Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 47 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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mus über das Gebiet des ehemaligen Ansiedlungsrayons. Welche Folge hatte dies für die jüdische Bevölkerung auf wirtschaftlichem Gebiet? Der Bolschewismus hat die jüdische Bevölkerung in viel stärkerem Maße & als die nichtjüdische ruiniert, weil er die Grundlagen der beiden Hauptberufe der jüdischen Bevölkerung untergraben hat. Der jüdische Handelsstand wurde enteignet, und dem jüdischen Handwerkerstande die Rohstoffe weggenommen, Gewiß, die kommunistische Macht hat den Juden die Tore der Fabriken weit geöffnet, hat die jüdischen Handwerker zum Zusammenschluß aufgefordert, um gemeinsam für das Reich zu arbeiten. Anstrengende Tätigkeit wurde nicht verlangt. Wer in einer Fabrik, in einer allgemeinen Werkstätte arbeitete, bekam einen bestimmten, für alle gleich hohen Lohn in Geld oder Naturalien, aber der Lohn war so klein, daß er nicht vor dem Hungertode schützen konnte. Außerdem bestand die Möglichkeif, Unterhalt in einer Fabrik oder einer Werkstatt zu finden, hauptsächlich in den größeren Zentren, in keinem Falle aber in den kleinen Städten und Städtchen. Nach dem Sieg des Kommunismus in Rußland strömte die russische Bevölkerung aus den Städten in die Dörfer, weil ein Teil von ihr dort gewisse Verbindungen besaß, ein anderer sich rasch solche verschaffte. Wohin aber sollte sich die jüdische Bevölkerung hinwenden, welcher das Dorf völlig fremd war. Nachdem die Revolution die lechtüchen Beschränkungen beseitigt hatte, wollten auch die Juden sich der Landwirtschaft zuwenden. Der städtischen Bevölkerung war dies aber nur in außergewöhnlichen Fällen möglich. Ein gewisser Teil der jüdischen Bevölkerung in den Städtchen aber bekam doch bei der allgemeinen Verteilung etwas Landbesitz. Indessen war die Organisierung einer Wirtschaft beim Fehlen von Häusern, lebendem und totem Material, Saatgut und nicht genügender Erfahrung in landwirtschaftlicher Arbeit sehr schwer. Um diese Schwierigkeit zu beheben, haben die neuen Erdarbeiter sich zu Genossenschaften zusammengetan, weil die Regierungsbehörden leichter Genossenschaften als Einzelpersonen Land gaben. Die Hauptmasse der jüdischen Kleinbourgeoisie konnte nur sich erhalten, indem sie die Gesetze der kommunistischen Regierung umging. Sie warf sich auf die Spekulation, da jede selbständige wirtschaftliche Tätigkeit den festen Boden unter den Füßen verlor und zur Spekulation wurde. Das war sehr gefährlich, weil die kommunistische Macht sehr hart gegen die Händler vorging und selbst gegen die Handwerker, die es wagten, selbständige Käufe von Rohstoffen vorzunehmen. Schon zu Ende des 18. Jahrhunderts, als die jüdische Bevölkerung unter Rußlands Herrschaft kam, begann bei ihr ein allmählicher aber unaufhaltsamer Umschichtungsprozeß. Mit der fortschreitenden Entwicklung der russischen Volkswirtschaft hörten die Juden auf kleine Vermittler, Mäkler, Luftmenschen zu sein und gingen immer mehr zu produktiven Berufen über. Der Krieg bat, wie wir gesehen haben, diesen Prozeß nur beschleunigt. Es änderte sich auch die Physiognomie des Handelsstandes., der das gesunde Prinzip einer fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaft sich zu eigen macht. Der Zusammenbruch der russischen Volkswirtschaft aber hat die wichtigen positiven Resultate einer fast hundertjährigen Entwicklung zunichte gemacht Die jüdische Masse verlor abermals den Boden, sie wurde wieder eine Gemeinschaft von Lufimenschen und Spekulanten. Nur die wenigen Menschen, die sich mit Landwirtschaft befassen, sind das einzige positive Resultat dieser traurigen Epoche.