Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1919)
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 1587-1588 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649312--0982-2650349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1587 VOLK UND LAND 1588 Was den politischen Klassenkampf des jüdischen Proletariats anbelangt, muß dessen Bedeutung für die Unterstützung des wirtschaftlichen Klassenkampfes wohl nicht erst besonders begründet werden. Hier soll auch nicht die Rede sein von seiner Bedeutung für die Verwirklichung des Sozialismus überhaupt und der letzten Ziele des Poale-Zionismus. Vielmehr nur von seiner Bedeutung für die Verwirklichung des Zionismus (jüdische Massenkolonisation in Palästina), ohne Rücksicht auf den Zeitpunkt der sozialistischen Weltrevolution. Ganz logischerweise muß die auf den englischen Imperialismus gestützte zionistische Weltorganisation ihre ganze Palästiinapolitik englisch und kapitalistisch orientieren. Sie ist bürgerlich uind muß bürgerlich sein. Unsere Verbandsleitung mußte dem auch Rechnung tragen und jede, auch die beratende Mitarbeit ablehnen. Trotz eines idealistischen Flügels (Hapogl-Hazair, Zeire-Zion) wird die zionistische Organisation stets eine mehr oder minder bürgerliche Wirtschafts- und Emigrationspolitik betreiben müssen und damit immer in einen Widerspruch geraten zu den zionistischen Idealen. Wir sehen aucty daß sie weder Macht noch Willen hat, das Kernproblem des Zionismus, das der jüdischen Arbeit zu lösen. Ussischkins Tonart Das „Israel. Wochenblatt f. d. Schweiz“ bringt einen Aufsatz „Echo aus Palästina“, von Heinrich York- - Steiner, dem wir folgendes entnehmen : „Nach einer Originalkorrespondenz aus Jerusalem der „Wiener Morgenzeituirifg“, hat Herr Ussischkin die Beamtenschaft der zionistischen Institutionen zusammengerufen und erklärt, daß die hebräische Sprache die Geschäftssprache sei — das ist an sich ganz in Ordnung, höchst bedenklich ist jedoch, was folgte — jeder Beamte, welcher der hebräischen Sprache nicht mächtig ist, müsse sie erlernen, und wer dies nicht in einer) bestimmten Zeit nachweisen werde, der möge sich sein Brot anderwärts suchen. Wenn ich diesen Satz nicht in eineml so ernsten und vorzüglich geführten Blatte gefunden hätte, wie die „Wiener Morgenzeitung“, deren zionistische Gesinnung außer Zweifel steht, dann hätte ich gemeint, eine antisemitische Notiz zu lesen. Gewiß, die Kenntnis der hebräischen Sprache für unsere Beamten in Palästina ist ein Axiom, an dem nicht zu rütteln! ist, aber wenn es wirklich in Palästina noch Beamte gibt, die der Sprache nicht mächtig sind! uind die doch bisher ihren Beruf auszufüllen vermochten, dann beweist dies, daß man bisher zur Not auch ohne Hebräisch ausgenommen ist. Gewiß, das soll geändert werden, aber nicht durch Brüskierungen und Drohungen. Palästina war in den letzten Jahren für alle/ die dort leben und arbeiten mußten, ein qualvoller Aufenthalt. Niemand, der die Fleischtöpfe von Paris und/ London verlassen hat, besitzt dias. Recht, in solchem Tone mit ernsten Fachleuten zu sprechen. Wenn noch eine bestimmte Frist, sagen wir von etwa zwei Jahren, gestellt worden wäre, aber wie sollen Beamte ihrer) Pflicht nachkomimen, wenn das Damoklesschwert der Entlassung stets über ihnen hängt? Man wird1 vielleicht jetzt von Berlin bis London verstehen, warum ich gegen Herrn •Zlätopolski polemisiere, der die Kenntnis der hebräischen Spräche als Grundbedingungfür zionistische Betätigung in Palästina, ja sogar für dlas Kongreßmandat, aufstellte. Wenn eine ähnliche Forderung von anderer Seite gestellt wird, dann erheben wir Proteste von Galizien, bis nach New York. Als Srobar, der slowakische Minister, einen Ukas herausgab, demzufolge die jüdischen Religionslehrer a binnen Jahresfrist den Unterricht in slowakischer Sprache erteilen