Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 3-4 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 83 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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— 83 - wieder entstanden, bei den Arbeitern der Impuls, fleißiger zu arbeiten. Die Industrie begann, wenn auch in sehr geringem Maße, ungefähr um 25^ der Vorkriegsnorm, sich wieder zu entwickeln, nachdem sie während der kommunistischen Herrschaft völlig darniederlag. Die Regierung ist aber trotzdem nicht imstande, eine kräftige Industrie zu schaffen, die sich aliein erhält und Waren zu Preisen produzieren kann, die den breiten Massen der verarmten Bevölkerung angepaßt sind. Das Privatkapital ist zu gering, um in großem Maße Unternehmungen ins Leben zu rufen. Außerdem strebt es infolge Fehlens rechtlicher Garantie nur dorthin, wo es schnell realisiert wird, d. h. hauptsächlich zum Handel, nicht zur Industrie, die eine Investierung von Kapital auf viele Jahre erfordert. Eine Hinzuziehung ausländischer Kapitalien ist für den Wiederaufbau Rußlands dringend notwendig, aber vorderhand unmöglich. Es kann sich hierbei höchstens um kurzfristige Handelsoperationen handeln. Aus den angegebenen Gründen ist das Bild von Rußlands wirtschaftlicher Entwicklung noch sehr unklar. Der Kreislauf der Säfte hat zwar im Volksleben begonnen, aber die Wiederbelebung, die durch die neue ökonomische Politik in den zentralen Punkten des Wirtschaftslebens eingesetzt hat, war nur scheinbar. Die Großindustrie arbeitet teuer, und trotz ihrer geringen Produktion hat sie keinen Markt für ihre Waren unter der verarmten Bevölkerung. Die Industrie ist zu Einschränkungen gezwungen und wirft immer neue Gruppen von Arbeitslosen auf die Straße. Die Eisenbahnen können infolge des äußerst begrenzten Warenaustausches kaum bestehen, die weniger wichtigen Linien sind völlig eingestellt worden. Die Produktensteuer drückt schwer auf das Bauerntum. Die auflebende Industrie und der Handel müssen ungeheure Steuern entrichten. Desungeachtet können die Ausgaben des Reiches nur durch Emissionen gedeckt werden. Alle Kulturanstalten sind durch den Mangel an Geldmittel ruiniert. Für einige Gruppen der jüdischen Bevölkerung war der „Nep" günstig. Seitdem alle Reichswirtschaftsanstalten auf wirtschaftliche Prinzipien eingestellt wurden, entstand eine große Nachfrage nach Menschen mit kaufmännischen Fähigkeiten, die selbstverständlich in großer Zahl unter den Juden gefunden wurden. Aus den ehemaligen jüdischen Arbeitern, der jüdischen Intelligenz und Bourgeoisie entstand eine bedeutende Schicht höherer kaufmännischer Reichsbeamter. Auf diese Weise spielen die Juden eine große, vielleicht sogar eine dominierende Rolle in der Wiederherstellung der Handelsbeziehungen im Lande. Und dies nicht nur in ehemaligen Handelssachen, sondern in Zentralrußland bis einschließlich Sibirien. Die Bedingungen der ökonomischen Tätigkeit in Rußland bei einem derartigen Zusammenbruch der Transportmittel, bei der schwankenden Valuta, bei den kolossalen Steuern, bei der ständigen Einmischung der Behörden und dem Mangel an genauen rechtlichen Garantien sind sehr schwierig, und es bedarf der Energie und der Anpassungsfähigkeit der jüdischen Unternehmer, um Giesen ückwiengKeiten zu oegegnen. jjes- Lalb ist das jüdische Element in der neuen Bourgeoisie so stark vertreten. Wohl der größte Teil der Handelsunternehmungen in o beiden Hauptstädten gehört Juden, die in alten Gebäuden und mit alten Schildern der ehemaligen bekannten russischen Firmen arbeiten. Die neuen Unternehmen entstammen nicht so sehr der früheren jüdischen Großbourgeoisie, sondern vielmehr neuen Elementen. Die Zahl der Schrittmacher für die Bour-