Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46-47 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- Seite 1483-1484 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 1484 1483 i l cns'O di pi imiLTciid;mi den Geist, daher gibt es in Argentinien viele Saufbolde und Sonderlinge. Um eine Cliakra anzufangen, braucht man nicht allein mehrjährige Erfahrung und Akklimatisation, sondern vor allem heute ein recht beträchtliches Kapital. Nehmen wir an, daß ein unternehmungslustiger, junger Mann die Absicht, nach Argentinien auszuwandern, trotz des oben Gesagten nicht aufgegeben hat, dann beginnt er nach einem Jahre vielleicht seine neue Heimat zu lieben, denn der Mensch gewöhnt sich nach langen Nöten und Kämpfen schließlich an alles. Es wird ihm anfangs alles „spanisch“ Vorkommen und ihm wird beim Eßtisch und in seiner freien Zeit vieles fehlen, was ihm früher selbstverständlich war; aber des Nachts wird er traumlos schlafen und es werden seine müden Glieder Kraft zur neuen Arbeit finden, wenn nicht allzufrüh der Patron oder capatoz (Verwalter) ihn wecken würde: „arrha muchachos“. Er setzt sich mit seinem Kollegen um ein Primus (Petroleumkocher) oder einen brassero (primitiver Ofen) und es kreist eine halbe Stunde der mate bornbilla (Paraguay-Tee). Gesprochen wird meist wenig; jeder raucht, blickt ins Feuer, denkt an sich, Gott und die Welt, meistens aber an nichts. Dann heißt es Pferde greifen. Der caballerizo bat die Pferde bereits seit einer Stunde vom Felde in den eoral getrieben; es ist auch jetzt noch dunkel, nur ein Schimmer im Osten meldet den kommenden Tag. Es dauert einige Tage, bis er seine acht oder sechs Pferde kennt und in der Dunkelheit allein hcrausfindet aus der oft 100 bis 200 Stück betragenden tropilla. Wenn die Pferde aufgeschirrt sind, dämmert es bereits, und er geht frühstücken, bevor er aufs Feld rückt. Es gibt belegtes Butterbrot und Kaffee oder auch nur Hartbrot und mate oocido (ein Tee von gerba mate). Im Herbst, im Februar bereits beginnt man zum Hafer zu pflügen. Die Peone haben bereits einen Teil der Ernte an die Station gefahren, ihren Erntelohin ausbezahlt bekommen und einige vergnügte Tage, Nächte oder gar Wochen an der Station oder im Städtchen verbracht. Meist gibt es viele Stechfliegen und Bremsen in diesem Monat und es ist eine Qual, mit Pferden zu arbeiten. Denn sobald der Pflüger einen Augenblick hält, treten die Pferde über die Stränge, schlagen und beißen nach den Fliegen, reiben sich an ihren Nebenpferden und werfen sich gerne zur Erde, um sich zu rollen und die Quälgeister los zu werden. Oft ist das ganze Achtergespanu ein Knäuel und er ist allein und muß sich selber helfen. Pacienria, Geduld und kaltes Blut, ist das notwendigste, was man in Argentinien braucht. Nach den ersten Frösten im Mai verschwinden die Fliegen, dann ist das Arbeiten mit Pferden beinahe ein Vergnügen. Des Morgens allerdings wird er Handschuhe vermissen lind er wird seinen Sitzpflug verlassen und hinter ihm hergehen, bis die Sonne höher steigt und die Kälte bezwingt. Ein mit acht Pferden bespannter Doppelpflug leistet über zwei Hektar pro Tag; es wird hierdurch verständlich, daß mit zwei oder drei Peonen eine Chacra von 200 Hektar bewirtschaftet werden kann. Die Sämaschine leistet über zehn Hektar pro Tag; fast alle landwirtschaftlichen Maschinen sind nordamerikanischen Ursprungs; in Nordamerika gibt es sicher ähnliche Wirtschaftsverhältnisse. Im August gesäter W'eizen gibt nur in nassen Jahren eine gute Ernte. August bringt also das Ende der Ackerzeit und den Beginn der Ruhezeit. Es könnte noch Mais gesät werden, aber die Maisernte ist im Süden der Provinz zu unsicher und die Unkosten daher zu groß. Früher entließen die Landwirte ihre Peone, die dann zu Pferde von Estanzia zu Estanzia ritten, auf den Stationen ihr Geld verbrauchten und selten lohnende Arbeit fanden. Heute geschieht das seltener