Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 10 — die Regierung sie früher geschickt hatte, abgewandert. Infolge der eigenartigen Gliederung der Heimlosen war die Aufgabe, sie ins Wirtschaftsleben einzuordnen, recht schwer. Hauptsächlich bestand die Masse der Heimlosen aus arbeitsunfähigen Elementen, weil die Arbeitsfähigen zum größten Teil noch vor dem Kriege über das Meer abgewandert waren, und außerdem der Krieg allein viele Männer im arbeitsfähigen Älter erfaßt hatte. Ferner stammte das Kontingent der Heimlosen hauptsächlich aus Kleinstädten und Städtchen, Die großen Städte haben vom Kriege so gut wie gar nicht gelitten. Auf diese Art hat der Krieg durch seine furchtbaren Maßnahmen den Zusammenbruch der kleinen jüdischen Städtchen vergrößert, der bereits lange vorher begonnen hatte. Das kleinstädtische Bürgertum, ganz gleichgültig, ob es in der Heimat mit Handel oder mit produktivem Handwerk beschäftigt war, wurde von seinem Boden herausgerissen und konnte sich kaum an die neuen Lebensbedingungen gewöhnen. Von nicht geringer Bedeutung hierbei war die Methode der Evakuierung. Nach dieser Hinsicht konnte man zwei Kategorien unterscheiden: die Flüchtlinge und die Vertriebenen. Die Ersteren konnten sich einigermaßen auf die Evakuierung vorbereiten. Sie konnten etwas von ihrem Vermögen, Geld oder Waren mitnehmen, die ihnen die Eingliederung in den neuen Orten erleichterte. Die zweite Kategorie mußte alles zurücklassen, weil die Austreibungsbefehle plötzlich erlassen wurden. Ganz besonders schlimm war dies im Kownoer und Kurländer Gouvernement Die Juden wurden von dort im Verlauf von etlichen Stunden vertrieben und haben selbstverständlich keinerlei Möglichkeit gehabt, etwas von ihrem Vermögen mitzunehmen. Die Masse der Heimlosen fiel der ortsanwesenden jüdischen Bevölkerung zur Last. Ihre Lage wäre noch viel schlimmer und trauriger gewesen, wenn nicht die eingesessene jüdische Bevölkerung in jenen furchtbaren Tagen infolge ihrer einigermaßen günstigen Wirtschaftslage große Opferwilligkeit gezeigt hätte. Auch das ausländische Judentum hat in diesem historischen Moment die russischen Brüder nicht verlassen und große Unterstützungen geschickt. Im Jahre 1916 schwächte sich der Regierungsantisemitismus etwas ab, weil es allen gesellschaftlichen Kreisen damals klar wurde, daß nur durch eine große allgemeine Anstrengung aller Bürger es vielleicht möglich war, den Feind zu vertreiben. Deshalb hat die Regierung, die große Summen für die notleidenden Heimlosen verteilte, der Juden nicht vergessen. Sie Bevölkerungsbewegung der Frankfurter Juden im Kriege und in der Nachkriegszeit. Von Privatdozent Dr. Hanauer, Frankfurt a. M. Der Weltkrieg hat bekanntlich bei den kriegführenden Staaten alle in gesetzmäßiger Weise ablaufenden Bevölkerungswechsel in revolutionierender Weise beeinflußt. Das Ergebnis läßt sich kurz auf die Formel bringen: Abnahme der Eheschließungen, der Geburten, Zunahme der Sterblichkeit und vielfach eine negative Bevölkerungsbilanz. Es darf von vornherein angenommen werden, daß auch die Bevölkerungsbewegung der