. Ii hervor; unter 100 Selbstmördern befanden sich: (siehe Tabelle 2)