Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1919)
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 1589-1590 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 1589 Wendigkeit, das Gruudübel, die mechanische Arbeit, endlich abmtöten. Sie selbst charakterisieren das Fluchwürdige dieses Zwanges zu arbeiten (auf S. 70) in unübertrefflicher Weise. Sie schlagen dagegen vör, die geistige und die körperliche Arbeit /.u verteilen und jedem Arbeiter beide auf zu erlegen. Aber während nun l. B. Krapotkin eine organische, zudem vielfältig belegbare, Form für diese Art Arbeitsgemeinschaft in einem und demselben Individuum aufstellt, erscheint die Ihrige für das kritische Gefühl nur schwer vorstellbar, weither geholt und unnatürlich. Auf der einen Seite verdammen Sie die mechanische Arbeit (der Technik) scharf und grundsätzlich, soweit, daß „wenn nichts weiter geschieht, als da,ß man sie auf vier Stunden herabsetzt, so werden alle sozialen Kämpfe sich darum drehen, sie auf zwei Stunden zu vermindern.“ Die mechanische Arbeit ist Ihnen „übel an sich“. In Ihrer „Neuordnung“ aber lassen Sie diese Arbeitsweise die Ihnen sehr richtig mit Technik von gestern identisch und von ihr untrennbar ist — ruhig bestehen und diktieren uns „das Grundgesetz des Arbeitsausgleichs“, nach dem „jeder mechanisch Arbeitende beanspruchen kann, einen Teil seines Tagewerks in angemessener geistiger Arbeit zu leisten; daß jeder geistig Arbeitende verpflichtet ist, einen_ Teil seines Tagewerks körperlicher Arbeit zu widmen, ln den etwas dürftigen Kommentaren zu diesem immerhin einschneidenden Lehrsatz raten Sie zwar von dem technischen Wohlstand sideal Amerikas ab (aus Not, weil es für uns verloren ist 1), nichtsdestoweniger setzen Sie uns in Ihrer verelendeten Technik ruhig wieder in alter Weise an und erfinden als Aequivalent jenen sozusagen interfraktionellen Berufsaustausch, jene riesige Zwangs Verleihanstalt städtischer Arbeitsfunktionen. Warum wohl diese peinlich doktrinäre Lösung? Warum wohl dieser so offenbar logische Bruch der bei einem so scharfen Kopf geradezu unwahrscheinlich und verlegen anmutet? Warum — wenn Sie schon kein Mittel finden, den technischen Arbeitsprozeß zu vermenschlichen — warum geben Sie Ihren Patienten (beiden!) nicht wenigstens Landarbeit als Auslösung?! Ich will es Ihnen sagen: weil selbst die überlegensten Menschen dieser Tage (wenigstens in Mitteleuropa) schier hoffnungslose Stadtmenschen sind, die mit allen Fasern ihres Denkens und Fuhlens zwischen den Schloten, Häfen und Kasernen kreisen. Und nur in ihnen. Sie wissen und sagen es. Aber,sie finden nicht die Energie zum Sprung über die Stadtmauer hinaus. Denn da draußen, das fühlen sie, da beginnen ihre Grenzen. Da haben sie bestenfalls noch Zahlen, Daten, platte wirtschaftliche Wirkung: das Land als Reflex der heutigen Stadt. Aber instinktive Vertrautheit des Blutes mit den ungeborenen Möglichkeiten des Bodens, mit den unbegrenzten Wollungen des Wachsens, so etwa, wie sie das Eisen oder die Kohle formen . . . das geht ihnen glatt ab. Und so läßt auch Sie, Herr Rathenau, Ihre sonst so erfreulich grundhafte Phantasie im Stich, sobald Ihre Ideenkreise den Boden berühren. Durch die meisten Ihrer Werke ziehen sich nur winzige'Bemerkungen über das Land; geringschätzig, ja wegwerfend und immer nur so nebenbei: „Der Arbeiter findet nicht mehr zum Boden zurück“ oder „Das Land kann keine Massen aufnehmen“ überhaupt „kann uns unser Land ja nicht ernähren“. Dieser letztere ist dann auch der Kapital-Glaubenssatz (und allerdings ein alter Glaubenssatz des Kapitals!), der in Ihrer wie in' verwandten Theorien immer wiederkehrf, den Sie meines Wissens niemals irgend verantwortlich geprüft haben und der Sie (angesichts Chinas, nein schon Belgiens!) zu der Billigkeit verleiten konnte, „daß nur katastrophale Entvölkerung das mittelalterliche Verhältnis von Bodenfläche und Menschenzahl“ wieder hersteilen würde, und dieser Ausspruch trifft allerdings den Nagel: Ja, es ist der‘‘mittelalterliche Boden, den Sie und Ihre geistigen Genossen im Sinn haben, wenn Sie über Bodenwirtschaft sprechen. 