Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 51-52 (17.12.1919)
- Date
- 1919-12-17
- Page
- Seite 1601-1602 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1601 VOLK UND LAND 1602 Der letzte Absatz des Ooinnuiniqiies ist eine „Perle“. Gelingt es, j ä h r 1 i c h eine M i 11 i o n P f u n d zu sammeln, so steht uns eine ansehnliche „Nationalkolonisation“ in Aussicht. Die Böden mitgercchnet, die wir laut Mandat bekommen werden. Solllten nicht diese letzteren schon eine „ansehnliche“ Nationalkolonisation ermöglichen? Und was ist „Nationalkolonisation“? Ist National- Fonds- Kolonisation gemeint? Ist die Ansiedlimg jüdischer Pflanzer in Palästina, auch wenn sie außerhalb des Nationalfondsbodens vor sich geht, nicht auch Nationalkolonisation? Und was ist das für eine Rechenmethode, einer Million Pfund jährlich eine ansehnliche Nationalkolonie gegenüber zu stellen? Im einen Falle präzise Ziffer, im anderen Fall dehnbarster Begriff. Nach seiner letzten Publikation j,Die nächsten Aufgaben des jüdischen Nationalfonds“ (die freilich noch aus der nunmehr überwundenen Oettinger-Periode des JN* F. stammt) will dieses Institut mit einer Million Pfund — dort heißt es 25 Millionen Francs — 3000 Familien in Palästina ansiedeln. Davon sind dann, allerdings 2000 Kolonisten und 1000 Arbeiter. Es ist nicht ganz klar, wieweit die neue Verlautbarung unserer Londoner Leitung diese Unterlagen noch beibehält oder bereits verlassen hat. Aber diese fehlende Klarheit ist eben so außerordentlich nötig. Wenn es 3000 Familien sein sollen, deren Ansiedlung mit einer Million Pfund Nationalfonds-Spenden (nach jener N.-F.-Schrift übrigens nur zu einem Drittel, — weitere je 25 Millionen Francs hätten die Ansiedler selbst und die „Kreditgebenden Institutionen“ zu stellen) ermöglicht wird, so können Die Konsequenzen Als die Erklärungen Englands und im weiteren Verlauf die der anderen Mächte erfolgte, und als auch der weitere Verlauf des Krieges immer deutlicher ein bald erstehendes jüdisches Palästina abzeichnete, ging eine messianische Stimmung durch die ganze jüdische Welt. Palästina war der Zentralgedanke der Juden überall, und alle anderen Wanderungsziele versanken ebenso wie die Resignation, mit der die Massen des jüdischen Volks zu ihrem größten Teile bisher sich mit dem Verbleib unter unmöglichen und menschenunwürdigen Verhältnissen hatten abfinden müssen. In dieser Stimmung der gesamten Judtnheit lag gewiß eine ungeheure Verantwortung für diejenigen, denen es nun zugefallen war, den Zionismus zu verwirklichen. Aber neben der gesteigerten Verantwortung war auch die Mitwirkung der gesamten jüdischen Welt gewonnen oder ihre Gewinnung doch in greifbarste Nähe gerückt. Mit dieser begeisterten Mitwirkung der ganzen jüdischen Welt war aber die große Aufgabe durchaus lösbar geworden, und die Verantwortung der Zionisten erstreckte sich nunmehr auf die gesamte Judenheit, die bereit oder dafür zu haben war, mit allen Mitteln sich1 an diese welthistorische Aufgabe zu machen. wir ein packen. . Dann hätte die im Jahre 1919 in Deutschland aufgebrachte Million Mark nach dem gegenwärtigen Stande nur etwa! L>'’o jener Summe betragen und nur 15 Kolonisten (zu einem Drittel!) die Niederlassung ermöglicht. — Die Folgerungen kann man sich selbst ausmalen. Was unbedingt not tut, ist mehr Klarheit in den offiziellen Aeußerungen und mehr Einheitlichkeit in den Verlautbarungen unserer verschiedenen Institute. Wenn es Vorkommen dürfte, daß so lange nach falschen Unterlagen gearbeitet'wurde, so dürfte das wenigstens nicht Vorkommen, daß die Aufgabe jener Irrtümer und die Umstellung auf bessere Grundlagen so klanglos vor sich geht, nur damit das Publikum nicht an der Unfehlbarkeit unserer Institute zweifelt. Wir brauchen wirklich nur unser Arbeitssystem auf die tatsächlichen Verhältnisse und Möglichkeiten einzurichten, um die großen Mittel zur Verfügung zu bekommen, die für eine Einwanderung und Kolonisation größten Maßstabes ausreichen. Aber dazu sind radikale Aenderungen der bisherigen Systeme nötig. Aenderungen, die wir unserer Oeffentlichkeit nicht verheimlichen und verschleiern, sondern so deutlich wie möglich machen müssen. Es ist ein völlig neuer Zug in unserer Leitung und in unseren Instituten nötig, wenn wir die freudige Mitwirkung weitester Kreise der jüdischen Gesamtheit wie auch der zionistischen Gefolgschaft erzielen wollen. Die bisherigen Systeme reichten nur für besondere gutwillige und parteifromme Gemüter und auch bei diesen nur für recht mäßige Leistungen. Wir aber' müssen versuchen, die Gesamtheit für eine überzeugte und freudige Mithilfe größten Maßstabes zu gewinnen. der Inkonsequenz Aber der große Moment fand ein minimalistisches Geschlecht. Aus Angst vor dem eigenen Mangel an Vorbereitungen und vor der eigenen Unfähigkeit, das lange Versäumte in beschleunigter Arbeit wenigstens noch nachträglich beizeiten zu leisten, stellten sich weitaus die mejeten Mitglieder und Gewährsmänner der Leitung auf den Standpunkt, daß an einen so großen Maßstab und an eine so rasche Durchführung der zionistischen Ziele nie gedacht worden sei, und daß diese auch jede tatsächliche Möglichkeit weitaus überstiegen. Hiervon ausgehend machte man sich Programme zurecht, nach denen der Zionismus keineswegs die Lösung der Judenfrage hätte sein wollen, und daß auch , die jüdische Wanderung hur zu veinem kleinen Bruchteil nach Palästina gelenkt werden könne. Dieser neue Gesichtspunkt wurde dann soweit in falsche Definitionen und falsche Rechnungen eingewickelt, bis in der jüdischen Welt der Eindruck aufkam, die Erklärung der Mächte zugunsten eines jüdischen Palästina hätte nur eine kleine Teilfrage des jüdischen Programms zum Gegenstand, und gegen die jüdische Not und für die jüdische Wanderung müßten im wesentlichen andere Hilfsmittel gefunden werden.