Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 43 — weil die Nachfrage dauernd größer war als das Angebot. Im Zusammenhang mit der eben geschilderten nicht ungünstigen Situation der jüdischen Heimlosen in den neuen Orten wurde der Versuch gemacht, für die Flüchtlinge Kredit zu schaffen. An einigen Orten außerhalb des Ansiedlungsrayons wurden jüdische Leih- und Sparkassen gegründet, an anderen Stellen gaben die jüdischen Hilfsorganisationen Darlehen zu produktiven Zwecken, die sehr oft zurückgezahlt wurden, weil die Darlehnsnehmer sie produktiv anlegen konnten. Die größte Bedeutung des eben geschilderten Kriegsabschnittes bestand darin, daß die jüdische Kleinindustrie nach Ostrußland verpflanzt wurde. Schon zu Anfang des Krieges begann die Wilnaer Sockenindustrie nach Poltawa überzusiedeln. In den neuen Orten ließen sich sowohl die Unternehmer als auch die Arbeiter und Arbeiterinnen nieder. Zu den alten Arbeitern des Wilnaer Gouvernements kamen neue Gruppen hinzu, hauptsächlich jüdische Mädchen aus Poltawa. Schnell wurden auch die am Orte wohnenden nichtjüdischen Mädchen zur Arbeit herangezogen. Infolge der großen Nachfrage nach Waren hat sich die Industrie sehr gut entwickelt. Ganze Zweige der jüdischen Galanteriefabrikation sind schon in den ersten Anfängen des Krieges nach Südrußland abgewandert ■— nach Berditschew, Odessa, Jekatarinoslaw, Lugansk, Bachmut usw. Als nun der Ansiedlungsrayon abgeschafft wurde, ist die jüdische Galanterieindustrie in die Städte um Moskau herum ausgewandert, da Moskau selbst damals noch für Juden verschlossen war. Die Lederindustrie ist aus dem zerstörten Smorgon in das Dorf Bogorotzkoi im Gouvernement Nischni-Nowogorod verpflanzt worden. Auf diese Art - und Weise haben die jüdischen Arbeiter ihre Arbeit an den neuen Orten bei den früheren Unternehmern in einer bekannten Umgebung fortgesetzt. Die jüdischen Unternehmer, hauptsächlich im Moskauer Bezirk, wo bereits früher eine große Zahl von qualifizierten russischen Arbeitern sich befand, bemühten sich die jüdischen Arbeiter in ihre Betriebe hineinzuziehen. Von irgendeiner Konkurrenz aber zwischen jüdischen und nichtjüdischen Arbeitern konnte damals keine Rede sein, da die Nachfrage nach Arbeitskräften sehr groß war. Wir sehen daher, daß die schweren Wunden, weiche die zweite Kriegsepoche der jüdischen Bevölkerung geschlagen hat, allmählich heilten. Gerade der Krieg zerriß jene Ketten, durch welche die Regierung das tiefere Eindringen der Juden in die russische Volkswirtschaft zu stören suchte. Andererseits aber ist die Volkswirtschaft selbst und mit ihr das ganze russische Reich durch den Krieg in eine Katastrophe hineingeraten, die auch das jüdische Volk mitbetroffen hat. IV. Nach der Niederlage von 1915 beschloß die russische Regierung als Gegengewicht gegenüber der glänzenden Organisation und den reichen Hilfsmitteln des Feindes Rußlands stärkstes Geschütz, nämlich die Menschenmassen aufzubieten. Durch eine Reihe von Mobilisierungen vergrößerte die russische Regierung das Militär bis zur ungeheuren Ziffer von 15 Millionen. Da die Gesellschaft im großen und ganzen für die Lage Verständnis hatte, wurde die Industrie völlig auf die Kriegsbedürfnisse eingestellt. Trotz alledem gab es keine Möglichkeit, so große Massen zu bewaffnen. Mindestens die Hälfte der Armee saß hinter der Front, wurde dort demoralisiert und so zu einem Brennstoff für Unruhen und Aufstände. Die unaufhörlichen Mobiiisierungen haben von selbst