Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1919)
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 1569-1570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1569 VOLK UND LAND sich auf Konstantinopel. Und hier erst wird sich die Pforte in die Levante ö.f.ien, durch die die Wogen unserer Flüchtlinge ihre Rettung in zwei Welten suchen werden, in die alte Welt der Emigranten: Amerika und die britischen Dominions, und in die neue: Palästina. Nach dieser Unumstößlichkeit hat man sich zu richten. Saloniki als Konkurrcnz-Ausgangshafen scheidet vorläufig aus, solange die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Mazedoniens nicht geregelt, solange die geplante Konkurrenz-Orientbahn nach dieser Stadt nicht die östlichere verdrängt hat, und solange das bedenklich Problematische in den Beziehungen zwischen der Judenheit Salonikis und der Regierung in Athen nicht befriedigend gelöst ist. Es gibt nur einen zweiten Ausgang für unsere Wanderbewegung ftn die Levante, das ist Triest. Aber dieser Hafen hat seine eigene, große Mission für sich: die westliche, die der östlichen Mission Konstantinopels so wenig Eintrag tun kann als dieses der ihren. Die Wasserscheide zwischen Ost- und Weststrom kann sich hin und her verschieben, je nach der Kilometerentfernung bis zum besten Hafen, den politischen Annäherungen und Abstoßungen der zu durchfahrenden Länder und dem Grade der Fürsorge aut den Etappenwegen: die beiden Mündungen Triest—Konstantinopel werden immer ihre Wanderflüsse erhalten, keine wird die andere zum Versiegen bringen. Soll den Ziffern durchaus ein Proguostikon gestellt werden, so wird die Durchgangsziffer Konstantinopels in Anbetracht der engeren Nähe Rußlands einer- und Palästina andererseits, wahrscheinlich die beträchtlich höhere werden. Irrelevant wird auch die Unterscheidung zwischen Ausgangs- und Durchgangshafen. Solange das Chaos in Rußland anhält (sein Ende ist ja nicht abzusehen!) werden sich in allen seinen Südhäfen befriedigende Kontroll- und Regelungsstationen kaum herstellen lassen; auch werden, solange die Ausreise-Erlaubnis-Frage nicht in allen Ausgangsländern und -häfen vollkommen gelöst ist, fortwährende Gerinnsel von „Kontrabande-Wanderern “ von allen Seiten in Konstantinopel einfließen. Und da, wo die Wanderung sich sammelt und ordnet, da wo sie endgültig kontrolliert und geregelt wird, da wo sie sich klar nach ihre.n Endzielen scheidet, da ist die Ausgangsstelle, nicht an einem geographischen Terminus. Schon jetzt darf die Vermutung ausgesprochen werden, daß Schiffahrtslinien, die sich mit der Beförderung unserer Wanderer befassen werden, noch geraume Zeit Konstantinopel als Endhafen anlaufen werden, ehe sie sich dazu entschließen, in den umstrittenen und unruhigen Häfen des Schwarzen Meeres ihre riskanten Installationen zu treffen. Darum wird man Konstantinopel nicht nur Durchgangs-, sondern auch Ausgangshafen nennen müssen. Aber Konstantinopel wird mehr sei.i. Der Weststrom wird, ehe er Triest erreicht, sich in einem vorliegenden großen jüdischen Zentrum aufstauen; er tut es schon heute; Wien wird zu einem ungeheuren Sammelbecken, in dem Wandermassen Zurückbleiben, selbst wenn die Schleuse geöffnet wird. Dasselbe Phänomen muß sich im Cysten vollziehen, und es beginnt auch dort schon heute. Aber dort fallen Sammel- und Ausflußbecken zusammen; der Ausgangshafen wird Immigrationszentrum zugleich: Konstantinopel; Ost-Wien und Ost-Triest in einem. Diese . Kalkulation höchst wahrscheinlicher, durch Anzeichen und Anfänge belegter Wirklichkeiten