Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 51-52 (17.12.1919)
- Date
- 1919-12-17
- Page
- Seite 1619-1620 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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1620 1610 VOLK UND LAND | — ■ STIMMUNGEN UND MEINUNGEN-- § a - - z Vor der Jahreskonferenz*) ln weniger als zwei Monaten werden sich nach einer unfreiwilligen Pause von 51 Jahren die Bevollmächtigten der zionistischen Welt-Organisation zu einer Konferenz zusammenfinden und wiederum werden sich, soweit es unter den gegenwärtigen Bedingungen möglich ist, die zerstreuten Teile der Organisation - heute noch mehr zerstreut, als dies vor dem Krieg der Fall war - vereinigen. Die zionistische Organisation hatte immer mit geographischen Hindernissen zu kämpfen und mußte viel Energie ausgeben, um diese Hindernisse zu überwinden und Letzt steht sie vor einem neuen Versuch, die Teile des Volkes zu vereinigen, die in den Kriegsjahren und noch mehr im ersten Jahr des „Friedens“ auseinander gerissen worden sind. Das Judentum Ost-Europas ist nicht mehr ein Ganzes, wie es vor dem Kriege der Fall war und auch das Judentum Mitteleuropas ist in mehrere Teile zerrissen und viele zehntausende unserer Brüder kennen nicht einmal ihr Schicksal in der nächsten Zukunft und wissen nicht, wer ihre neuen Herren sein werden. Zwar ist die zionistische Bewegung durch die Bildung der neuen Landesgrenzen nicht geschädigt worden. Im Gegenteil, niemals ist der zionistische Gedanke so tief in die Volksseele eingedrungen, niemals hat er in ihren Bestrebungen und Hoffnungen einen so wichtigen Platz eingenommen wie in den letzten Jahren. Fast ist in unserer Welt von San Franzisco bis Shanghai, vom nördlichen Eismeer bis nach Südafrika hinein kein Ort, der nicht seine Zionisten hätte. Aber det^ Gedanke und die Bewegung ist noch nicht die Organisation. Der Gedanke schafft die Bewegung, gibt die treibende Kraft, aber so lange diese Kraft nicht geformt ist, ist sie machtlos. Erst eine starke Organisation kann sie zu einer wirksamen Potenz gestalten. Wohl ist die Maschinerie nichts ohne die lebendige Triebkraft, aber auch die Kraft kann nicht wirken, wenn sie nicht die Räder findet, die sie in Bewegung setzen kann. Wir dürfen nicht blind an der -Tatsache vorübergehen, daß in der Zeit, wo der* zionistische Oedanke fast alle Volksschichten ergriffen hat, die zionistische Oranisation in Europa fast erstarrt ist, nicht durch ie Schuld einzelner, sondern infolge der furchtbaren Bedingungen, die uns von allen Seiten auferlegt worden sind. Auf einmal sind die Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen unseres Volkes zerrissen worden. Wir verwandelten uns plötzlich in „Verbündete“ und „Feinde“ und hatten keine Möglichkeit, einander in der furchtbarsten Not auch nur hilfreich die Hand zu reichen; und auch, nachdem die Waffen niedergelegt wurden, hat die Trennung noch nicht aufgehört, dennoch ist der Haß nicht zur Ruhe gekommen. So wurde die zionistische Organisation in der ganzen Welt auscinandergerissen mit der alleinigen Ausnahme von Amerika, wo das Leben auch nach der Kriegserklärung seinen normalen Gang weiter behielt. Die Jahreskomferertz wird sich deswegen zunächst mit der Frage der Organisation zu beschäftigen haben. Sie muß die Organisation dem gewaltigen Anwachsen der Bewegung entsprechend *) Dieser Artikel wird in seinem Wert durch den Aufschub der Jahreskonferenz nicht berührt. D. Sch, gestalten. Zwar gibt es manche unter uns, welche wohl die Wichtigkeit der Organisation zugeben, aber diesen Fragen doch nicht die entsprechende Aufmerksamkeit zuwenden, weil sie glauben, dtiß, wenn nur die Bewegung da ist, die Organisation sich von selbst formen wird. Gegen eine solche unklare Anschauung muß man mit aller Kraft ankämpfen, besonders in der Stunde, wo wir an die Arbeit der Verwirklichung herantreten. Die Notwendigkeit, unsere Organisation auf festere Grundlage zu stellen, ergab sich schon vor dem Kriege. Schon damals fühlte man, daß das Bett der Organisation zu kurz ist und wäre nicht der Krieg dazwischen gekommen, hätten wir dieser Frage gewiß mehr als eine Konferenz oder einen Kongreß gewidmet. Jetzt müssen wir mit vyahrer Schöpferfreude an diese Arbeit herantrelen, müssen das Zerstörte wiederliersteMen und neue Wege suchen, damit wir der Organisation ihre Mittel zur Verfügung stellen und ihr die Möglichkeit geben, ihr riesiges Programm aus den Gedanken in die Tat umzusetzen. Vor allem wird es notwendig sein, die zentrale Leitung durch neue Kräfte zu stärken, entsprechend den neuen Arbeitszweigen, welche die Organisation übernommen hat; weiter wird es notwendig sein, die Organisation den neuen poiilischen Zuständen anzupassen und aufs neue gesunde Beziehungen zwischen dem Zentrum und der Peripherie herzustellen, die nicht nur auf der zionistischen Ueberlieferung, sondern auch auf den Forderungen basieren, die durch die neue Lage bedingt sind. Das Band zwischen Organisation und Palästina darf nicht in seiner alten Form verbleiben, und wenn auch die Konferenz beschließen wird, daß noch nicht die Zeit gekommen ist, da£ ganze Zentrum nach Palästina zu verlegen und alle Zweige der Arbeit in den Galuthländern Palästina unterzuordnen, so wird die Konferenz sich dennoch bemühen müssen, einen natürlichen Uebergang vom üaffith nach Palästina zu finden und eine Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Zweigen und der Zentral-Leitung herbeizuführen, die, wue man schon jetzt sehen kann, ^mcht alle an einem Platz werden bleibeip können. Auch das Band zwischen dem Zentrum und den verschiedenen Galuthländern muß sich auf Grund der Erweiterung der örtlichen Autonomie erneuern. Die auf den verschiedenen Kongressen angenommenen Bestimmungen über das Verhältnis zwischen Leitung und Föderation entsprechen nicht mehr dem inneren Zustand unserer Organisation. Wenn wir z. B. die Entwicklung der amerikanischen zionistischen Organisation im Laufe der Kriegsjahre in Betracht ziehen, ergibt sich als selbstverständlich, daß die neue Zusammensetzung der Leitung sich dieser Entwicklung anpassen muß. Es genügt nicht, daß die Organisation ihre Leitung wanlt. Sie muß sich auch in die Pflichten der Leitung teilen und Anteil nehmen an ihrer großen Verantwortung. Die Frage der Neuorganisierung wird gewiß den wichtigsten Teil der Verhandlungen ausmachen, obzwar sie nicht Selbstzweck ist. Wenn diese Frage gelöst sein wird, wird die Konferenz das Programm der Leitung auszuarbeiten haben. Diese Arbeit der Vorbereitung geschah im Stillen und ohne viel Lärm — aus verschiedenen Gründen, schon deswegen, weil die Leitung bisher kein zentrales Sprachorgan hatte. Die neuen politischen