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Volk und Land · 1919-12-10 · Heft 50 (10.12.1919) · p. Seite 1573-1574

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 50 (10.12.1919)
Date
1919-12-10
Page
Seite 1573-1574 (sequence 8)
Language
German
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1573 VOLK UND LAND H a i f a z u einem palästinensischen Elfis Island werde. Vom Lande unserer Zukunft, dem Lande unserer Volksrettung, muß das Odium ferngehalten werden, daß flüchtende Juden an seiner Türe oder gar aus seinem Innern zurückgejagt werden. Die überaus peinliche, aber für den Aufbau lebensnotwendige Charge der Zulassung unü Sperrung muß eine möglichst weitabliegend e" Ausgangsstation auf sich nehmen. Cie in Betracht kommende Station ist für den Südost-Wanderstrom nur Konstantinopel. Zwei Dinge machen dem Zionismus in dieser Stadt diese heikle Mission, die Segen sein soll, aber sicher viel Fluch erfahren wird, annehmbarer, erträglicher. Das eine ist, daß gerade von hier aus ein Teil des Wanderstroms nach Uebersee gehen wird, dem für Palästina unpassende Elemente werden zugeleitet werden können; das zweite: die bestehende Aussicht, daß zurückzuhaltenide Wanderer in Konstantinopel selbst und in anderen Städten des ehemaligen großtürkischen 'Reiches zeitweilige oder dauernde Existenzmöglichkeiten finden werden. Ohne diese beiden Abflußmittell, das mag hier betont sein, ist eine faktische Durchführung der Wanderregulierung überhaupt nicht denkbar. Letzte Konsequenz einer Regelung ist Zurücksendung (ä la Ellis Island). Solche Zurücksendung aber, an und für sich schon eine Maßregel, die Haß und Wut erzeugt, Empfindungen, die keine Phase zionistischer Verwirklichung in unseren Volksschichten wecken dürfte, ist angesichts der Lage unserer Auswandernden, nein: Flüchtenden, unverantwortlich grausam. Soll ein Familienvater, der dem rumänischen Kerker, schlimmerem vielleicht, nur dadurch entgangen, daß er der drohenden falschen Anklage durch die Flucht zuvorkam, durch jüdische, durch unsere Hände seinen Henkern rücküberliefert werden? Sollen unsäglich unglückliche Juden, die fünf Schreckensjahre Südrußlands überstanden haben und nun endlich hofften, einem Heim, dem rettenden jüdischen Heim, zupilgern zu können, unterwegs gefaßt und den Pogromen! der „Befreier Großrußlands“ wieder .zugetrieben werden? Das ist eine unvollziehbare Vorstellung. Es wird übrigens auch eine unvollziehbare Praxis sein. Es kann jedenfalls »nicht versichert werden, daß die Auswanderungsstaaten einmal emigrierte Juden wieder zurück hineinlassen werden. Es müssen also Abfluß wege gesteh affen und, wo sie vorhanden, genutzt werden. Ueber den Abzug nach Uebersee soll hier nichts gesagt sein. Aber die türkischen Gebiete sollten unsere Aufmerksamkeit fesseln. Nicht die ländlichen. Keine landwirtschaftliche jüdische Ansiedlung in Anatolien, Thrazien oder Mazedonien hat bisher angeschlagen; sie waren auf ungeheure Gebiete zerstreute, kraftlose Pünktchen und dazu verdammt, wenn nicht an irgendeiner Katastrophe, so doch einfach an Verlassenheit, einzugehen. Heutzutage, wo die, Unsicherheit permanent ist, in Anatolien Aufständische und Räuberbanden herrschen, ist vollends daran nicht zu denken. Anders aber stehFs um die unmittelbare Nähe Konstantinopels, wo Böden zu haben, militärischer Schutz zur Hand und die Siedlungen um so gesicherter sind, je zahlreicher nebeneinander und je bevölkerter sie sind, und wo, nebenbei gesagt, für vernünftig betriebenen intensiven Land- und Forstbau glänzender Absatz gegeben ist. Zumindest aber wäre hier ausgezeichnetes Feld für Chaluzim-Unternehmungen. Die Böden noch billig, aber