soll keine absolut unfehlbare Prophezeiung für alle Fälle darstellen. Wandlungen und Wunder können andere Tatsachen schaffen, die zu anderen 1570 Folgerungen führen. Solche Wunder wären: das schnelle Verschwinden des Bolschewismus, die Herstellung geordneter Zustände, Wiederknüpfung des in Fetzen gerissenen Wegenetzes, Wiederwachsen der ausgerodeten Produktionsmöglichkeiten, Sicherung von Leben, Besitz und Bewegungsfreiheit, Abebben des ungeheuer gesteigerten Judenhasses, Aufhören der Judenmorde in den russischen Ländern. Ja, wenn Siese Wunder geschehen — dann wird die Wanderung nicht erfolgen; wird sie sich nach innen ergießen anstatt nach außen; wird, selbst wenn diese Folge nicht eintritt, Konstantinopel einen Teil seiner Wanderungs-Bedeutung an Odessa verlieren; wird dieses zum Haupt-Etappenziel selbst für nordrussische Wanderung nach Palästina werden. Wir haben mit diesen Wundern nicht zu rechnen, für Jahre und) Jahre noch nicht. Unsere Einstellung hat für die nahe Gegenwart zu erfolgen, und deren Tatsachen bleiben: die große Wanderung und Konstantinopel. Wer hat diesen Tatsachen zu begegnen? Das ganze universelle Judentum natürlich. Aber wie schnell und wie gesammelt es das tun wird, wie weit es seine Aufmerksamkeit und seine Kräfte aut den Südoststrom und den Südostweg richten wird, diese Frage berechtigt zu einiger wehmütiger Skepsis. Die Südost-Flucht wird nicht unter den Augen der Westjuden vor sich gehen; es wird hier auch nicht geltem, erschreckte Westjudenländer vor ihrem Einbruch zu bewahren. Der ganze Vorgang als wirtschaftliche und politische Erscheinung wird unmittelbar nur die Ausgangsländer, Palästina und Amerika, berühren. Er wird immerhin, des sind wir sicher, das Gewissen auch der übrigen Judenheit nicht gleichgültig lassen; aber diese wird in erster Reihe von der Bewegung durch die nördlichen Meere und von der durch die Adria in Atem gehalten werden. In Konstantinopel ist die große Arbeit durch die amerikanischen Juden zu leisten, und in allererster Reihe durch den Zionismus. Konstantinopel ist die Hauptpforte nach Palästina. Der Wanderstrom, der sich dorthin ergießt,' ist zionistisches Lebensinteresse. Darum hat der Zionismus an dies Werk zu gehen, als wenn die übrige Judenheit nicht vorhanden wäre. Nicht, weil er deren Hilfe mißachtete, sondern weil sein Vorangehen hier eigenste Mission und Pflicht ist. Daß er möglichst viel jüdische Tatkraft außer ihm mitheranzuziehen suchen, ja möglichst viel Teilgebiete anderen Organisationen zu möglichst selbständiger Bearbeitung überlassen muß und wird, ist selbstverständlich. Erstes Teilungsprinzip wird das Wanderziel abgeben. Was nach Palästina will, gehört in dem Rayon des Zionismus; was nach Amerika, Südafrika oder sonstwohin, in das Gebiet anderer Organisationen. Beide Wanderungen werden ja von entgegengesetzten Grundsätzen und Methoden beherrscht sein. Die eine geht nur auf Zuflucht, auf Unterschlupf aus, die andere daneben und vornehmlich auf planmäßigen Aufbau eines festbestimmten, zum Selbststaat prädestinierten Siedlungsilandes. Dort kommt lediglich das Bedürfnis der Wanderer in Frage, hier ist'das Bedürfnis des Landes hauptmitbestimmend. Natürlich kann die spezielle Fürsorge-Arbeit für alle Emigranten im Teilungshafen, unabhängig von ihrer Musterung und Scheidung, gemeinsam sein; auch werden Verschiebungen von einem Gleise zum andern Vorkommen, so dab enge Fühlungnahme beider Arbeitssysteme auf alle Fälle bedingt bleibt. Das wird aber an der prinzipiellen Zweiteilung nicht Wesentliches ändern. Die Aktion