Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 51-52 (17.12.1919)
- Date
- 1919-12-17
- Page
- Seite 1603-1604 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1603 Und so sind wir auf dem besten Wege, anstatt die gesamte jüdische Energie auf den Aufbau Palästinas konzentriert zu sehen, zu einem neuen Chaos zu gelangen, in dem sogar Zionisten von der Notwendigkeit sprechen, bei der Organisation der Wanderung nach den bisherigen und neuen Einwanderungsgebieteu mitzutun! Anstatt also auf Grund der neuen politischen Lage die ganze jüdische Welt zur Mitarbeit für den Aufbau Palästinas zu gewinnen, wird es als neue zionistische Forderung hingestellt, die im Zionismus tätigen Kräfte bei allen auch außerhalb Palästinas liegenden Aktionen zu verzetteln (übrigens ganz im Sinne jener Kongreßbeschlüsse zur Frage des jüdischen Emigrationsamts, wie wir in Heft 44/45 S. 1411 ff. zum Abdruck gebracht haben), wobei der Unterschied den meisten Zionisten nicht aufgefallen zu sein scheint, daß der damals schon falsche Standpunkt immerhin in den türkischen Verhältnissen Palästinas eine gewisse Entschuldigung finden konnte, während heute alle hieraus resultierenden Schwierigkeiten radikal beseitigtsind. Anstatt auf den Aufbau Palästinas hin die große Volksanleihe zu organisieren oder wenigstens vorzubereiten, sehen wir, wie die amerij kanische Judenheit immer mehr dazu übergeht, ihre Hauptaufgabe in der Wiederaufrichtung der Millionen jüdischer Existenzen in Osteuropa und in der Rettung möglichst vieler ihrer Verwandten nach Amerika zu erblicken. Schon längst ist darauf hingewiesen worden — j allerdings von nichtzionistischen Seiten —daß die 1 im Vordergrund stehende Palästinafrage das wichtigere und größere Problem der neuen jüdischen Lage im Osten widerrechtlich in den Hintergrund drängt. Es sei sehr schlechte jüdische Politik, zugunsten einer mehr dekorativen -- Palästina-Arbeit das Gros des Volkes seinem Schick- 1 sal zu überlassen! Diese Stimmungen fanden dann reichlich Nahrung in den minimalistischen Vorbereitungs- und j Kolonisationsprogrammen der zionistischen Leitung, i In der Tat müßte die jüdische Welt aus jedem i anderen als dem maximalistisohen Zionismus die Konsequenz ziehen, die Palästinasaehe den Zionisten zu überlassen, die „große Judenhilfe“ aber selbst mit größter Energie in die Hand zu nehmen. Ein Zionismus hingegen, der seine Aufgabe versteht, und der die legitime Konsequenz aus der zionistischen Entwicklung, aus den Erklärungen der Mächte, aus den Erfordernissen der jüdischen Lage im Osten und aus der Begeisterungsfähigkeit der ganzen jüdischen Welt ziehen wollte, . .. ein solcher wäre in der Tat in der Lage, die zionistische Arbeit und den Aufbau Palästinas in so großem | Maßstabe aufzunehmen, daß eine noch so große Hilfs- und Rettungsaktion im jüdischen Osten „i n seinem Schatten“ vor sich gehen könnte. Großzügigste Arbeit in Palästina — eine solche, die (innerhalb der Herzischen „Altneuland-Vision“, und ungefähr in den Dimensionen . . . sagen wir Weizmanmscher, Ballodscher und So sk inscher Programme) sich getraut und zur Aufgabe macht, eine Einwanderung von Hunderttausenden per Jahr zu organisieren und zu bewältigen — eine solche würde in der Tat von allem Anfang an die Span- 1604 nung und Lage im Osten zu entlasten geeignet sein. Seelisch und körperlich. Denn dann wäre die Palästinalösung greifbar allen nahe gebrarht. Der Großteil der östlichen Judenschaft würde sich auf Palästina einstellen; nicht nur im Sinne eines Zionismus, der die „Bewegung“ mitmacht, sondern im Sinne der eigenen baldmöglichsten Uebersied- I lung. Der Albdruck des Zweifels in die äußeren i Möglichkeiten und der schwankenden eigenen; Stellungnahme wäre beseitigt, und es wäre damit j unendlich viel für die zionistische Lösung im geistigen und auch im materiellen Sinne gewonnen. Aber auch direkteste Wirkung auf die Lage im Osten erstünde aus großzügiger Palästina-Arbeit. Hunderttausende im Jahr, neben denen wir uns nur eine bedeutend kleinere Abwanderung nach anderen Richtungen zu denken brauchen (wie etwra die Verwandtenwanderung nach Amerika) würden den jüdischen Osten bereits sehr merklich entlasten. Eine solche Entwicklung würde auch Veranlassung geben, daß großzügige Unterstützungsaktionen — anstatt in anderer Richtung gehen zu müssen, auf die Palästinaentwicklung zugeschnitten werden. So z. B., daß damit das Warten auf die j Palästinamöglichkeit erleichtert und die Sache selbst in jeder Hinsicht (wie z. B. durch weitgehendste Berufsumschichtung und durch allerlei Informatives) vorbereitet werden könnte. Nun werden freilich manche kommen und ausrechnen wollen, daß auch der vorgenannte Maßstab I einer Palästinawamderung für die Lage im Osten! nicht ausreichen könne. Aber welche Wanderung würde denn ausreichen? Haben die Betreffenden denn einen nordamerikanischen oder argentinischen oder sonstigen Charter in der Hand, der ihnen die Sicherheit anderer Wanderungsmöglichkeiten im großen Maßstabe böte? Ist es nicht , vielmehr so, daß wir tatsächlich nur mit Palästina als einziger großer und planmäßiger Möglichkeit zu rechnen haben, neben der die bisherigen Wanderungsziele einen minder großen und alle denkbaren neuen Wanderungsziele sicherlich | einen minder planmäßigen Ausweg darstellen? I Und schließlich ist der oben erwähnte Maßstab von etlichen Hunderttausenden per Jahr doch keine konstante Größe. Sehr wohl kann aus solchen „Anfängen“ bald noch Größeres erwachsen. Der Herzische Maßstab von 2000 per Tag, dem die zionistische Welt damals so freudig zugestimmt hat, braucht für eine nahe Zukunft nicht als unmöglich und auch nicht als unüberbietbar zu erscheinen. Man erinnere sich doch, daß dieser Maßstab 17 Jahre alt ist und aus einer Zeit stammt# in der die Juden nur zwei Drittel ihrer heutigen Volkszahl und längst nicht zwei Drittel ihrer heutij gen wirtschaftlichen und organisatorischen Möglichkeiten aufzuweisen hatten. Ferner, daß damals an einen Charter im jetzigen Umfang ebensowenig zu denken war, wie an die jüdischen Nöte und Notwendigkeiten, die jetzt zur Tatsache geworden sind und auch nicht an die großen — ja wohl: Erleichterungen, die der Weltkrieg mit seiner Technik der Massenbewegung im allgemeinen und mit seiner Verkehrserschließung Palästinas Uns geboten hat! Es i s t möglich geworden, den Zionismus zu verwirklichen. Sogar den „Altneuland-Zionismus“ VOLK UND LAND