unmittelbar vor ganz bestimmter, außerordentlicher Wertsteigerung; ihr geologischer und klimatischer Charakter dem-' gewisser Gegenden Palästinas verhält- 1574 nismäßig ähnlich; ihre Lage großstadtnah, jedem Zuzug offen und auf der Palästinastrecke; Anschluß au bestehende russisch-jüdische Siedlung (Massilah . Chadaschah) gegeben. Hier ist übrigens mehr als Projekt vorhanden, nämlich ein Anfang: in Konstantinopel liegengebliebene Palästinawanderer sind bereits seit einigen Monaten an Massilah Chadaschah siedlungsweise angeschlossen. Diese Unternehmung ist ausdehnungsfähig. Gleichwohl kann sie größere Mengen natürlich nicht absorbieren. Wohl aber ist das von städtischer Siedlung zu erwarten. Schon jetzt finden tüchtige Handwerker jeder Art, Wäscher und Bügler, Tischler und Klempner, Schneider und Schuster in Konstanti- . nopel und Smyrna gutbezahlte Arbeit, wenn auch mit Schwierigkeit Unterkunft. Auch im Handel fehlt es an Betätigungsgebieten nicht; so lange noch irgendein russischer Hafen im Schwarzen Meere zugänglich bleibt, sind die Möglichkeiten für russische Juden sogar bedeutende; Konstantinopel wird, seit dem (halben) Frieden, bereits wieder Stapelplatz erster Ordnung; ententistische und neutrale Staaten wetteifern, hier ihre Waren abzuladen, von wo sie nicht nur nach Bulgarien und Rumänien, sondern auch, trotz aller Sperrungen | und Unmöglichkeiten, durch irgendein offenes | Hafenloch nach Südrußland, der Krim, dem Kau-; kasus geworfen werden. Ist die Situation Konstantinopels erst international ge- 1 regelt (und das wird ja nun wohl kommen), s o eröffnen sich hier unbeschränkte Perspektiven, die jüdischen Niederlassuni gen in der Stadt große Ausdehnungschancen sichern. Die Zionistische Orient- I federation in Konstantinopel ist auf die Chaluzim, die Aschkenasische Gemeinde der Stadt auf den j kommenden Großzuwachs bereits statutarisch vor- I bereitet. Ueberhäupt sind für jeden denkenden Juden am Bosporus all die hier theoretisch entwickelten j Postulate heute schon tastbare Fakten und Selbstverständlichkeiten. Ist nicht bereits seit einem Jahre Konstantinopel die Mittlerin zwischen dem südöstlichen'Galuth und London—Paris—Palästina? Kreuzen sich dort nicht die Sendboten her und hin und liegen dort fest, weil sie nur dort die Erlaubnisse hin oder her erlangen? Funktioniert nicht seit über zehn Monaten schon die zionistische Vertre^ tung als halbamtliche Stelle zur Erlangung der Visa nach Palästina? Existiert nicht seit Waffenstillstand nur da, und sonst nirgend in der Welt, eine organisierte Wanderung (wenn auch nur Rückwanderung) nach Palästina? Stauen sich nicht in Pera bereits viele hunderte (heute sind es vielleicht schon Tausende) aufgehaltener, wartender Palästinafahrer aus Rumänien und den russischen Staaten? Hat man nicht schon Fürsorge-Institute für sie gründen, einen Teil von ihnen landwirtschaftlich ansiedeln, für andere Fabriken eröffnen müssen? Daß die Lage zum Handeln drängt, bewies jüngst der Aufruf der Konstantinopeler zionistischen Vertretung, der die Schaffung eines Informations- und Vermittlungsbüros für den Verkehr zwischen Palästina und jüdisch Südosteuropa anzeigt. Das ist aber nur ein ganz kleiner Anhub dessen, was der Zionismus in Konstantinopel zu schaffen hat. Eine feste Organisation ist hier vonnöten; wohldurchdacht, allen Anforderungen der Sache Rechnung tragend. Und sie muß jetzt schon geschaffen werden. Sie muß da sein, bevor der Wandersturm losbricht. Das Regulierungswerk muß vorbereitet sein, solange es noch Zeit ist, solange Stauen, Dämmen, Auslesen noch möglich ist. Der kritische Zeitpunkt

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