Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6 (August 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 92 — Talmud ist, daß der Lebensflucht so gut wie niemals ein egoistisches Motiv zugrunde Hegt, sondern daß es sich in fast allen Fällen um die Vernichtung der Persönlichkeit in der Erfüllung einer höheren Pflicht, also um Selbstaufopferung handelt. Der Talmud nimmt nur dann einen Selbstmord an, wenn die Tat in der vor Zeugen ausgesprochenen Absicht geschieht, dem Leben zu entsagen. In allen andern Fällen wird die suicidale Handlung als Ausfluß geistiger Störung, somit nicht als Selbstmord betrachtet. So ist es denn begreiflich, daß der Talmud auch die Tat des Königs Saul wegzudispütieren sucht, weil sie nicht die aufgestellten Kriterien eines Selbstmords erfüllt. In fast allen Fällen von Selbsttötung, die der Talmud erwähnt, handelt es sich um wenig prominente Persönlichkeiten, wie z. B. in dem Falle des Wäschers eines großen Rabbi (Traktat Kethuboth), der sich vom Dache stürzt, weil er nicht beim Tod seines Herrn hatte zugegen sein können. Das religiöse Verbot der Selbsttötung wird aus Gen. 9, 5: „Euer Blut werde ich von Euch fordern", hergeleitet. Nur unter drei Bedingungen gilt der freiwillige Tod nach A. Roth als entschuldbar, nämlich wenn man nur durch das Opfer seines eigenen Ichs dem Zwang zum Götzendienst, zur Unsittlichkeit und 711 m M r\vA pnWhPfi Lrann ä--s-*aaa a * aw i «~». »_..*..». *.;;._-.. ii K.lf. J.iU'iil« In der nachbiblischen Zeit ist der Selbstmord längst keine Seltenheit mehr. Die zeitgenössischen Schilderungen des Flavius Josephus liefern in dieser Hinsicht eine ganze Anzahl von konkreten Beispielen. Mord und Selbstmord stehen im herodianischen Zeitalter in traurigem Wettbewerb. Herodes selbst macht kurz vor seinem Ende einen Suicidversuch; ob es ihm damit ernst war, kann man nach den begleitenden Umständen bezweifeln. Bei der Eroberung Jerusalems durch Pompejus, bei der Einnahme von Jotapata, Joppe und Gamala, während des Aufstandes gegen Sabinus, vor allem bei der Erstürmung des brennenden Tempels durch Titus zogen viele Juden den Tod aus eigener dem aus Feindeshand vor. Besonderes Interesse aber verdient die Verteidigungsrede des Josephus selbst, der unter Berufung auf das göttliche Verbot seine bedrängten Volksgenossen mit beredten Worten abzuhalten versucht, sich selbst zu töten. Auch hier sind Zweifel erlaubt, ob diese fromme Geste mehr dem Mangel an persönlichem Mut oder der Liebedienerei gegen die Römer entsprang. Auf die in jenen Zeiten übliche Gepflogenheit, den Leichnam des Selbstmörders bis zum Abend unbestattet liegen zu lassen, verdient eigens hingewiesen zu werden. Wie sehr der Selbstmord bei den Juden verpönt war, beweist eines der Opfer der hadrianischen Verfolgungen R. Chadnina b. Teradion. Um seine Qualen auf dem Scheiterhaufen von frischen Weiden zu verlängern, legte man ihm angefeuchtete Wolle auf die Herzgegend. Er aber weigerte sich, diese zu entfernen, um nicht gegen das göttliche Gesetz zu verstoßen und sein Ende zu beschleunigen. Wenden wir uns der späteren Geschichte der Juden zu, so stoßen wir auf Wunder von Heroismus, so beim jüdisch-arabischen K5"i<? Jussuf der sich mit seinem Rosse ......' '~ ~ von einem Felsen ins Meer stürzt, um nicht in Feindeshand zu fallen; so bei der Frau jenes berühmten späteren Oberhaupts der Gemeinde Cordova R. Mose b. Chanoch, die den Tod in den Wellen suchte, um sich den Nachstellungen eines Schiffskapitäns zu entziehen. Je mehr wir uns dem christlichen Mittelalter nähern, desto mehr begegnet uns der Selbstmord bei den Juden als Massenerscheinung. Um dem Zwang der Taufe aus den Händen der entmenschten Kreuzfahrer zu entgehen, gaben sich ungezählte Juden