Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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das alte Regime zu Fall, gebracht. Sie wirkten nämlich stark auf die Produktivität der Landwirtschaft in den wenig bevölkerten südlichen und östlichen Gegenden ein, welche die größten Mengen von Getreide zu liefern pflegten. Zu gleicher Zeit erwuchs der Regierung ein schweres Problem der Ernährung der 15-Millionenarmee, sowie der städtischen Bevölkerung, die nahezu ausschließlich für die Bedürfnisse der Armee arbeitete, Getreide gab es im Lande genug, aber das Herausholen desselben von den Hauptproduzenten, nämlich den Bauern, wurde immer schwerer» Der Verkauf von Branntwein, der im Austausch ca. 500 Mill. Pud Getreide auf den Markt zu bringen pflegte, wurde von der Regierung untersagt. Die Städte konnten den Bauern nur sehr wenig Waren für das Brot liefern. Geld hatten die Bauern übergenug durch die Einnahmen, welche sie von den mobilisierten Mitgliedern ihrer Familie bekamen. Die Folge war eine schnelle Verteuerung des Brotes als Gesamtwirkung der allgemeinen wirtschaftlichen Konjunktur. Die Regierung aber wollte die schon ohnehin großen Emissionen nicht noch mehr vergrößern und die Produkte billiger erhalten und dadurch den Krieg billiger führen. Deshalb begann sie die Getreidepreise zu normieren und das Getreide zu requirieren. Die Resultate dieser Maßnahmen waren völlig negativ. — Der private Getreidehandel wurde völlig desorganisiert und die Hauptstädte begannen einen starken Mangel an Nahrungsmitteln zu fühlen. Die Schwierigkeiten der Lebensmittelversorgung, die den Beweis erbrachten, daß die Kriegslast den Kräften der russischen Volkswirtschaft nicht angemessen war, haben das alte Regime zugrundegerichtet, das bereits durch die zweite Niederlage seit dem japanischen Krieg vollkommen korrumpiert war.—Am 27.Februar alten Stils wurde die zaristische Regierung gestürzt und während 8 Monaten bestand eine zeitweilige Regierung, deren Zusammensetzung zwar oft sich geändert hat, indem sie immer mehr sozialistisch gerichtete Persönlichkeiten aufnahm, die aber doch im allgemeinen aus typischen Vertretern der russischen Intelligenz bestand. Die zeitweilige Regierung hatte die Absicht, den Krieg fortzusetzen und setzte sich so in Widerspruch zur Stimmung der revolutionären Massen, die unter allen Umständen den Krieg zu beendigen wünschten. Um ihren Zweck zu erreichen, suchte die Regierung das System der sozialistischen Wirtschaft zu verbreiten, nachdem die russische Intelligenz von jeher eine prinzipielle Anhängerin dieser Wirtschaft war. Es wurden die Getreidemonopole verstaatlicht und die Sozialisierung der Industrie durch die Regierung wurde bis auf die Spitze getrieben. Die Macht der neuen Regierung war aber sehr schwach, und sie konnte die eben angegebenen Maßnahmen nicht planmäßig verwirklichen. Die Volkswirtschaft, die zu ihrer Erhaltung in der Periode des Weltkrieges die stärksten Kraftanstrengungen erfordert hatte, begann schnell in Trümmer zu sinken. In den arbeitenden Massen war jede Disziplin verschwunden. Arbeiter bemächtigten sich der Fabriken, Eisenbahner nahmen die Verwaltung der Bahnen an sich, Bauern eigneten sich privaten Grundbesitz an, Kaufleute und Händler wurden für Spekulanten erklärt, ihre Waren wurden geplündert, und überall wurde die Arbeit eingestellt. Die jüdischen Massen erkannten klarer als die anderen Bevölkerungselemente, welch schreckliche Gefahr der Zerfall der Volkswirtschaft, der unter der Losung des Sozialismus eintrat, bedeutete. Der jüdische Handelsstand merkte sofort, daß er sich auf