Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 51-52 (17.12.1919)
- Date
- 1919-12-17
- Page
- Seite 1607-1608 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1607 VOLK und LAND 1608 „Die Palästinaarbeit bildet den Kern unserer politischen und praktischen Tätigkeit. Sie ist Voraussetzung und wesentliche Unterlage unserer Politik, die ohne sie erfolglos bleiben muß. Die Palästinaarbeit ist in großzügiger Weise zu führen, alle finanziellen und sonstigen Machtmittel der Organisation sind ihr in größtmöglichem Umfange zur Verfügung zu stellen. Damit ist scheinbar nur eine Wahrheit ausgesprochen, die man bereits für programmatisches Gemeingut der Gesamt Organisation halten könnte. Aber nur scheinbar.* Es genügt eben nicht, ja es liegt eine große Gefahr darin, daß diese Wahrheit mit Worten jetzt allgemein zugegeben wird. Die entweder mit geänderten taktischen Verhältnissen begründete oder mit allerhand politischen Vorbehalten verklausulierte, ja auch Leitung un Bis zum Ueberdruß ist es uns von "seiten der verschiedenen bisherigen Leitungen wiederholt worden, daß die Bewegung schließlich nicht mehr von ihrer Leitung erwarten darf, als ihr 'von der Bewegung aus ermöglicht wird. Die letztere stellt sich dann — ausgesprochener- oder nicht ausgesprochenermaßen — auf den Standpunkt, daß sie ihre Leitungen gewählt habe, eben um sie zu leiten, zu führen und über den jeweiligen Status hinauszu heben. Schon idias Bestehen solcher grundlegenden Meinungsverschiedenheiten zeigt, daß irgend etwas nicht jn Ordnung ist, daß es an dem erforderlichen Kontakt zwischen Leitung und Bewegung fehlte. Diesen Kontakt herzustellen, ist aber unabweisliches Erfordernis im gegenwärtigen Augenblicke, in dem wir unmittelbar vor der Probe auf das zionistische Exempel, vor der Verwirklichung großzügiger Ar- •beit auf den Gebieten der Emigration und der Palästinaarbeit stehen. Die zionistischen Kongresse, von denen die Leitung gewählt wird, sind nun einmal keineswegs die geeignete Körperschaft, die Tätigkeit so weit zu bestimmen, daß nur die Ausführung übrig bleibt. Sie sind im besten Falle nur immer imstande gewesen, Richtlinien erkennen zu lassen, nach denen die Leitung weiter arbeiten sollte. Wenn die letztere aus aktiven, verantwortungsfreudigen Elementen gebildet war (und andere sollten wirklich nicht in Frage kommen), so war es deren Aufgabe, die zionistische Sache während ihrer Amtsdauer fortzuentwickeln und zu diesem Zweck die Mitwirkung auch derjenigen sonstigen aktiven und verantwor- . tungsreichen Elemente sich zu sichern, die außerhalb der offiziellen Leitung den Denkapparat und die Initiative im Zionismus verkörperten. Dieser Kontakt und diese Auffassung vom System der Leitung hat bisher freilich meistens gefehlt. Die bisherigen Leitungen haben recht selten eigene Ideen entwickelt und manchmal geradezu negative (z. B. in der langen Zeit antikolonisatorischer Politik). Ohne eigene Ideen blieb aber tatsächlich nur die Axisführung, der Kongreßbeschlüsse übrig, und wenn auch diese nicht einmal mit dem erforderlichen Verständnis vertreten wurden, so die vorbehaltlose Proklamierung dieser natürlichen Forderung ist wert 1 o s, wenn nicht die treibende Kraft zu fühlen ist, wenn nicht die Tat folgt. Eben dieser Mangel an Impuls, an Plan und Aktivität, dieses nur gezwungene, unfreudige Begleiten der paar Unternehmungen %des Palästina^Ressorts ist es, was die Zionisten, was insbesondere die Palästinenser trotz aller Worte schmerzlich fühlen. Durch die Tat soll bewiesen werden, daß man in Palästina in gemeinsamem Wirken aller dortigen Faktoren vorwärtsschreitet.“ Man sieht, es wird noch weitere Opposition nötig sein — auch unter der Regierung Weizmanin —, um den Forderungen der damaligen Opposition zu ihrem Rechte zu verhelfen. Bewegung blieb die Leistung der Organisation eben auch hinter diesen schon ohnehin nicht sehr weit gesteckten Zielpunkten zurück. Solchen Leitungen war es dann auch immer höchst unangenehm, von „unautorisierten Seiten“ getrieben zu werden, und es kam nicht selten vor, daß man bei Versuchen, die zionistische Sache ein wenig voran zu bringen, sich der schönsten bürokratischen Unnahbarkeit gegenüberfand, soweit man nicht von vornherein in Anbetracht der Zusammensetzung der Leitung schon auf jeden Versuch verzichtete! Dieses System und dieser Zustand kann nicht weiter geduldet werden. Wir sind eine Bewegung und nicht die Repräsentation eines Zustands (und auch nicht, wie es neuerdings oft scheinen könnte, die Organisation eines Rückzuges). Als Bewegung brauchen wir eine aktive, verantwortungsfreudige, im guten Sinne optimistische Führung. Diese mag sich meinetwegen mit noch so vielen geheimrätlichen Kontrollinstanzen umgeben: als verantwortliche Leitung brauchen wir die Aktiven. Der Aktivismus erfordert aber nicht nur Führung, die über bestimmte Aufträge und über rein exekutive Aufgaben hinausgeht — nicht nur eine Führung, die sich jederzeit zwischen den Kongressen auf neue äußerliche Möglichkeiten einstellt, sondern eine solche, die auch aus der Mitte der Gefolgschaft heraus Anregungen und Pläne aufzugreifen und ihre eigene Arbeitskraft jederzeit durch nicht ernannte Kräfte zu ergänzen versteht. Nach der bisherigen Methode bildeten die Kongresse die Höhepunkte der Bewegung. Zwischen den Kongressen flaute alles ab, und es fiel jederzeit dem nächsten Kongreß zu — wenn er gut war — den Höhepunkt des vorigen wieder zu erreichen und möglichst zu überschreiten. Heute müssen wir mit einer Entwicklung rechnen, die so schnell geht, daß auch zwischen den Kongressen die Linie der Arbeit.im Aufstieg bleibt. Unsere Leitungen müssen unter dem Gesichtspunkt gewählt werden, daß sie nicht nur die aktivste Exekutive darstellen, sondern auch die beste Führung gewährleisten. Zu diesem Zwecke müssen der Leitung die weitgehendsten Vollmachten für