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Volk und Land · 1919-11-27 · Heft 48-49 (27.11.1919) · p. Seite 1545-1546

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 48-49 (27.11.1919)
Date
1919-11-27
Page
Seite 1545-1546 (sequence 26)
Language
German
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1545 VOLK und LAND 1546 Juden unter Aufgabe utopischer Forderungen von; beiden Seiten zu erreichen sein. Käme es heut zu j ernsthaften Differenzen, so ist immerhin zu bedenken, daß es in Palästina ungefähr 600 000 j Mohammedaner, 60 000 Christen und nur 60 000 1 Juden gibt. Bedingung für eine solche Verj ständigung wäre ganz besonders, daß die Juden j sieb weniger abschlössen und ihre Exklusivität in ' Handel und Gewerbe, sowie im täglichen Leben J aufgäben.! Vorläufig lund für die nächste Zukunft brauchen sich aber Araber und Juden nicht um Palästina zu streiten, wenn auch die weltpolitische Neuordnung und der endgültige Beschluß der Friedenskonferenz, der höchstwahrscheinlich England das Mandat über Palästina geben wird, noch keine sicheren Schlüsse zsuläßt. Die Araber erhoffen von der Zukunft die Errichtung eines großen arabischen Reiches in Form einer Konföderation nach dem Muster der Vereinigten Staaten. Diese Konföderation soll Marokko, Algier, Tripolis, Tunis, Aegypten, Palästina* Syrien, Mesopotamien und ganz Arabien umschließen. England hat den Juden allerhand schöne Versprechungen gemacht, aber mit dem Vorbehalt beati possidentes. Viele der Notabein sehnten sich vor dem Kriege nach einer Annexion Palästinas durch England, um von der verhaßten türkischen Regierung befreit zu werden. Damals sprach man schon ganz offen und ohne Scheu in den Bazars davon, daß England bald die Grenzen Aegytens bis nach Akka auszudehnen beabsichtige. Jetzt sehen die Notabeln allmählig ein, daß sie die Bauern und die einheimische Bevölkerung nicht so aussaugen können, wie früher unter der türkischen Regierung, sie richten daher ihre Blicke nach Damaskus zu Emir Faisul. Dr. Lamec Saad. „Grenzen des Gastrechts“ Am 27. Oktober erschien im „Vorwärts“ ein Leitartikel von Fritz Spiegelberg, gerichtet gegen die östlichen Arbeiter, die sich in Deutschland aufhalten. Seit dem militärischen Zusammenbruch redet das Zentralcwgan immerfort von Wiederverbrüderung des internationalen Proletariats und von gegenseitiger Versöhnung. Diese schönen Wotrte scheinen aber nur den „vollwertigen“ Proletariern der siegreichen Länder züngelten, nicht den russischen und den polnischen — lies: jüdischpolnischen und allerlei ostjüdischen — Arbeitern gegenüber. Das orientalische Gastrecht als Parallele heranziehend, schreibt Herr Spiegelberg: „Auch wir haben als Volk im Ganzen genomimen die Gastfreundschaft bis zur Selbstentäußerung gepflegt. Wir haben nichts dagegen gehabt, daß alljährlich Zehntausende von Italienern in unser Land kamen, um hier Verdienst zu suchen, und wir haben es auch geduldet, daß ständig mehr als eine halbe Million russisch-polnischer Berg- und Landarbeiter bei uns ihr Auskommen fanden. Beide Kategorien waren für uns weder wirtschaftlich noch kulturell ein Gewinn.“ Weiß aber der „Vorwärts“ nicht, daß die Deutschen in einem viel, viel größeren Maße fremde „Gastfreundschaft“ in Anspruch genommen haben, als sie je Gelegenheit hatten zu gewähren? In Rußland, in der Ukraine, in Polen und Litauen haben sich beim Ausbruch des Krieges bekanntlich ganz bedeutend mehr Deutsche befunden als Russen in Deutschland. Und in England, Amerika und allen andern Ländern der Welt? Deutschland habe von den polnischen und italienischen Arbeitern gar keinen Gewinn gehabt. So? Frage man doch den Gutsbesitzer, frage man den Industriellen, ob sie die Fremden nur aus reiner Tugend der Gastfreundschaft