Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 51-52 (17.12.1919)
- Date
- 1919-12-17
- Page
- Seite 1605-1606 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649313--0996-2650364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1605 VOLK UND LAND 1606 Herzls, der damals unmöglich und ,,undenkbar“ war. Wir haben ihn unter jenen „undenkbaren“ Verhältnissen bekämpft, weil der damit verbundene „Nur-Charter-Zionismus“ dem kolonisatorischen, vorbereitenden, organischen Zionismus den Weg versperren wollte. Heute — unter den gänzlich anderen und zwingenden Verhältnissen und Bedingungen bekennen wir uns freudig zu einem Maximalprogramm auch Herzischen Maßstabes. — Die Herzlianer von damals aber nehmen die Erklärungen der Mächte und die sonstigen inzwischen cingetretenen Voraussetzungen für jenen Herzischen Maßstab zur Veranlassung, ihren früheren Standpunkt zu revidieren. Unangebrachte Zustimmung schlägt vum in unangebrachte Verwerfung im Augenblick der möglichen Verwirklichung! — Ein geradezu tolles Schauspiel, Ich habe gelegentlich gefragt: Was würde Herzl sagen, wenn er das erlebt hätte. Welchen Maßstab würde er heute fordern? Und was würde er mit seiner Schutztruppe von damals anfangen, die ihn (der gar nicht so unzugänglich war) durchaus davor bewahren wollte, seine Politik in der Richtung des Möglichen umzuschalten? Nun, Herzl ist tot, und von seiner Seite kann der einstigen „Garde“ nichts mehr passieren. Aber Nordau lebt und scheint sogar sehr lebendig zu Oettinger- Seitdem der katastrophale Zusammenbruch der Oettingersehen Grundlagen öffentlich und allgemein zugegeben werden mußte, melden sich verschiedene Stimmen, die sich schon lange über die Sadie klar waren. In der Tat ist es schwer vorstellbar, daß in einer so zahlreichen Organisation von privatwirtschaftlich meist nicht erfolglosen Angehörigen einer rechnerisch begabten Nation niemand die grundstürzenden Fehler in einer Publikation bemerkt haben sollte, die in solchem Maße als Grundlage unserer neuen Arbeit in Palästina hingestellt worden war. Mir sind auch schon vor dem letzten Akt des Dramas vereinzelt solche Bestätigungen zugegangen. Aber ist es nicht im höchsten Maße bedenklich, daß zwischen „Volk“ und „Leitung“ so wenig Kontakt besteht, daß die Leitung jahrelang an Irrtümern festhalten und sich von ihnen aufs Entscheidendste beeinflussen lassen konnte, die von einer ganzen Anzahl von Gefolgsleuten als Irrtümer erkannt worden waren? Wenn es Vorkommen Opposition u Es ist im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht uninteressant, an eine oppositionelle Denkschrift, die gerade zehn Jahre alt wird, zu erinnern, die u. a. die folgenden (in umgekehrter alphabetischer Reihenfolge angeführten) Unterschriften trägt: Weizmann, Trietsch, Soskin, Simon, Schachtel, Lichtheim, Feiwel, Auerbach-Kbnstantinopel, Auerbach-Haifa. sein. Seine Aeußerunpcn während der letzten Monate /.eigen nichts anderes als den festen Entschluß, Herzls Politik lind Maßstab fortzusetzen und beide gegen jeden Versuch der Verfälschung und Minimalisierung mit jeder Schärfe zu verteidigen. Ich habe zu allen Zeiten allerlei Reserven gegenüber Nordau gehabt, «der meiner Ansicht nach viel zu weitgehend Und viel zu wenig kritisch Herzls Politik mitgemacht hat. Gerade von ihm wäre zu erwarten gewesen, daß seine überlegene Kenntnis vieler Dinge dieser Welt den Herzischen Schwung in geeignetere Bahn hätte leiten sollen. Vielleicht hat er in dieser Richtung auch zu wirken versucht — manche solcher Fälle sind auch bekannt geworden, aber es war meiner Ansicht nach Nordaus Fehler, daß er nicht genügend auf seinem Urteil bestand. Aber Nordau bleibt wenigstens dem Herzlichen Grundgedanken treu, und er ist entschlossen, in diesem Augenblick der Verwirklidiungsmöglichkeit das Seinige zu tun. Ihm ebenso wie mir ist es unfaßbar, daß die Herzlianer von einstmals den welthistorischen Moment verpassen und den Zionismus abschwören wollen. Aus blanker Angst vor der Verantwortung, von der sie jetzt erst merken, daß sie sie doch schon bei ihrem ersten Eintritt in die zionistische Bewegung auf.sich genommen haben. Nachklänge durfte, daß der Nationalfonds derartige „Grundlagen“ herausgab, wie konnte es dann möglich sein, daß die verschiedentliehsten Entdecker sich nicht mit ihm in Verbindung setzten, so daß er jahrelang weder aus eigener Nachprüfung noch aus der Erkenntnis anderer heraus zur Entdeckung seines Mißgriffs gelangte? Die üblen Konsequenzen von Oettingers Grundlagen sind ja erst durch Lichtheims Referat auf der-Tagung vom Dezember 1018 zutage getreten, zeigten sich dann freilich bereits so tief verwurzelt, daß es nur einer besonderen Zähigkeit gelang, diese Grundlagen zu erschüttern und „auszureißen“. Hätte nicht bereits ein Minimum an Zusammenwirken, wie es (das Zusammenwirken — nicht das Minimum!) innerhalb einer lebendigen Organisation nur selbstverständlich ist, das Einreißen solcher Dinge unmöglich machen müssen? Brauehen wir mehr Beweis für den Mangel an Kontakt zwischen Leitung und Bewegung? nd Regierung Jene Opposition ist inzwischen in den meisten der genannten Mitglieder zur Regierung oder doch zur Regierungspartei, geworden, worin in manchen Fällen der Sieg der Opposition, in anderen der Uebergang einstiger Oppositioneller zu Regierungsdenkweisen zu erblicken ist. iDem damaligen Aufruf entnehmen wir die folgende Steife: