Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-12-10 · Heft 50 (10.12.1919) · p. Seite 1581-1582

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 50 (10.12.1919)
Date
1919-12-10
Page
Seite 1581-1582 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649312--0979-2650346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1581 VOLK UND LAND 1582 SJ I I II I IMI lllll HUI I I III I I III lllillllllllH l STIMMUNGEN UND MEINUNGEN Um den Judenstaat Dr. D. Pasmanik, Mitglied des Komitees der | Jüdischen Delegationen in Paris, hat in einer Unterredung über den Vertragsentwurf über Palästina, der von der Zionistischen Organisation in London der englischen Regierung unterbreitet worden ist, dem Herausgeber der ,Jüdischen Preßzentrale Zürich“ nachstehende Fiage beantwortet: „Entspricht die jetzige Fassung des Traktates zwischen der englischen Regierung und den Zionisten den meritorischen Notwendigkeiten und den Erwartungen des jüdischen Volkes?“ „Ein wirklicher, d. i. endgültiger Traktat zwischen der englischen Regierung und der Zionistischen Organisation, existiert, soviel ich weiß, noch nicht. Alles hängt von dem Friedensvertrage zwischen xden Alliierten und der Türkei ab, der nicht so schnell zustande kommen wird. In der Presse sprach man vor kurzem darüber, daß diese Verhandlungen; erst im März 1920 stattfinden sollen. (Nach den inzwischen eingelaufenen Nachrichten finden diese Verhandlungen bereits im Januar statt. „J. P. Z.“) Trotz alledem kann man schon jetzt bestimmte Grundsätze feststellen. Die Frage unterscheidet sehr klug zwischen meritorischen Notwendigkeiten und Erwartungen des jüdischen Volkes, was gar nicht dasselbe ist. Sprechen wir zuerst von den letzteren. Das jüdische Volk, soweit es überhaupt zionistisch denkt, erwartete zwei Dinge: den Judenstaat und die baldige Massenimmigration nach Palästina. Um so mehr, als seinerzeit nach dem Erscheinen der Balfourdeklaration in den jüdischen Zeitungen — es wäre sehr interessant festzustellen, auf wessen Veranlassung — nicht bloß der Judenstaat, sondern sogar die Namen der Mitglieder der jüdischen Regierung in Palästina annonciert waren. Nun, einen Judenstaat in Palästina werden wir nicht erhalten, wie immer auch die Verhandlungen mit der Türkei ausfallen mögen. Davon ist gar keine Rede. Die diesbezügliche Kritik ist vollständig unbegründet und naiv. Nicht etwa wie Dr. W e i z m a n m die Sache erklärt: Das Basler Programm verlange gar nicht den Judenstaat. Er vergißt, daß dieses Programm für die autokratische Türkei und nicht für eine Friedenskonferenz geschrieben war, die ja die berühmten 14 Artikel Wilsons verwirklichen sollte. Sondern die Sache ist ganz anders: Der Judenstaat in Palästina j ist viel mehr eine arabische, als eine englische Frage. Und mit den Arabern haben wir fast gar nicht verhandelt. Kurz und gut: kein Judenstaat. Das wäre kein großes Unglück für uns. Leider wird auch die zweite Erwartung nicht erfüllt werden können: eipe Massenimmigration nach Palästina ist in den nächsten Jahren unmöglich, trotz der Pläne des Herrn Trietsch. Wohl sind daran zum Teil äußere Hindernisse scbuldJ, aber die Hauptschuld liegt daran, daß unser Volk für diese Riesenaufgabe unvorbereitet ist. Wir haben weder die riesigen Finanzmittel noch die notwendige Volksorganisation, die man für die Verwirklichung einer planvollen Massenimmigration nach Palästina braucht. So einen Plan könnte nur das geeinte Volk realisieren und nicht die zionistische Organisation, so wie sie jetzt existiert. Was nun die meritorischen Notwendigkeiten a.nbetrifft, so kann man darüber nichts Bestimmtes sagen, weil eben noch kein festgelegter Vertrag vorhanden ist. Das Minimum der Notwendigkeiten ist folgendes: 1. Völlige Freiheit der Immigration unter der Kontrolle der Zionistischen