gehalten haben oder aus welchen Gründen sonst. Weiß denn Herr Spiegelberg wirklich nicht, daß diese Arbeiter nach Deutschland stets gerufen wurden? Daß die deutschen Gutsbesitzer nach dem Osten ihre Agenten schickten, die mit allen Mitteln den Landarbeiter zu bewegen suchten, einen Vertrag gleich für mehrere Jahre abzuschließen? Und vielleicht wird es Herrn Spiegelberg ein Trost sein, wenn wir ihn daran erinnern, wie wenig der Arbeiter aus der „Pollackei“ an Wohltat hier genossen hat. Selbst im gastfreien Orient verlange man vom Oast, daß er Sitten und Gebräuche des Hauses respektiert und die Ruhe und Ordnung dort nicht stört, wo man ihm. ein Obdach anbietet. Aber welche Sitten und Bräuche haben denn die Fremden in Deutschland zu respektieren unterlassen? Und was wird hier überhaupt unter Achtung der Sitten eines Landes verstanden? Für den Spießbürger bedeutet es, daß der Fremde beispielsweise nicht wagen darf, sich uneingeschränkt seiner Muttersprache zu bedienen. Der Deutsche im Ausland hat jedoch seine Muttersprache uneingeschränkt gebraucht. An der Wolga, in Südrußland und in der Ukraine habe ich ganze Dörfer von Deutschen bewohnt gesehen. Es ist aber der heimischen Bevölkerung nie eingefallen, sich als Verdienst anzurechnen, daß sie diese Deutschen „geduldet“ und ihnen ihre eigenen Sitten, Gebräuche und Sprache unangetastet gelassen hat. Und völlig fern lag es dort denn Intellektuellen, selbst nur einfach liberaler Färbung, über den Zugang fremder Arbeiter oder über die ständige Zunahme der immer schon sehr ausgedehnten deutschen Kolonien in Petersburg, Moskau, Kiew, Lodz in hämischer Weise zu reden. Und was meint Herr Spiegelberg mit Ruhe und Ordnung im Hause? Wann haben die polnischen oder polnisch-jüdischen Arbeiter in Deutschland die Ruhe und Ordnung gestört? Der „Vorwärts“ wird sich wohl beeilen, ein Dutzend Namen zu nennen. Und das genügt, um eine Hetze gegen sämtliche russisch-polnischen und galizischen Arbeiter zu entfesseln? Sollte dem „Vorwärts“ wirklich unbekannt sein, daß an den blutigen bolschewistischen Operationen von Oktober 1918 und später in Petersburg, Moskau und anderen Städten mindestens tausendmal so viel deutsche Staatsangehörige beteiligt gewesen sind, als Russen oder „Pollacken“ die Ruhe und Ordnung Ln Deutschland gestört haben? Muß das Berliner Polizeipräsidium! wirklich erst gegen Ruhestörer mobil gemacht werden? Wird nicht ein fremder Ruhestörer sofort des Landes verwiesen? Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, daß die Hauptsünde der Fremden in der angeblichen Ruhestörung bestehe. Denn Herr Spiegelberg erklärt weiter, diese Elemente seien zugleich ein Werkzeug in der Hand der Kapitalisten gegen die organisierte deutsche Arbeiterschaft. Weil die Fremden nämlich wie Verrückte „Tag und Nacht ins Blaue hinein schuften“, außerdem Heimarbeit leisten und sich grenzenlos ausbeuten lassen. Das soll die sozusagen sozialistische Rechtfertigung der deutschnationalen Hetze sein. Die eingewanderten Handwerker lassen sich den Gewerkschaften nicht zuführen und sabottieren deren Beschlüsse. Besonders blühte im: Krieg das Geschäft dieser Leute. Zunächst wollen wir Herrn Spiegelberg daran erinnern, daß diese Handwerker, deren „Geschäft“ während des Krieges - so geblüht hat, keineswegs freiwillig hergekommen waren. Vielmehr pflegten in den Städten und Ortschaften der okkupierten Gebiete deutsche Agenten durch alle möglichen Lockmittel Arbeiter auf freien Plätzen oder in geschlossenen Räumen zusamimenzutreiben und sie dann in Haufen gewaltsam nach Deutschland abzutransportieren. Warum! hat der „Vorwärts“ damals gegen diese polnischen (zum größten Teil jüdischen!) Arbeiter nicht gehetzt?

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