müßten, da lief man Sturm und fand die Forderung unerhört. Ich bin fest überzeugt, daß Präsident Masaryk, der stets weitblickende und hilfebereite Führer der tschechoslowakischen Republik, nicht zugeben wird, daß man nach Jahresfrist jene jüdischen Religionslehrer ans dein A;nte jagt, die noch nicht imstande sind, hebräische Grammatik oder biblische Geschichte in slowakischer Sprache zu erteilen. Wenn aber Herr Srobar sich die Korrespondenz der „Morgenzeitung“ gut aufbewahrt, cfann wird es für unsere Freunde in Prag doch nicht so einfach sein, für ihre Brüder in der) Slowakei wirksam/ Protest zu erheben. Nein, wir Juden dürfen uns niemals jener Fehler und Gebrechen schuldig machen, die wir an dem andern Völkern tadelten. Wir, die war durch Jahrhunderte um Toleranz kämpfen, dürfen nicht intolerant sein. Die Mehrzahl der Zionisten ist fest überzeugt, daß die allgemeine Kenntnis des Hebräischen in Palästina notwendig ist, um die neue jüdische Kultur zu schaffen und zu erhalten, aber dann ist es um so unrichtiger, aus der alten Vätersprache einen Popanz zu schaffen, einen Moloch, der einem ans Leben geht. Nicht jeder Beamte hat die freie Zeit zum Studium. Wenn er tagsüber in 4 bjis 5 Sprachen mit den Parteien verkehrt hat, dann ist er wohl ganz unfähig, sich dem Sprachstudium zu widmen. - Und wenn schon diese Forderung erhoben werden muß, dann soll dies in gütiger, liebenswürdiger und brüderlicher Weise geschehen. Vielleicht aber ist es Herrn Ussischkin unmöglich, in einem anderen Tone zu sprechen, dann sollten jedoch die Zeitungen vorsichtig genug sein und solche Entgleisungen nicht der europäischen Oeffentlichkeit preisgeben.“ Wir möchten mit allem Nachdruck betonen, daß uns jeder Zwang in kulturellen Dingen als unter allen Umständen verwerflich und politisch in höchstem' Grade gefährlich erscheint. Wir wünschen ein hebräisches Palästina — aber keine Diktatur des Hebräischen in Palästina! Unter demi ausdrücklichen Vorbehalt, daß die Berichte über das Verhalten Üssischkins zutreffen,» möchten wir es nicht unausgesprochen lassen, daß dieser Ton uns allzusehr an die Sprache von „Siegern“ im „okkupierten Gebiet“ erinnert, um auch nur erträglich gefunden, geschweige denn gebilligt zu werden. Wir besitzen zuviel Vertrauen zu der sieghaften Eigenkraft des Hebräischen, als daß wir wünschen könnten, daß man ihm: mit Zwangsmaßregeln zu Hilfe kommt. Und auch nur den Anschein zu erwecken, als wären jüdisch Sprechende in Palästina Bürger zweiter Klasse, hieße die Sache des Jüdischen für seine Verfechter zu einer Sache der_ Gerechtigkeit machen. Das aber würde bei der Eigenart jüdischer Mentalität genügen, ihm1 eine Widerstandsfähigkeit zu verleihen, die es nie erlangen würde, wenn es in voller Freiheit den idealen Wettbewerb mit dem Hebräischen aufnehmen müßte, C. Z. K. Neues von Migge In der „Neuen Hamburger Zeitung“ wendet sichder Gartembaufachmann Leberecht Migge, über dessen kleine Schrift „Jedermann Selbstversorger“ wir ausführlich berichtet haben, gegen Walter Rathenaus „stadtgeborene“ Auffassung von der Umstellung der Produktion. Migges Ausführungen passen in vieler Hinsicht auch für unseren Fall. Er schreibt: „Wie Sie den Neuaufbau des deutschen Volkshauses sich denken, das haben Sie in Ihrer letzten Schrift „Die Neue Gesellschaft“ ausführlich dargelegt. Die Kapitel 6 und 7 sind eine durchaus glaubhafte Tatsachen- Visi'on aus der Gesellschaft im sozialen Staat vom Jahre 2000: ein Schreckgespenst des Lebens. Aber das Mittel dagegen, das Sie dann weiterhin aufzeigen, nämlich über den „Arbeitsausgleich“ aller zur allein fruchtbaren echten Allgemeinbildung aufzusteigen, das scheint denn doch ein wenig brüchig — wenigstens wie Sie es auffassen. Den Sinn dieser, übrigens wohl schon von Krapotkin, Proudhon und anderen vorgeahnten Erkenntnis, sehen Sie in der Not-