und die Peone werden jetzt auf der Chacra bei halbem Lohn zu Neubauten, Zaumsetzen und oft zu vielen Arbeiten gebraucht, che man am besten „Notstaiidsurbeiten“ genannt hat und deren Hauptzweck zu sein scheint, die Zeit totzuschlagen. Wenn die Ernte näher rückt, werden Maschinen und Wagen instand gesetzt. Mit dem ersten Erntetag beginnt ein arbeitsreiches Leben auf der Chacra; allerdings auch eine bessere Bezahlung. Geübte Peone verdienen bis 7 Pesos (Pesos gleich etwa 4 Mark) pro Tag. Aber mit dem Mittagsschlaf ist’s vorbei, die Arbeitszeit dauert von 4i L' Uhr morgens bis 7y-> Uhr abends. Anfangs Dezember reift meistens der Hafer; er muß sofort geschnitten werden, da er sonst ausfällt. So wie die Reife es erlaubt, rattert der Peon also von morgens bis abends auf der Bindemaschine; mittags ißt er hastig, wechselt die Pferde und beginnt sofort von neuem. Geht seine Maschine gut und hat er mit seinem Patron 0,80 Pesos pro Hektar akkordiert, so kann er 15X0,80 - 12 Pesos pro Tag verdienen. Aber Ln der Regel verdient er weniger, denn Morgentau und Regen halten die Arbeit lange auf. Kleine Chacras, die keine Dreschmaschine haben, setzen ihr Getreide in Staken, größere dreschen direkt vom Felde. Es ist natürlich, daß große und kleine Besitzer viele Erntearbeiter brauchen und auch leidlich gute Löhne zahlen, 4—5 Pesos pro Tag bei freie» Kost. Die Arbeitszeit ist indessen sehr lang und beschwerlich, da sie in die Zeit der größten Hitze fällt. Die Ernte dauert selten über zwei Monate und es sind nicht alle Tage des Monats Arbeitstage, obwohl es keinen Sonntag jgibt. Die Witterung läßt die Arbeit oft tagelang ruhen und Tage, an denen nicht gearbeitet wird, werden natürlich nicht bezahlt. Der Erntelohn übersteigt daher selten 300 Pesos für einen geübten D urchschni ttsa rbeiter. Es gibt verschiedene Posten in der Ernte. Türken, Italiener, Spanier us\v„ die nicht mit Pferden umzugehen verstehen, müssen Garben Zusammentragen, aufstaken und an der Dreschmaschine die einfacheren Arbeiten leisten. Solche, die mit Pferden umgehen können, bekommen einen Espigadorwagen, maquina espigadora ist dieselbe oben erwähnte Binde-Mäh-Maschine, der der Binder abgenommen und durch einen Elevator, eine Art Kasten, ersetzt ist, in welchem zwei auf Rollen laufende Segeltücher die Aehren (espigas) in den danebenfahrenden, eigens dazu gebauten Wagen werfen (die Maschine wird nämlich so hoch gestellt, daß sie möglichst wenig wertloses Stroh abschneidet). Alles in allem wird in der Ernte viel Staub aufgewirbelt und sie kostet viel Schweiß. Die Stimmung ist optimistisch und kameradschaftlich, aber die Ernte ist kein Fest wie in Europa. Am letzten Arbeitstage ist Auszahlung und möglicherweise am selben Tage noch werden die Arbeiter zur Bahnstation geschafft, um sie so schnell wie möglich loszuwerden. Dann steht unser Freund nach zweimonatiger, aufreibender, mechanischer Arbeitszeit ratlos da mit seinem Erntelohn in der Tasche in einer Stimmung wie ein Soldat, der ein halbes Jahr im Schützengraben stand und jetzt Urlaub bekommt Das Vernünftigste wäre, sich so schnell wie möglich auf einer andern Chacra Arbeit zu suchen; aber das Vernünftigste wird meistens nicht gemacht, sondern das weniger Vernünftige. Er geht ein paar Tage ins Gasthaus, um sich Ruhe zu gönnen und nach „besserer Arbeit“ umzusehen, wenn er nicht gar sofort mit den Türken und Spaniern zu diesem Zwecke nach Buenos Aires fährt. Aber in der Regel findet er nie eine „bessere Arbeit“ und sein Erntelohn schrumpft zusammen. Auch der Chacarero muß mit seinem Ernteerlös sparsam umgehen, denn es ist seine einzige Einnahme und nicht alle Jahre hat er Ernte. Trockenheit, Frost, Gusanos (Engerlinge) und Regen können seine Arbeit illusorisch machen und wehe ihm, wenn er in die Hände der Wucherer fällt. Dennoch sind viele Bauern in wenigen Jahren wohlhabend geworden durch die guten Preise zur Kriegszeit