Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 3-4 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 84 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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- 84 - geoisie, der „Nepleute" ist nicht sehr groß, aber in Anbetracht der allgemeinen Armut doch recht in die Äugen fallend. Da die Anlage von Geld in der Produktion gefährlich ist wird das Geld zu spekulativen Zweken verwendet, zum Ankauf von Luxusartikeln und für den direkten Verbrauch. Die geringe Schicht der höheren kaufmännischen Reichsbeamten und Nepleute fällt jedem in die Augen und unterstützt die Auffassung der armen Bevölkerung, daß durch die Revolution nur die Juden gewonnen haben, daß die Herrschaft des Kommunismus eine jüdische Herrschaft ist. Die glückliche Schicht der Nepleute ist aber nur ein kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung. Die Wirtschaftslage der jüdischen Massen kann sich erst mit der Wiederbelebung der russischen Volkswirtschaft bessern, die allmählich anfängt. Etwas günstiger ist der Zustand in Weißrußland. Dort war das Bauerntum nur kurze Zeit das Objekt kommunistischer Experimente und hat auch durch Mißernten nicht gelitten. Gleichzeitig hat die jüdische Bevölkerung dort weniger unter Pogromen gelitten. Infolge der Nähe der oolnischen Grenze ist dort auch der X Warenaustausch lebendiger, der aber in ganz primitiven Formen vor sich geht. Die Handwerker, die f rüher die Waren verarbeiteten und Fertigwaren verkauften, müssen jetzt meistens auf Bestellung arbeiten und werden oft zu Wanderschneidern, Wanderschustern usw. In der Ukraine bleibt die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung noch höchst traurig* Völlig verarmt durch die ununter- Ö o brochenen Progrome besitzt die jüdische Bevölkerung nicht das notwendige Minimum von Mitteln zum Einkauf von Waren, Materialien und Inventar, ohne das man weder Handel noch Handwerk betreiben kann. Eine starke Störung für die Wiederbelebung des Handels bilden die ungeheueren Steuern, die seitens der kommunistischen Macht, die noch jetzt jeder privaten Initiative feindlich gegenübersteht, dem Privathandel auferlegt werden. Neu-Rußland hat sich von den Mißernten noch nicht erholt, und die Kauffähigkeit des dortigen Bauerntums ist sehr gering. Gleichzeitig werden die großen Städte von zahlreichen jüdischen Arbeitslosen wegen der Massenentlassung von Räteangestellten, die zur Verringerung des Reichsbudgets und infolge der Einschränkung der Industrie durchgeführt werden, überflutet. Aus dieser schwierigen Situation heraus erklärt sich auch die Tatsache, daß jener Teil der städtischen jüdischen Bevölkerung, dem es gelungen ist, etwas Grund und Boden zu bekommen, ihn mit allen Kräften festhält und sich bemüht, auf jede mögliche Weise ihn zu bearbeiten, um Dauereigentümer zu werden. Selbstverständlich können sich die Juden infolge des Mangels an Inventar und erforderlichen Kenntnissen nur sehr schwer in die Landwirtschaft eingliedern. Selbst die Bevölkerung der kleinen jüdischen Kolonien ist bemüht, so schnell als möglich zu ihren Trümmerstätten zurückzukehren, ohne Rücksicht auf alle Schwierigkeiten der neuen Einordnung und unbekümmert darum, daß in der Ukraine das Banditentum noch nicht vfillicr o-perhwunden ist. ' ' c? o - . . . Hinsichtlich eines bedeutenden Teils der jüdischen Bevölkerung der Ukraine muß man leider sagen, daß der „Nep" ihm nur eins gebracht hat: Die Möglichkeit, materielle Unterstützung vom Ausland, von näheren und ferneren Verwandten zu bekommen. Endlich ist zu erwähnen, daß die soziale Umwälzung nicht nur die materielle Grundlage zerstört hat, sondern auch vollkommen die Moral der Bevölkerung untergraben hat. Die Revolution hat die alte Auffassung von der Moral zertrümmert, aber eine neue nicht