Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 48-49 (27.11.1919)
- Date
- 1919-11-27
- Page
- Seite 1507-1508 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1507 VOLK UND LAND 1508 die großen Orangeuplantageii einen trostlosen kahlen Anblick gewährten, so daß schon ein großer Teil der Farmer die Hoffnung auf Erlösung von dieser Landplage völlig verlor und begann, die abgefressenen Stämme umzuhauen. Da sandte Koebele im Jahre 1888 aus Australien den dortigen Hauptfeind der Schildlaus, einen Cocinelliden (Käfer), Novius cardinalis, dessen Larven den Schädling vertilgen. Derselbe wurde gezüchtet, und schon im Jahre 1889 War die Schildlaus aut ein erträgliches Maß zurückgeschraubt und die Bäume begannen wieder, reichen Ertrag zu liefern. Aber diese sogenannte biologische Bekämpfengsmethode beschränkt sich nicht nur auf den Kampf von Insekt zu Insekt, sondern die Schädlichkeit gewisser Jnsekten für Pflanzen wird auch zur Bekämpfung von Unkräutern ausgenützt. So wurde eine Pflanze namens Lantana in Hawai aus Australien eifigefiihrt. Sie gedieh auf den Hawai- Inseln sehr gut und wuchs sich allmählich zum Unkraut aus, das vor allem in den Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen sehr lästig wurde. Ein dort stationierter Entomologe fuhr nach Australien und erkannte dort als einen natürlichen Feind eine Fliege aus der Gruppe der Agromyziden. Er brachte diese nach Honolulu mit, züchtete sie und sie akklimatisierte sich großartig, sodaß in wenigen Jahren die Lantana nur noch in unschädlichen Grenzen ein bescheidenes Dasein fristete. Andererseits versucht der Entomologe auch die Pflanzenwelt zur Bekämpfung der Wirtschaf tsschädlinge zu benutzen. Darauf basiert der Versuch d’Herelles, die Heuschreckenschwärme durch Infektion mit dem Bakterium Coccobacillus acridiorum, Sdiwangarts, die überwinternden Puppen des gekreuzten und bebänderten Traubenwicklers (des „Heu- und Sauerwurms“) durch Aufhäufeln mit Isariahaltiger Erde, endlich, die Versuche, Fliegen durch künstliche Verbreitung des fliegentötenden Pilzes Empusa muscae zu Pilzepidemien und dadurch zum Aiussterben zu veranlassen. Die bisherigen Versuche in dieser Richtung sind nicht allzu ermutigend, da bei sonnigem, trockenen Wetter1 die Infektion von Einzelindividuen wohl gelang, hingegen die Erzeugung einer Epidemie unmöglich war, und bei schlechtem, feuchten Wetter eine Infektion und Epidemie zumeist auch natürlich entsteht Am aussichtsreichsten sind noch die Versuche von Schwangart nrt der Isaria-Infektion von Traubenwicklerpuppen. Jedoch müssen die Versuche in dieser Richtung systematisch fortgesetzt werden. «. Aber auch die Anwendung der biologischen Bekämpfungsmethode hat ihre natürlichen Grenzen. Ein typisches Beispiel für die Folgen, die? die Störung einer Biozönose haben kann, zeigen die Verhältnisse in Martinique. Dort wurden die eingeführten Ratten einigermaßen von der äußerst giftigen Lanzettschlange in Schach gehalten. Infolge der starken Verfolgung der Lanzettschlange vermehrten sich die Ratten sehr stark und richteten einen empfindlichen Schaden in den Zuckerrohrplantagen an. Zu ihrer Bekämpfung wurde nun der Mungo in Martinique eiingeführt, der die Ratten stark vertilgte, nach vollSrachtem Werk sich aber Nutztieren und Nutzpflanzen zu wandte und auch sonst in der dortigen Fauna stark aufräumte und zwar besonders unter den insektenfressenden Vögeln und Reptilien. Dadurch vermehrten sich nun die Insekten wieder sehr stark, und zwar in einigen Teilen Westindiens, besonders Schädlinge, so eine Schildlaus, eine Zecke u. a., die sich bald sehr störend