1590 Nein, nicht das L a n il isl toi, sondern w i r, seine unnatürlichen Erben und unwerten Verweser sind tot! Oder doch nahe der Agonie. Die wollen Sie, geschätzter Herr Rathenau, wenn möglich noch einmal verscheuchen und zwar merkwürdigerweise durch ein Wiederholungsverfahren, das im wesentlichen die gleichen Organe reizt, deren einheitige IJeberspannung zur Katastrophe geführt haben. Den großen Heilfaktor aber, der im Widerspiel von Erdreich und Maschineureich liegt, sehen Sie gar nicht. Sie wollen „die neue Wirtschaft“. Da hegt doch die Frage nur allzu nahe: Worauf beruhte denn eigentlich die alte Wirtschaft? Die Antwort kann beim Zuendedenken nur lauten: Auf dem Boden und seinen Produkten! Und zwar zunächst auf seinen primären Produkten (Nahrung, Kleidung, auch Wohnung). Dann erst auf seinen weiteren Erzeugnissen an Rohstoff und schließlich auf deren Verarbeitung, Verteilung und Veredelung. Unser Boden ist unsere Wirtschaft. Und auch die verfeinertste Maschinerie von Arbeitsgruppen, die kaum mehr eines ihrer Materialien jungfräulich entgegennehmen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihr Anfang (und das Endelj von Erde ist. Ist nun aber unsere kranke Wirtschaft, trotz Taschentelephon und Riesenluftschiff, im letzten Faden doch unlöslich an den Boden gekettet, so erhellt doch eigentlich ohne weiteres, daß dann auch jeder wirklich durchgreifende Heilsvorgang des Volkslebens nicht gut anders kann, als bis zum Kern, bis zum Boden vorzudringen; Konstruktiv al90 von ihm auszugehen, zum mindesten aber doch seine Funktionen entscheidend1 in den Kreis der Betrachtung ziehen. Das eben unterlassen Sie völlig. Und hier berühre ich die Krisis des modernen Führerproblems an seiner kitzlichsten Stelle: Sie empfinden diese, allen Natürlichen aufdringlich enge Beziehung von Bodenkultur und Volkswirtschaft nicht im geringsten. So sehen Sie auch nicht die Möglichkeiten der Steigerung ihrer Wechselwirkung bei Umlagerung. Wissen Sie nichts von der intensivsten Bodenwirtschaft Alt-Mexikos, Alt-Afrikas, derjenigen Neu^Hollands oder des neuesten Amerikas, oder von Kanaan oder schlechthin vom „Paradies“? Sie kennen nur mittelmäßige mitteleuropäische Landwirtschaft, nicht einmal ihre Gärtnerei. Sie wissen offenbar nicht, welche enormen Verschiedenheiten in den Ergebnissen der Bodenkultur sich begegnen zwischen polnischen Steppen und flandrischen Wasserfluten, ja zwischen Wriezen und Zossen. Unterschiede an Bodenfrucht (alias Tauschprodukt, alias Wirtschaftshöhe), die von Eins bis Hundert reichen. Sollte nicht allein die Tatsache dieser Differenziertheit zwischen gleichklimatischer Bodenwirtschaft genügen, synthetisch kombinierender Oekonomie Tür und Tor zu öffnen?! Nichts für ungut! Beim Studieren Ihrer Schriften kommt einem gelegentlich wohl ein leichter Ingriff, wenn man sieht, wie da so alles geschichtliche Geschehen, was war und kommen soll, im Grunde doch immer nur vom Volk, vom „Material“ her gemodelt wird? „Ich tue das Meinige - seht diese Bände wenigstens ich bin unschuldig, wenn es krachen sollte“. Nein. E>ie Frage nach der „Genesung“ ist nicht nur eine Frage der Masse, sondern noch viel mehr eine solche an die Einzelnen; an die Führer. Die sind verantwortlich! Und wenn wir kapuit gehen, so geschieht das nicht so sehr aus taubem Volk, sondern aus Mangel echter kerniger Führerschaft. Denn das. war und ist unser Fluch: Wir haben, nur Führer der Stadtkultur! Für alles, was mit der zusammenhängt. Dort ganze und bedeutsame, auch heute noch. Aber, ach, wir haben keine Führer durch das alte, ewig neue Land. Das heilige Land, von dem allein Genesung, wirtschaftlicher Segen und letztlich alles Menschentum herkommt.