Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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50 - rechtsseitigen Ukraine mußte noch im Sommer 1920 die kurze Periode des polnischen Krieges miterleben. Eist zu Beginn 1921 konnten die Juden etwas ruhiger aufatmen. Trotzdem kamen noch 1921 Fälle vor, wobei Progrombanden von Polen aus einbrachen, unter denen besonders die jüdische Bevölkerung in Polesien litt. Während der Kommunismus der gesamten jüdischen Bevölkerung die normalen Ernährungsmöglichkeiten raubte, machten die Progrome eine ungeheure Zahl von Juden in der Ukraine, Neurußland und Polesien zu völlig Armen, ganz zu schweigen von den schrecklichen, unvergeßlichen Eindrücken auf die Ueberlebenden. Es blieben Zehntausende unglücklicher Witwen, Waisen, physisch und psychisch gebrochener Menschen zurück. Die Progrome . haben das jüdische Städtchen, das schon längst im Zeichen des Zusammenbruches stand, vollkommen zerstört. Die kleinen Siedlungen waren am wenigsten imstande, den Progrombanden Widerstand zu leisten. Eine kolossale Zahl jüdischer Städtchen, eine nicht minder große jüdischer landwirtschaftlicher Kolonien wurden verbrannt, ausgerottet, ihre Bevölkerung vernichtet, soweit sie nicht entfliehen konnte. Die jüdische Bevölkerung konzentrierte sich in den Städten, wo das Leben doch etwas sicherer war. Wer es vermochte, bemühte sich, aus dem Progromgebiet zu entkommen. Man floh nach Zentralrußland, Polen, Rumänien, übers Meer. Die jüdische Bevölkerung der Ukraine hat sich stark verringert. Während sie früher vermögender war als das Judentum im Nordwesten, erreichte sie jetzt einen wirtschaftlichen Tiefstand. VI. Im Herbst 1920 erfocht die kommunistische Macht einen Sieg über ihren letzten ernsten Gegner, über Generai Wrangeis Armee. Trunken vom Siege begann sie mit noch größerer Energie ihr kommunistisches Programm zu verwirklichen: Die Ansammlung der Lebensmittel wurde durchaus systematisch durchgeführt, und den Bauern überließ man gerade so viel als bis zur nächsten Ernte notwendig war. Die Ernte 1920 war unter dem Durchschnitt, und die Bauern fühlten instinktiv, daß die schreckliche Mißernte 1921 heranrückte. Die Stimmung des großrussischen Bauerntums, das bis jetzt treu zum Bolschewismus stand, änderte sich. Eine W7elle von Aufständen verbreitete sich von Sibirien an durch das ganze Wolgagebiet bis zur Hauptstadt. Die allgemeine Unzufriedenheit fand ihren Widerhall in der ausgehungerten Arbeiterklasse von Petrograd und führte den Kronstadter Aufstand herbei. Der Sowjetmacht gelang es, die starken aber isolierten Aufstände zu ersticken. Die Bolschewisten konnten einen vorübergehenden -Sieg feiern. Die Sowjetmacht sah ein, daß man über ein Bauernland unmöglich gegen die Bauern regieren könnte. Sie beschloß, in ihrer kommunistischen Politik nachzulassen und dem Bauerntum entgegenzukommen. Seit März 1921 begann in Rußland die Periode des „Nep", d. h. der neuen ökonomischen Politik. Diese Wendung in der Wirtschaftspolitik < * -i I .. ■ TN. TTT 1H 8Dsr ks.in osrcits '^'^ £n>sT# usr wsitiiric^ auf der einen Seite, der Bürgerkrieg auf der andern Seite und vor allem die kommunistische Politik haben nicht nur die russischen Städte zerstört, sondern auch die Bauernwirtschaft völlig verarmen lassen. Zu allem Unglück war im Jahre 1921 eine ungewöhnliche Trockenheit in ganz Südrußland. Ein solch unglückliches Jahr gab es nicht seit dem schrecklichen Jahre 1891. Der Zustand war aber jetzt viel ärger als vor 30 Jahren. Damals existierte die