Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1919)
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 1571-1572 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1571 VOLK UND LAND 1572 für die Wanderungnach „irgendwohin“ wird sich von der in anderen Ausgangshäfen und zu anderen Zeiten geleisteten nicht wesentlich unterscheiden. Die Organisierung der Palästina-Wanderung dagegen ist vollkommen Neuland, und die Situation Konstantinopels in ihr bietet ganz besondere Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Für sie gilt es die Form zu finden und das System zu traeieren. Wenn im folgenden von Regulierung die Rede ist, so darf darunter nicht Beschränkung verstanden werden. Einwanderungsverbote, auch wenn sie vom Zionismus ausgehen, sind für die Palästinasache tödlich. Mord- und Brandnot lassen sich in kein Moratorium bringen, Begeisterung nicht auf Flaschen ziehen. Auch Massenwanderziele, besonders ideelle, haben ihre historischen Stunden; wenn die verpaßt sind, kann es mit der Zugkraft der Ziele vorbei sein. Wird der Weg zu spät freigegeben, so können die in Ratlosigkeit oder Verzweiflung gesuchten Nachtasyle die Dauerheimat ertötet haben. Niemand kann zweimal angesiedelt werden; der einmal Festgewurzelte ist nicht von neuem loszureißen und neu einzupflanzen, da wo andere wollen. Nein! Regulierung der Wanderung muß fördernd, nicht hemmend verstanden werden. In solchem Sinne Ist sie in erster Reihe Lande s v o r b e r e i t u n g. Das will sagen: durch großtangelegte, intensivste Aufbauarbeit Schaffung so großer Bedürfnisse des Landes, daß diese sich mit dem gewaltigen Wanderbedürfnis unserer bedrängten Massen decken. Nicht die Angebote sind abzuriegeln, sondern für jedes die Nachfrage in Palästina zu schaffen, und zwar mit Notstands-Beschleunigung, dem Notstände unseres Volkes entsprechend. Die Mittel dazu sind Ideen und Gelder, aber Mut und Wille vor allem. Sind Wille, Mut und Ideen da, werden sich auch die Gelder finden lassen. Jede Ueberführung nach Palästina ist gegenüber einer nach Uebersee eine außerordentliche Ersparnis; für die Differenz läßt sich neben der Ueberführung fast die Ansiedlung bestreiten; das muß das Judentum begreifen, wenn man es ihm genügend klarmacht und ihm die Ansiedlungsmöglichkeiten überzeugend vorführt. Gelingt diese Demonstrierung, so sind die benötigten Kredite gefunden. Regulierung der Palästina-Wanderung heißt gleichwohl auch — malgre oous — ein Negatives. Auch wer jede jüdische Kraft in Palästina haben möchte, kann den Begriff „unerwünschte Einwanderer“ nicht ganz und gar aus der Aktion eliminieren. Schwer ansteckend Kranke, Gewohnheitsverbrecher, Mädchenhändler und Elemente ähnlichen Charakters wird auch der Radikalste von Israelland fernhalten wollen. Das umschreibt aber noch nicht alles. Die Regulierung wird, zwar nicht im Zurück weisen, aber doch im Zurückhalten, ins Große gehen müssen, wenn wir ihr wahres Wesen recht positiv erfassen: Aussuchen, Vorziehen, Vorschieben aller der Wanderelemente, die zuerst und zu dringlichst in Palästina, eben für die Landesvorbereitung, den bestmöglichen Aufbau, die Schaffung größtmöglicher Immigration sbed ü rfn i ss e benötigt werden, derjenigen zugleich, die sich am frühsten, sichersten und produktivsten dort erhalten können. Also: die Führer und Intellektuellen zur Aufbauleitung, die Werkleute für Häuser-, Straßen-, Häfen-, Bewässerungs- und Kraftlieferungs-Bauten, die Ameliorierer, die Bauern, Pächter und Feldarbeiter, die