Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1924-05-01 · Heft 3-4 (Mai 1924) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1924) (Neue Folge)
Issue
Heft 3-4 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2650397-2650398-2650401--5135-2650528
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 58 - weit man hier überhaupt von einer Lösung sprechen kann. Zunächst ein geschichtlicher Rückblick auf die Entstehung der Organisation der jüdischen Wanderarmenfürsorge in Deutschland, die aufs engste verknüpft ist mit einer Geschichte des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, weicher das Verdienst hat, diese bedeutsame inner-jüdische Frage ihrer Lösung entgegengeführt zu haben. Unmittelbar nach der im Jahre 1872 erfolgten Konstituierung des Gemeindebundes betrachtete der Ausschuß es als eine seiner dringensten Aufgaben, eine Verbesserung des Armenpflegewesens mit Beseitigung des Wanderbettels in die Wege zu leiten. Es waren nämlich dem Ausschuß aus vielen mittleren und kleineren Gemeinden Klagen darüber zugegangen, daß sie allzusehr von Wanderbettlern heimgesucht werden, deren Endziel große und bemittelte Gemeinden seien, in welchen der Haus- und Wanderbettel blühe, da nichts zur Abwehr geschehe. Es wurde daraufhin ein Organisationsentwurf ausgearbeitet, der, wie eine eingehende Kritik von Sachverständigen ergab, einen wohldurchdachten und wertvollen Beitrag für die gründliche Lösung dieser schwierigen Frage darstellte. Es fehlte aber damals in den meisten Gemeinden noch an den notwendigen lokalen Einrichtungen und Verwaltungsorganen. Es mußte zunächst das Fundament geschaffen werden. Die wichtigste Anregung ging daher zuerst dahin, Unterstützungskassen ins Leben zu rufen, deren Verwaltung nach übereinstimmenden Grundsätzen geregelt werden sollte. Sie waren bestimmt, nach Beseitigung des Hausbettels den Boden zu schaffen, auf welchem sich später eine Organisation aufbauen sollte. Die Unterstützungskassen hatten die Aufgabe, das Gewerbe des Hausbettels zu einem weniger lohnenden zu machen, indem man eingehend nach Lebens- und Familienverhältnissen, Reiseroute und Reiseziel forschte, die Papiere streng prüfte, die Unterstützung knapp bemaß. Der Ausschuß beschloß, eine Instruktion für die Armenpflege der Unterstützungskassen auszuarbeiten, ferner an die Gemeinden, welche wegen ihrer mangelhaften Einrichtungen einen Hauptanziehungspunkt für die Wanderbettler bildeten, das besondere Ersuchen zu richten, sich im Interesse der Gesamtheit den allgemeinen Maßregeln anzuschließen. Im April 1873 verschickte der Ausschuß ein Zirkular an die jüdischen Gemeinden, welches Bestimmungen enthielt über die Lokal- und Fremdenarmenpflege. Der Hauptinhalt war: die jüdische Lokalarmenpflege hat sich die Beseitigung des Hausbettels angelegen sein lassen. Um dies zu erreichen, ist in jeder jüdischen Gemeinde eine allgemeine Armenkasse zu gründen, weicher sämtliche Gemeindemitglieder beitreten sollen; gleichzeitig sollten sie sich verpflichten, nicht mehr Privatunterstützungen zu geben. Aus den Unterstützungskassen sollten nur die zeitweilig oder dauernd Erwerbsunfähigen Unterstützung erhalten, arbeitsfähige Unterstützungssuchende nur dann, wenn ihnen dadurch die Möglichkeit geschaffen wurde, wieder zu einer geregelten Tätigkeit zu gelangen. Um der Verarmung entgegenzuwirken, empfahl man die Gründung von Darlehns- oder Vorschußkassen. Bestanden in der Gemeinde noch andere Wohltätigkeitsanstalten, so war ein planmäßiges Zusammenarbeiten zu erstreben. Gemeinden, die aus eigenen Mitteln nicht imstande waren, für eine bestimmte Kategorie von Unterstützungssuchenden zu sorgen, wurde empfohlen, mit benachbarten oder Provinzialgemeinden zusammen die Gründung von Bezirksbezw. Provinzialverbänden zu bewirken. Jener erste Entwurf enthielt bereits, wie wir später

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.