Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1919)
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 1585-1586 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649312--0981-2650348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1585 VOLK UND LAND 1586 Ansehen britischer Staatskunst im nahen Orient versucht. Diese Beschuldigungen entbehren jeder Begründung", und daß man sie französischen Journalisten und dem französischen Publikum in die Ohren flüstert, ist sehr bedauerlich. Wir haben sehr guten Grund zu glauben, daß während des Besuchs des Emirs auch eine Intrige gegen den Zionismus versucht wurde. Die augenblicklichen Berater Emir Faisuls scheinen geneigt zu glauben, daß die vorteilhafteste Methode eher darin besteht, (Uneinigkeit zu säen, als Harmonie zu stiften, und scheinen zu hoffen, daß man desto besser fischen könne, je trüber das Wasser sei. Dies ist ein grundlegender Irrtum nicht nur iin der Taktik, sondern auch in der Politik. Großbritannien und Frankreich werden nicht um Syrien streiten und wenn es zwischen dem arabischen Staate und dem jüdischen Palästina Reibungen geben sollte, so wird die arabische Nation dadurch sicherlich .verlieren, nicht aber gewinnen. Wir würdigen die Schwierigkeit der Stellung, in welcher sich Emir Faisul befindet. Er stößt in Europa auf beträchtliche Schwierigkeiten., selbst für die Anerkennung eines bescheidenen Programms. Gleichzeitig entwickeln /iie arabischen Politiker im Orient ihre Forderungen mit all der Freiheit und Großzügigkeit, die beim Bau von Luftschlössern zulässig ist. Die Prüfung ist emsrt, aber es geht bei ihr um Emir Faisuls Staatskunst. Es würde die Luft beträchtlich reinigen, wenn nur die Tatsachen klar dargestellt werden könnten. Wie beobachten zum Beispiel, daß Frankreich jeden arabischen Anspruch auf Palästina oder die Küstengegend Syriens im Zusammenhang mit der englisch-arabischen Verständigung bestreitet. Der Text der anglo-atrabischen Vereinbarungen, soweit er veröffentlicht ist, unterstützt diesen Standpunkt; aber warum sollte irgendein Punkt zweifelhaft bleiben? Warum sollten nicht alle Dokumente publiziert werden? Stehen einmal die diplomatischen Tatsachen fest, dann können wir auf der Grundlage politischer Wirklichkeiten weiterbauen. Inwieweit gibt es in Syrien eine echte arabische nationale Bewegung? Inwiefern kann diese Bewegung, wenn sie besteht, mit der panarablschen Bewegung identifiziert werden, die auf ein geeinigtes Arabien gerichtet ist, das in einem einzigen Staat Syrien, Mesopotamien und Palästina umfaßt? Inwieweit ist Emir Faisul der erklärte Führer dieser Bewegung? Inwieweit hat ein unabhängiges Syrien oder ein unabhängiges Panarabien die Möglichkeit, sich selbst zu erhalten? Inwieweit ist es möglich, die besten Interessen des echten und wertvollen Kerns des arabischen Nationalismus unter einem System von Mandaten zu fördern? Diese Fragen sollten beantwortet werden; man kann darum nicht mit Zynismus von der einen und nicht mit Rhetorik von der andern Seite herumkommen. Noch viel weniger können sie. durch Intrigen aus der Welt geschafft werden. Wir brauchen Licht und Helligkeit, unglücklicherweise gerade die Elemente, die heute im geringsten Maße gewährt werden. Arbeiter- und Araberfrage Aus einem Leitartikel der poale-zionistischen Wochenschrift „Der jüd i sc h e Soz i a 1 i s t“ in, Brünn: Noch nie seit dem Bestände der zionistischen Weltorganisation gab es im Zionismus eine so tiefgehende Krise, wie im gegenwärtigen Augenblicke. Heute, da die Territorialisten den Palästinismus anerkennen, ist die Situation kritischer als damals, wo sie sich von der zionistischen Bewegung loslösten. Heute, da die Vertreter der sogenannten praktischen Richtung, die Wege der politischen Zionisten gehend1, zu einem äußeren Erfolge kamen, der, mit der Beschränkung seiner zeitlichen Bedingtheit an die Macht des Entente-Imperialismus, in diesem Sinne nicht geleugnet werden kann — heute erweist sich der Kapitalismus im Zionismus als die Klippel, als die Gefahr, an