Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 1 (1924) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 9 - völkerung nicht allzu stark betroffen worden; die schweren Prüfungen kamen erst später, TT! mi Im Mai 1915 war die russische Armee auf der Westfront vollständig zertrümmert. Die Regierung, weiche das Zusammenarbeiten mit der Gesellschaft vollständig ignoriert hatte, war nicht imstande, die Fortführung des Krieges weiter zu organisieren. Die Front wurde weit nach Osten vorgeschoben, und eine ungeheure Strecke Landes von Rußland abgeschnitten, auf welcher 40 % der jüdischen Bevölkerung lebten. Später,zeigte es sich, daß Rußland diesen Landstrich für immer verlor. Eine derartige Frontveränderung bewirkte naturgemäß eine Zunahme von Flüchtlingen. Die Regierung vergrößerte aber ihre Zahl durch ihre wilde Politik. Die Militärmacht hatte kein Vertrauen zur jüdischen Bevölkerung und begann, sie fast gänzlich aus den Frontgegenden zu vertreiben. Die größte Austreibung fand statt in Kurland und in der Osthälfte des Kownoer Gouvernements. Vor der Ankunft des Feindes hatte die Militärmacht fast die ganze Bevölkerung vertrieben. Es läßt sich die genaue Zahl der jüdischen Flüchtlinge und Vertriebenen schwer feststellen. Sie betrug annähernd 400 000 Seelen. Da die Wirtschaftslage der jüdischen Bevölkerung dort, wo sie am Platze blieb, zufriedenstellend und rnanrhprnrts socrar cntnstip" war. konnte ^ie . *~ c? ~~ o '" " ' "* "' sich mit dem Schicksal der großen Massen der Heimlosen stark abgeben. Außerdem übte die Vertreibung eine sehr wichtige Folgewirkung auf die Rechtslage der jüdischen Bevölkerung aus. Der Ansiedlungsrayon ist infolge der Niederlage an der Front sehr stark verkleinert worden. Die Heimlosen mußte man ausschließlich in die Südgouvernements schicken, die indessen so große Menschenmengen nicht aufnehmen konnten. Man mußte die chinesische Mauer gewissermaßen an einer Stelle durchstoßen, und eine gewisse Zahl jüdischer Heimloser außerhalb des Ansiedlungsrayons unterbringen. Zu diesem Zweck suchte man die 3 wirtschaftlich ungünstigsten Gouvernements aus, Woronesch, Tambow und Pensa. Aber all dies war nicht genügend. Die großen Armeen zogen immer weiter nach dem Osten, die Zahl der Heirnlosen wuchs von Tag zu Tag. Man mußte weitere Unterbringungsmöglichkeiten suchen. Im Herbst 1915 wurde der Ansiedlungsrayon praktisch abgeschafft. Es wurde den Juden erlaubt, sich allenthalben in ganz Rußland mit Ausnahme der Hauptstädte niederzulassen. Auf diese Weise wurde unter dem Druck der militärischen Niederlagen das System der Einschränkungen, welches die Regierung mit ihrer antisemitischen Politik mehr als ein Jahrhundert hindurch gehalten hatte, obgleich diese Politik sich in einem völligen Widerspruch zum Wirtschaftsleben des Landes befunden hatte, beseitigt. Und diese Tatsache hatte eine große und wichtige Bedeutung, nicht nur für die großen Massen der Heimlosen, sondern für die ganze jüdische Bevölkerung überhaupt. Die jüdischen Flüchtlinge und Vertriebenen verteilten sich über Rußlands Territorien» Zirka ein Drittel blieb in den Frontgegenden, bereit, jeden Augenblick in die alten Orte zurückzukehren. Das zweite Drittel wanderte in die Südgegenden von Neu-Rußland, und endlich verließ zirka ein Drittel den Ansiedlungsrayon und ließ sich in besonders dichten Massen im Wolgabezirk nieder. Uebrigens war die Verbreitung der Heimlosen sehr groß. Eine ganze Anzahl gelangte sogar bis zum Ural, und bedeutende Gruppen haben sich auch in Sibirien niedergelassen. Auf der anderen Seite sind die Heimlosen zumeist aus den russischen Gouvernements, wohin