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Volk und Land · 1919-12-10 · Heft 50 (10.12.1919) · p. Seite 1565-1566

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 50 (10.12.1919)
Date
1919-12-10
Page
Seite 1565-1566 (sequence 4)
Language
German
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1565 VOLK UND LAND 1566 iigen Politik, die darin liegt, der weiteren Zerstreuung Halt zu gebieten, die xu weit vorgeschobenen Posten nach Möglichkeit xurückxux.ielien, die Auswanderung so weit aP tunlich hinxulialten, umd so weit sie unvermeidlich ist, sie /a zentralisieren. Mit den bestehenden und zu diesem Zwecke xu schaffenden, die ganze positive Jadenheit umlassenden Organisationen ist die Lösung der Judenfrage möglich. Nachdem das Ziel gezeigt ist, heißt es, jetzt auch die Wege zu zeigen, und wieder haben wir von den bisherigen Fehlern und Mängeln zu lernen. Es ist vorgekommen, daß rumänische Auswanderer sich planlos auf den Weg machten, von Station zu Station über Budapest, Wien und Frankfurt von den respektiven Komitees nach London weitergesandt wurden, weil man glaubte, daß von dort aus die Ueberfahrt nach ^Amerika billiger wäre. Die Sache war so grotesk, daß die Legende auftauchte, die bösen Zionisten hätten die Emigranten künstlich nach London geleitet, um den reichen Londoner Juden [eine Lektion zu erteilen. Dieser „teuflische Plan“ (so bezeichnete ein hervorragender englischer Jude, die Sache mir gegenüber) wurde weidlich gegen die Zionisten ausgenützt, bis es sich herausstellte, daß die „Alliance Israelite“ für den Umweg verantwortlich war. Weniger vor der großen Oeffentlichkeit haben sich zahlreiche derartige Emigrationsmalheurs selbst in den letzten Jahren noch abgespielt. Mir sind Fälle bekannt, in denen Leute die unglaublichsten Umwege, Verzögerungen, Verspätungen und Entbehrungen durchzumachen hatten, weil man, von der Ansicht ausgehend, daß Schnellzüge und Dampfschiffe teurer sein werden, als Bummelzüge und Segelboote, den Emigranten Reisewege vorgeschlagen hat, die nicht nur an Zeit, sondern vielmehr noch an Geld bei weitem über die üblichen, bekannten und zuverlässigen Reisewege hinaus- ' gingen. Aber dies betrifft der Hauptsache nach nur die Reisewege, über die man sich bei einiger Vorsicht immer noch orientieren könnte. Bei den Reise zielen ist das viel schwerer. Es genügt nicht, wenn der Emigrant sich auf die Nachrichten verläßt, die er vor Jahren von inzwischen verschollenen Verwandten oder Bekannten bekommein hat, und doch spielen solche Nachrichten, die! meist nicht mehr zutreffend sind, wenn sie es je waren, vielleicht die größte Rolle bei der i Wahl des „neuen Landes“. Es genügt auch nicht, wenn die Nachrichten frischeren Datums sind. Der j einzelne Eingewanderte, der ja meist dem Prole- I tariat angehört, ist nicht fähig, die Lage eines Landes, einer Industrie usw. zu beurteilen, und wird I von Veränderungen meist nichts spüren, bis sic j ' ihn persönlich treffen.; Viel ist auch in der Richtung gesündigt worden, \ daß man die Emigration nach bestimmten Ländern j hat fortdauern lassen, wenn es an der Zeit gewesen! wäre, sie durch eine geeignete Aufklärungsarbeit j einzudämmen. Statt dessen hat man gewartet, bis j zwangsweise Einschränkungen von seiten der Einj wanderungsländer verfügt wurden. Ja, es ist sogar! vorgekommen, daß in aller Oeffentlichkeit Emigra-! tionsländer empfohlen wurden, die zurzeit und auf j lange hinaus verschlossen waren, wie Südafrika und Kleinasien. I Es ist wahr, daß man vor Jahren, als die | russische Emigration ihren Höhepunkt erreichte, j zu größeren Beratungen zusammenkam, um möglichst planmäßig vorzugehen. Und auch das ist I wahr, daß damals manches, ja sogar vieles gej seriellen ist. Liest man aber heute die Protokolle der damaligen Verhandlungen, so jnuß uns mehreres auf fallen. Zunächst sehen wir da Standpunkte vertreten, die uns heute außerordentlich lächerlich Vorkommen, doppelt lächerlich, wenn wir bemerken, mit welchem Beifall sie damals aufgenommen wurden. Vor allem aber wurde die Zukunft, so gut wie ganz vernachlässigt. Es ist die alte Erfahrung, daß man bei uns Juden sich von Katastrophe zu Katastrophe aufrafft, zu irgendeiner „Tat“, und von jedem neuen Unglück ebenso überrascht ist wie von_ den früheren. Auch die Gründe sind ja eigentlich klar genug: Wenn es gilt, über eine jüdische Frage zu beraten, so beruft man die Spitzen der JutJenheit. In erster Linie werden verlangt: die Inhaber von Titeln, Orden und Bankkonten. Fachleute sucht man nicht, und es gibt keine Fachleute, weil man nie welche such t. So kann es Vorkommen, und es kommt vor, daß die minimalste Beschäftigung mit jüdischen Dingen, der bloße Anschein kaufmännischen Blickes und die geringste und oft verkehrteste propagandistische Tätigkeit höchst unqualifizierte Leute an die Oberfläche von Bestrebungen und an die Spitze von Vereinstätigkeiten treibt. Bei solchem Stand der Dinge, und besonders bei dem riesigen Umfange der jüdischen Auswanderung, scheint mir folgendes nötig zu sein: Wir brauchen ein Auswanderungsamt, eine Zentralstelle ipit Zweigbüros in allen Auswanderungs¬ und Einwanderungsländern, mit Vertrauensmännern resp. Unterorganisationen an allen in Betracht kommenden Orten mit einer hinreichenden Anzahl geschulter Kräfte, aie jederzeit überall verwendet werden können, und mit einem Aufklärungsdienst, dem alle jüdischen Zeitungen für seine Veröffentlichungen zu Gebote stehen, und der die Mittel hat, um selbständig durch Broschüren und Flugblätter eine umfassende Tätigkeif zu veranstalten. Ich bin mir wohl bewußt, eine wie große Organisation hier nötig wäre. Aber ich habe auch eitlen Begriff von den ungeheuren Verlusten an Judenmenschen und Judentum, wie auch an Geld, Zeit und Energie, die wir und unsere Sache täglich erleiden und erleiden werden, solange eine Organisation, wie die hier nur angedeutete, nicht geschaffen sein wird. Wir haben ein gutes Muster für das, was hier nottüt: Das unter der Regierung der verstorbenen Königin in London etablierte Emigrants Information Bureau (London, Westminster 31, Broadway). Wer sich für die Sache interessiert, mag sich die Mühe nehmen, dort hinzuschreiben, um sich über irgendeine englische Kolonie zu informieren. Er wird eine Broschüre bekommen, für die ein nomineller Preis berechnet wird. Nominell wegen seiner Niedrigkeit (meist 1 Penny), und noch nomineller dadurch, daß die Broschüren meist gratis versandt werden. (Briefe an das Büro brauchen nicht frankiert zu sein! Das gilt für die englischen Emigranten, es soll kein Wink für diejenigen seiij, die sich nun auf meine Veranlassung dorthin wenden werden. Ich wollte nur zeigen,' wie leicht es dort dem Auswanderer gemacht wird, Informationen einzuziehen. Ein Beispiel für unser künftiges „Emigrants Information Bureau“.) In den Broschüren steht alles. Man findet darin eine Karte des Landes, man erfährt alles nötige über die Reisewege, die Landes Verhältnisse, über den landesüblichen Lohn in allen Berufen, vom ungelernten Goldgräber bis zum ausgebildeten Mechaniker, vom Dienstmädchen bis zur Gou-

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