der seine Verwirklichung scheitern kann. Das Privatkapital ist unter den gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen zweifellos unentbehrlich für die PaUistinakolonisation. Es kann nach Palästina, es muß nach Palästina und es ist auch dort schon in einem gewissen Umfange tätig. Und mit ihm hat auch bereits seine Ideologie Einzug gehalten: der Nationalismus. So ergibt sich das für uns als Soziologen gar nicht so paradoxe Paradoxon, daß der Nationalismus die Nation gefährdet. Das heißt, der jüdische Kapitalismus ist wie jeder andere Kapitalismus international in seiner wirtschaftlichen, daher auch wirtschaftspolitischen Betätigung. Er ist abhängig vom Weltkapitalismus. Aber auch wenn dies nicht der Fall wäre, würde er dennoch, den ehernen Gesetzen seines Wirtschaftssystems folgend; stets die Idee dem Materialismus; opfern in dem Augenblicke, da er vor eine Alternative gestellt wird. Vor dieser Alternative steht er in dem Augenblicke^ wo er in seiner primitivsten Gestalt, der des jüdischen Privatkolonisten, an die Anwerbung von Arbeitskräften schreitet. Zweieinhalb. Franken Tagelohn sind der Magnet, mit dem er imstande ist, den Fellachen von der eigenen Scholle weg und unentrinnbar in seine Dienstleistung zu ziehen, zu proletarisieben. Der jüdische Privatkolonist akzeptiert ohne weiteres den arabischen Lohndruck, daher die Arbeitslosigkeit der jüdischen Arbeiter. Er expropriiert den feitechischen Kleinsiedler — seinen zukünftigen Expropriateur — und erweist ihm die Gunst, ihm Gelegenheit zu geben, sich ausbeuten zu lassen. Dem jüdischen Arbeiter erweist er diese Gunst nicht, weil dieser auf einer höheren Stufe der Lebenshaltung steht und weniger ausbeutuingsfähig ist. Er betreibt nicht jüdische Kolonisationspolitik, sondern internationale Kolonialpolitik, und so können wir sagen, daß der jüdische Nationalismus — Kapitalismus folgerichtig nicht zur Judaisierung, sondern zu Arabisieruing führt, da die Ausschaltung deT jüdischen Arbeit eine jüdische Massenkolonisation unmöglich macht und in der weiteren Zukunft, mit Verwirklichung des Sozialismus, der im Lande entstandene jüdische Kapitalismus von demselben arabischen Proletariate enteignet werden würde, dessen Expropriierung er selbst verschuldete. Umgekehrt bietet der internationale Sozialismus der jüdischen Arbeiterschaft die Möglichkeit jüdischer Kolonisation spolitiik und führt ohne Beeinträchtigung des arabischen Kleinsiedlers, dessen Proletarisierung dann "vermieden wird, zur natürlichen und friedlichen Schaffung eines jüdischen Wirtschaftsgebietes, in welchem dann bei der sozialen Weltrevolution der jüdische Kapitalismus vom jüdischen Proletariate expropriiert werden wird. Die jüdische Arbeit, das heißt die Aufhebung der Ausschließlichkeit der arabischen. Arbeit, ist die Voraussetzung jüdischer Massenkolonisation. Soweit sie durch Kooperativgenossenschaften durchgesetzt werden soll, ist zu beachten, daß diese Form des wirtschaftlichen Klassenkampfes 90 lange mit Schwierigkeiten zui kämpfen haben wird, als der Privatkolonist über wohlfeile Arbeit verfügt. Hier also liegt der enge Zusammenhang der genossenschaftlichen mit der gewerkschaftlichen Bewegung. Die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit der Arbeitergenossenschaften mit dem Privatunternehmen ist ebenfalls abhängig von der Beseitigung des arabischen Lohndruckes. Der Arbeitsplatz des jüdischen. Arbeiters beim jüdischen Privatunternehmer ist nur zu erreichen durch die materielle Gleichstellung des arabischen mit dem jüdischen Arbeiter. Daher Aufklärung und Organisierung der arabischen Arbeiterschaft, Steigerung der Stufe der Lebenshaltung derselben. Woraus sich die Notwendigkeit internationaler Gewerkschaftsorganisationen ergibt, mit dem doppelten Spezialziele der Verminderung der Ausbeutung und der Schaffung jüdischer Arbeitsplätze. Denn zweifellos wird' der Kolonist, bei gleichen Entlöhnungsbedingungen, die Arbeit nicht nach dem Gesichtspunkte der Nationalität, sondern nach dem der Tüchtigkeit vergeben.