bemerkbar machten, in anderen zeigten nur die großen Insekten eine Zunahme — Libellen, Schmetterlinge, Tausendfüßler ti. a. — während die kleinen Arten durch sie abgenommen hatten. Nach üoflein stellte dann im Jahre 1890 eine Kommission fest, daß der durch die Mungos direkt und indirekt bewirkte Schaden weit größer geworden war als der Nutzen, den sie durch Rattenvertilgung den Kaffee- und Zuekerplantagen leisteten. Man verfolgte dann die Mungos und brachte sie auf ein bescheidenes Maß zurück, bis sich ein neues Gleichgewicht auf Martinique herstellte. Die neue Biozönose war allerdings gegenüber der alten stark verändert. Jede Verpflanzung neuer Tierarten in eine andere Lebensgemeinschaft ist also ein gewagtes Experiment, das nur nach gewissenhaftester Prüfung möglichst aller in Betracht kommenden Faktoren unternommen werden soll. \ Häufig scheitert die Akklimatisierung von Schädlingsparasiten nicht an den ungünstigen klimatischen Bedingungen, sondern viele Parasiten haben ihrerseits wieder Hyperparasiten, meist Schlupfwespen und Raupenfliegen, die sie ihrerseits wieder dezimieren und unter den neuen Lebensbedingungen vielleicht gänzlich vernichten. Noch ein anderer Nachteil der biologischen Methode mag hier Erwähnung finden. Bisweilen ist nämlich der Unterschied in der Vermehrumgsquote der parasitischen Insekten und der Schädlinge sehr verschieden, sodaß es dann unter Umständen sehr lange dauert, bis sich der Parasit so vermehrt hat, daß er den Schädling genügend vertilgt. So holt z. B. die Schlupfwespe, Äpantelesj glomeratus, in kühlen Gegenden erst nach sieben Jahren die Verminderungsquote der Kohlweißlingsraupe, Piris brassicae, so ein, daß ein Zusammenbruch der Raupenepidemie erfolgt. In den darniederliegenden Jahren vermehrt sich der Kohlweißling stärker als die Schlupfwespe, sodaß die Raupe in der Zwischenzeit großen Schaden anrichtet. Wir sehen also, daß die biologische Methode, so durchschlagend sie in vielen Fällen wirkt, nicht in allen Fällen allein zum Ziele führt. Es kommt noch hinzu, daß wir über die Lebensweise, Entwicklung, Vermehrung, Nahrung und natürlichen Feinde eines Schädlings erst aufs genaueste unterrichtet sein müssen, bevor wir irgend eine Bekämpfungsmaßnahme ergreifen können. Aber die bisherige Erforschung der Schadinsekten ist bis in die letzten Jahre hinein unglaublich gering, sie ist nichts als eine ununterbrochene Reihe von Unterlassungssünden. Und da wir über die primitivsten biologischen Vorgänge oft nicht unterrichtet sind, (so weiß man z. B. bis heute noch nicht, wo der Apfelschädling, 'Anthonomus pomorum, der oft bis zwei Drittel des Obstertrages vernichtet, den Sommer verbringt) kann häufig an eine Anwendung der biologischen Methode noch nicht gedacht werden. Unter diesen Umständen tritt dann der biologischen Methode die technische Bekämpfungsmethode, die viel länger bekannt und deshalb viel populärer ist, ergänzend zur Seite. Am bekanntesten von den hierher fallenden Methoden ist das Spritzen mit für die Schadinsekten oder ihre Vermehrungsstadien giftigen Stoffen. Das Spritzen ist im Obst- und Weinbau sehr beliebt, zumal es gleichzeitig die Bekämpfung pflanzlicher Schädlinge mit der der tierischen verbindet. Bei der Anwendung von Spritzmitteln spielt natürlich die Rentabilitätsberechnung eine große Rolle. Auch die Spritzmittel müssen nach biologischen Gesichtspunkten ausgewählt werden. So werden z. B. Arsenikpräparate gegen solche Insekten verwendet, die an der Frucht, dem Stamm oder den Blättern fressen, da es ein reines Magengift ist. Von Arsenikpräparaten hat sich neuerdings im Amerika, das