Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1919)
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 1567-1568 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1507 VOLK UND LAND J; öS vernante. Man erfährt, wie teuer im Juli die Kartoffeln sind, und was man für Kleider und -Schuhe zu bezahlen hat. Jedes Vierteljahr wird außerdem in allen Postanstalten und sonstigen Behörden eine Anzahl von Plakaten angeschlagen, aus denen Aenderungen usvv. hervorgehen, und es geht sogar noch weiter : da England nicht nur für seine Emigranten, sondern auch für seine Kolonien zu sorgen bestrebt ist, erscheinen von Zeit zu Zeit Inserate in den Zeitungen, in welchen freie Ueberfahrt und freies Land annonciert werden, je noch den Bedürfnissen der betreffenden Kolonien. Eine jüdische Institution, welche zu diesem Zwecke geschaffen würde, muß die ganze jüdische Emigrationsfrage in der außerordentlichsten Weise beeinflussen. Manches' ist oben schon angedewtet, Wir sehen einen regelrechten Dienst, der eine bestimmte Ausbildung erfordert, wir haben die Möglichkeit vor uns, unserem studierenden Proletariat ein neues großes Feld der Tätigkeit zu eröffnen, und es würde dadurch ein ernsthaftes und umfassendes Studium der Judenfrage in allen ihren Einzelheiten eingeleitet. Aber noch vieles andere ergibt sich aus einer solchen Organisation. Ich will an dieser Stelle nur eins herausgreifen, nicht weil es das wichtigste, sondern weil es frappant genug ist, zum Nachdenken anzuregen. Es wird sich das Bedürfnis heraussteilen, eigene Schiffe für die Diesen Artikel nahm Dr. Herzi damals (Anfang 1903) zum Ausgangspunkte eines großen Planes: der Errichtung eines zionistischen Emigrationsamtes, das unter dem Namen eines Informationsbüros für jüdische Orientkolonisation vom Verfasser des obigen Artikels geschaffen werden sollte (s. u. a>. „Welt“ v. 13. Febr. und vom 8. Mai 1903). Dr. Herzi glaubte damals, als die El-Arisch-Angelegenheit (die den Beginn praktischer Verhandlungen zwischen der zionistischen Organisation (und der britischen Regierung einleitete) ein Baldiges günstiges Resultat versprach, den hierbei ausgeschalteten Urheber des Planes „anderweitig entschädigen zu sollen“. Als die El-Arisch-Sacbe dann aus Mangel an Verständnis (von zionistischer Seite) zu keinem Ziele führte, fiel für Herzi jener Gesichtspunkt fort, und das Emigrationsamt war nicht mehr jüdische Emigration in Dienst zu stellen. Wir haben schon ab und zu das Projekt auftauchen sehen, daß eine Pilgerreise von Juden nach Palästina auf einem Schiff mit koscherer Küche unternommen werden soll. Die Sache ist auch nicht unwichtig, wie mir viele zugeben werden. Wie ungleich wichtiger aber ist es, für die vielen Tausende, die jeden Monat über das Weltmeer gehen, eine Fahrgelegenheit zu haben, welche ihnen eine menschenwürdige Behandlung, eine erträgliche Ueberfahrt und einen wesentlich reduzierten Preis sichert. So weit es im Rahmen eines Zeitungsartikels geschehen kann, glaube ich das Problem und die Möglichkeit seiner Lösung gezeigt zu haben. Es fragt sich noch, wer die Schaffung der notwendigen Organisation in die Hand nehmen kann, welche Organisationen und welche finanziellen Mittel dafür in Anspruch genommen werden könnten. Es will mir scheinen, daß hier eine gemeinsame Aktion der vier großen jüdischen Organisationen das Gebotene wäre, nämlich der „Bne Brith“, der ,,Jewish Colon isation Organisation“, der „Alliance Israelite“ und der Zionistischen Organisation*). Welche von diesen großen Körperschaften in | der Frage auch die Führung nehmen möge, es wird ein unvergängliches Verdienst sein, an dem auch die anderen ihren Teil werden beanspruchen können, je nach ihrem Anteil an 'der Arbeit. nötig. Zionistische Politik im Jahre von Kischinew.! Anfangs 1906 konnte ich dann in Jaffa wenigstens ein „Informationsbüro für Palästina“ ins Leben rufen, das bald die tatkräftige Unterstützung aller oben gej nannten Organisationen, einschließlich des Hilfsvereims i aber mit Ausnahme der zionistischen Leitung, fand, j Zum ersten Male arbeiteten jene Instanzen zusammen.! Die Zentrale war in Jaffa. Zweigbüros bestanden in Jerusalem, Haifa, Beirut, Kairo, Aleppo, Saloniki, Konstantinopel und Odessa. Alles das mit verhältnismäßig geringen Mitteln, aber ziemlich großer Wirkung durch die Initiative eines einzelnen, dem Schwierigkeiten genug auch hierbei bereitet wurden. — Dagegen sei aber auch die Mithilfe der besten Jaffaer Zionisten von damals hervorgehoben, besonders der I Herren Dr. Chissin, Dizengoff, Gordon und Scheicikin. EIN JUED1SCHES WANDERUNOSAMT IN KONSTANTINOPEL Von Dr. Israel Auerbach, Konstantinopel. Die öffentliche Erörterung der Probleme des kommenden jüdischen Wandersturmes ist im wesentlichen über Allgemeinheiten noch nicht hinausgediehen. Die Ungeheuerlichkeit der ganzen großen Sorge an sich und die Frage, wie das Gesamtjudentum ihr zu begegnen habe, die Projekte eines Emigratiomskongresses und einer allgemeinen Emigratiionsorganisation, sowie der Streit um die Gesamttaktik in dieser verzweifelten Kampagne (vorbedachtes Zielsetzen oder Sichtreibenlassen?) sind zu Worte gelangt. Aber von sofortiger Erfassung der Realitäten, sachlicher Behandlung von Teilproblemen, die sie, unabhängig von jedem späteren System, zur praktischen Lösung reit macht, von wirklicher, sachlicher Vorbereitung für den ersten, furchtbarstem Augenblick des Kampfes, hat noch nichts verlautet. Soll geträumt und geplant werden, bis es zu spät ist? Dürfen, bis im Judentum alle Strömungen und Faktoren der Erkenntnis gewonnen und zu gemeinsamem Vorgehen geeint i sind, die Wissenden und Arbeitsfähigen gleich den übrigen fei,erm? Das darf nicht geschehen. Den großen Grundproblemen ihr Recht, aber dem wichtigen Einzelnen und vor allem der Tat nicht minder! Der Name Konstantinopel ist im Zusammenhang mit der Wanderfrage noch nicht gefallen. Die folgende Sonderstudie soll unsere Oeffentlichkeit auf diesen Namen stoßen, wie die Realität und die Konstellation der Dinge ifns auf ihn stoßen. Die Wanderung wird über Odessa gehen. Ja, dann über Konstantinopel. Sie wird Noworossisk, Sewastopol, Batum zu Nebenausgangshäfen haben. Richtig, nach Konstantinopel. Sie wird über Konstanza hereinbrechen — in Richtung Konstantiopel. Sie wird ihre Scharen mit der orientalischen Eisenbahn südwärts werfen — auf Konstantinopel. Das muß gelernt werden: der ganze gewaltige Wanderstrom, aus den südlichen Depressionsgebieten unseres Galuth- Meeres, alles, was aus dem Kaukasus heran fluten wird, aus der Ukraine, aus Bessarabien, aus Süd-Großruß1 and aus Südpolen, Bukowina, Bulgarien und Rumänien, das alles, alles ergießt *) Das Fehlen des „Hilfsvererns der Deutschen Juden“ erklärt sich aus dem Zeitpunkt der Veröffentlichung (Anfang 1903).