Dort- und Stadthandwerker erster Notwendigkeit, die Geldgeber, Ingenieure und Handarbeiter für die ersten dringendsten Industrien, all dipse Elemente müssen unbedingt zuerst hinüber. Ihre Uebersiedlung herbeiführen, fördern, beschleunigen, das heißt die Wanderung regulieren. Daß andere, weniger dringliche Kategorien hinter ihnen zurückstehen und warten müssen, ist nicht zu umgehen. Hier muß die Regulierung negativ, ja hart, unerbittlich bleiben, um zum größten Positiven zu gelangen. Damit verhütet sie Chaos, Unheil für das Land, Mißkredit für die große Sache, Elend und Untergang für die Wandernden selber. In einer seiner Reden hat Sokolow jüngst angedeutet, daß es wohl das beste sein wird, wenn der Zionismus versucht, die Kontrolle der Pa'ästina- Wanderung gemeinsam mit den Organen der britischen Regierung durchzuführen. Wir müssen zugeben, daß das nicht nur die beste, sondern die einzige Art ist, in der die Kontrolle überhaupt möglich ist. Das Verständnis für sie mag der Zionismus allein besitzen, die Macht hat er nicht Nur wenn sie als britische Beamte oder Hand in Hand mit solchen auftreten, können die zionistischen Beauftragten ihr Mandat erfüllen, ihren Verfügungen Nachachtung verschaffen. Man vergesse nicht, daß es sich um nichts Geringeres als eine Organisation von Paßämtern handelt. Die zionistische Autorität mag das Visum für Einreise- Erlaubnis zu erteilen haben, die britische erst wird ihm Kraft und Wirksamkeit sichern. Ein b r i - tisch-zionistisches Abkommen über die Grundsätze und die Praxis der Visumerteilung für Palästina ist die unumgängliche Vorbedingung jeder Wanderun gskon trol 1 e. An welchem Punkte erfolgt nun die letzte Kontrolle, die Hauptentscheidung, die definitive Erteilung des Visums? Nur in Konstantinopel. Es ist bei dem demokratischen Charakter der zionistischen Bewegung ganz selbstverständlich, ja, es muß aus Gründen der praktischsten Durchführung der Einzelkontrolle sogar darauf bestanden werden, daß eine erste Regulierung, eine Vorentscheidung schon am Auswanderungsorte von der dortigen Ortsgruppe oder Vertrauensperson getroffen werde, eine zweite an der Haupt-Landessammdstelle. Das letzte Wort aber muß in Konstantinopel gesagt werden. Denn es jst mehr als fraglich, ob angesichts der Wirre der russischen Verhältnisse die lokalen zionistischen Autoritäten die technische Möglichkeit finden werden, die festgelegten Prinzipien für ihre Entscheidung anzuwenden, und die Kraft, sie im positiven oder negativen Sinne durchzusetzen. Fraglich bleibt überhaupt, ob in all den Jahren der Wirren und Sperren die Instruktionen der zionistischen Zentralleitung in Palästina mit der notwendigen Bestimmtheit und Regelmäßigkeit an die zionistischen Organisatfionsstellen der Auswanderungsländer gelangen werden. Heute zumindest ist eine Verständigung von Palästina oder von London nach Südrußland ohne Vermittlung Konstantinopels unmöglich. Also nur in Konstantinopel ist Sicherheit, daßuder Wille der palästinensischen Einwanderungszentrale wirksame Anwendung finde. Nur in Konstantinopel kann verhindert werden, daß die „Siedler erster Notwendigkeit“ aufgehalten werden und ausbleiben, während in den Häfen Palästinas Scharen dauernd unerwünschter oder vorläufig noch nicht begehrenswerter Immigranten auftauchen und stürmisch um Einlaß anpochen. Die letzte Regelung, die immer etwas gewaltsam sein wird, darf nicht in Palästina selber vorgenommen werden. Es muß vermieden werden, daß die Rhee^e von Jaffa oder