Organisation und 2. Vorzugsrechte auf allen freien Boden und auf die großen Konzessionen (Häfen, Eisenbahnen, Drainage- und Bewässerungsarbeiten, Exploitation der Mineralreichtümer, Bankwesen usw.). Ich I befürchte, daß wir in bezug auf die zweite Forderung zu kurz kommen. Ich bin überzeugt, daß -- wenigstens vorläufig England die Wirtschaft der freien Konkurrenz in Palästina etablieren will und dazu noch für sich das Recht der Kontrolle der Immigration beansprucht. Wir werden somit die Konkurrenz des englischen Kapitals und der arabischen Arbeit zu ertragen haben. Das wird unsere Arbeit erheblich erschweren. Das heißt aber •nicht, daß uns die Arbeit unmöglich gemacht wird. Jetzt wie früher hängt die Realisation des zionistischen Ideals von uns, von der Energie des jüdischen Volkes ab. Unser Zweck' muß sein, so schnell als möglich in Palästina eine jüdische Mehrheit zu schaffen, d. i. in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren nach Palästina wenigstens 800 000 Juden übersi£deln zu lassen. Dazu brauchen wir ungefähr eine Milliarde Franken und die Energie des ganzen jüdischen Volkes. Bevor wir eine Mehrheit in Palästina haben, ist unsere ganze zionistische Politik zum größten Teil „Stadlonus“ oder Sentimentalität. Unsere Hauptpolitik muß jetzt vor allem nach innen gerichtet werden, um die verschiedenen Teile des jüdischen Volkes einander zu nähern und sie um das eine Ziel — die Kolonisation Palästinas zu vereinigen. Und dann müssen wir eine weitsichtige und zum verständnisvollen Zusammenarbeiten führende Araberpolitik begründen. Das ist meine kurze Antwort auf die oben gestellte Frage. Es ließe sich noch manches mehr sagen, aber noch ist die Zeit dafür nicht gekommen. Doch ist in meiner Antwort das Wesentliche enthalten.“ Der Londoner Korrespondent der „J. P. Z.“ berichtet: Auf der Versammlung der West Zionist Association, | die am 2. Dezember 1919 in Langford Place, London, stattfand, hielt Joseph Co wen eine Rede über dje „Gegenwärtige zionistische Politik“. Gowen richtete eine scharfe Kritik gegen die Politik der führenden Zionisten. Vor allen Dingen griff er den Mangel an Offenheit an, der die Gefahr der Geheimdiplomatie in sich berge. Er hoffe, daß die Zionisten noch vor der Basler Konferenz besser informiert würden, damit sie die Gegenstände unter sich diskutieren könnten uftd die Basler Konferenz nicht einseitig ausfalle. Der Zionismus!, führte Cowen aus, sei seit 1913 innerlich nicht erstarkt. Er vermisse Männer, die nicht fehlen dürften, wie Bentwich, Gaster, Greenberg und Zangwill. Auch in den Augen der Welt wären die Zionisten seiner Meinung nach nicht so stark wie vor zwei Jahirenj, zur Zeit der Deklaration. Damals sagte Lord Robert C e c i 1, daß Armenien den Armeniern, Arabien den Arabern und Judäa den Juden gehören solle. Das wurde von der Bevölkerung dieses Landes dahin aufgefaßt, daß ein souveräner Staat für die Juden in Palästina geschaffen werden würde. Er persönlich verlange keinen unabhängigen Staat, aber es bestände doch ein ungeheurer Unterschied zwischen einem jüdischen Staate und einem kraftlosen Mandate, unter dem man vollständig von der Gnade Englands, abhängig sei. Die öffentliche Meinung sei den Zionisten nicht mehr so günstig, wie vor zwei Jahren, und dies wirkte auf die Regierung zurück. Er wüßte, daß das Bündnis mit England die einzig richtige Politik sei. jedoch wäre mehr Offenheit gegen diejenigen, die man als seine Alliierten ansehe, am Platze. Das Mandat müßte besser definiert und begrenzt werden. Das einzige, was man von der Regierung erreicht hätte, sei die Deklaration!, und 'dies sei eine Deklaration des Kompromisses, durch welches die englische Regierung die Zionisten sowohl als auch die Antizionisten zu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.