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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1924-03-01 · Heft 2 (März 1924) · p. Seite 46

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
1 (1924) (Neue Folge)
Issue
Heft 2 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 46 (sequence 14)
Language
German
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— 46 — Sack auf der Schulter in die Dörfer wandern, oftmals Hunderte von Kilometern weit, um städtische Artikel, wie Salz, Kleider, wertvolle Gegenstände gegen etwas Nahrungsmittel für eigenen Bedarf und zum Verkauf einzutauschen. Im Laufe des Jahres 1918 haben diese Dorfgänger alle Bahnen, Schiffe und sonstigen Wege überflutet. An Stelle der zerstörten normalen Handelsorganisation wurde ein primitiver Apparat geschaffen, der mit ungeheuren, überflüssigen Ausgaben verknüpft war. Die Regierung widmete ihre ganze Energie dem Kampf mit den Dorfgängern und hat nach und nach auch diese Lücke im kommunistischen Wirtschaftssystem geschlossen. Am Ende des Jahres 1920 konnte der Kommunismus seinen Sieg feiern. Jeder direkte Verkehr zwischen Stadt und Dorf, zumindestens in den Gegenden, wo die Rätemacht sich stark befestigt hatte, war zerrissen. In den Städten wurden als Zeichen des Sieges sogar die Marktgebäude zerstört. Die Regierungsorgane wurden die einzigen Kanäle für den Austausch zwischen Stadt und Dorf. Da sie im Besitz der Rohstoffe waren, konnten sie schon hierdurch allein die ganze Produktion in den Städten in ihrer Hand behalten. Als Folge dieses Sieges wurde zuerst die wirtschaftliche Tätigkeit in den Städten, dann aber auch in den Dörfern völlig lahmgelegt. Die kommunistische Macht, die den Austausch monopolisierte, konnte der städtischen Bevölkerung, darunter sogar dem priviligierten Fabrikproletariat nur Hungerlöhne geben und das Dorf mit einer sehr geringen Warenmenge versorgen. Anfänglich wurde die städtische Bevölkerung hierdurch auf das Schwerste getroffen. Von 1918 an begann sie, durch Hunger gezwungen, schnell abzuwandern. Ortseingesessene Städter begannen sich eine dörfliche Wirtschaft zuzulegen, was durch die neue Agrarpolitik, die ihnen das Recht gab, einen Anteil an der Dorfgemeinde zu verlangen, unterstützt wurde. Die städtische Bevölkerung in Rußland hat in wenigen Jahren um die Hälfte abgenommen. Viele industrielle Zentren wurden vollständig z^^ort und ver- - ** " * v ' schwanden völlig vom Erdboden. Nun aber kam die Reihe auch ans Dorf. Die reichsten Orte Rußlands im Süden und im Osten wurden durch den Bürgerkrieg erschüttert, und bald nach dem Siege des Bolschewismus begann die Landwirtschaft unter dem Einfluß der kommunistischen Politik zusammenzubrechen. Die großkapitalistischen Wirtschaften wurden schon im ersten Revolutionsjahr vernichtet, und das starke Bauerntum verlor jedes Interesse, die unbedingt zum eigenen Gebrauch notwendige Fläche zu erweitern. So wurde die Hungerkatastrophe der Jahre 1921/1922 vorbereitet. Das erste Jahr der kommunistischen Tätigkeit berührte nur einen kleinen Teil der jüdischen Bevölkerung, weil der Teil des russischen Landes, wo die Juden in kompakten Massen lebten, infolge der Loslösung der Ukraine und der Besetzung durch die Deutschen ein Jahr hindurch von der Rätemacht getrennt war. Von dem Eindruck, den das bolschewistische Regime auf die jüdische Bevölkerung schon im ersten Jahr seines Bestehens gemacht hat,, erhält man eine Vorstellung durch die Massenrückwanderung der Heimlosen, die sich in Ostrußland niedergelassen hatten. Ohne Rücksicht auf die ungeheuren Schwierigkeiten der Reise durch das Räterußland und die Grenzüberschreitung suchte ein jeder sich aus Rußland zu retten, obgleich die Juden dort nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich volle Gleichberechtigung genossen. Nach der Niederlage Deutschlands begann rasch die Ausbreitung des Bolschewis-

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