Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46-47 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- Seite 1471-1472 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2649276-2649277-2649310--0914-2650279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VOLK UND LAND 1471 verursachen. Daß diese Art der Besiedlung Einzelnen möglich ist, sofern sie über ein Kapital von 15 00.) bis £0 000 M. in Gold verfügen, besagt noch nichts für eine Massensiedlung, mit der allein dem Lande mul einem Immigrantenstrom gedient werden kann. Hier kommt aber hinzu, daß die argentinische Regierung sich dagegen sträubt, geschlossene fremdstämmige Ansiedlungen im Lande zu haben. Es liegt also de facto so, daß hier ein dünn bevölkertes Land, dessen Chancen wesentlich in der Steigerungsfähigkeit seiner Erträgnisse liegen, sich durch die inneren Verhältnisse dieser Möglichkeit vorerst berauibt sieht. Zu dieser verworrenen Sachlage kommt als treibendes Moment folgendes hinzu: In Deutschland hat sich für weite Kreise die Ueberzeugung durchgesetzt, daß ein wesentlicher Faktor zur Ausgleichung der unmöglichen wirtschaftlichen inneren Verhältnisse in einer Auswanderung großer deutscher Massen nach Argentinien liege. Schwindelhafte Reklame und verlockende Anpreisungen in kritiklos und kenntnislos zusammengeschriebenen Büchern bestärken diese Ueberzeugung. Die Abmahnungen sachverständiger Kreise haben bislang nur wenig dazu beigetragen, die Sinnlosigkeit einer solchen Massenwanderung zum Bewußtsein zu bringen. Inzwischen hat sich aber schon die argentinische Regierung in Abwehrzustand gesetzt, wie oben dargelegt wurde. Die beabsichtigte scharfe Kontrolle der europäischen Einwanderung hat die Möglichkeit der deutschen Einwanderung wesentlich mitbestimmt. In der Phantasie der deutschen Auswanderungslustigen spielt Argentinien annähernd die Rolle, welche Palästina für den Strom der jüdischen Immigration spielt, und es berührt eigenartig, zu 9ehen, wie auch die deutschen Kolonisten am La Plata auf diese Aussicht reagieren. Sie wissen, daß die Millionenwanderung der Deutschen eine Phantasie ist, aber sie schrecken schon vor dem Gedanken zurück, daß nur Zehntausende kommen werden. Sie warnen eindringlich ihre Landsleute, stellen die Schwierigkeiten und Gefahren dar und sind offenbar in einem Konflikt zwischen dem Wunsche, ihnen zu helfen und sich selbst nicht durch den Zustrom neuer Elemente in wirtschaftliche Bedrängnis zu bringen. Die Parallele zu den Kontroversen in unserem eigenen Lager ist auffallend. Ob unsere jüdische Nebenwanderung irgendwelche greifbaren Aussichten in Argentinien finden wird', scheint nach dem Vorstehenden mindestens für den Augenblick mehr als zweifelhaft. Die Südzone scheidet wohl aus. Die Nordzone stellt Anforderungen an die Kräfte und Lebensgewohnheiten des Arbeiters, denen der Ostjude mangels physischer und fachlicher Vorbereitung nicht gewachsen ist. Die Mittelzone ist ohne weiteres nur aufnahmefähig für unverheiratete, fachlich vorgebildeie landwirtschaftliche Arbeiter. Eine Investierung von Kapital zum Bodenankauf für eigene Siedlungen bei den ökonomischen Verhältnissen der meisten Emigranten ist nicht zu erwarten und mit Rücksicht auf unser eigenes Siedlungswerk auch nicht gutzuheißen. Ehe nicht eine bedeutende Besserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt eingetreten ist, würde auch eine Einwanderung jüdischer Arbeiter das Problem der Judennot nur verschärfen*). Dr. Julius Katzenstein. *) Vgl. auch „Dänisches Bauernleben in Argentinien“, Spalte 1481 dieses Heftes. 1472 ENGLAND Die zunehmende Wichtigkeit des Zionismus in diesem Lande wird sehr klar, wenn wir uns des kleinen Geschäftszimmers erinnern, das in einem großen Block verwirrender Geschäftszimmer begraben lag, und von der Englischen Zionistischen Federation bewohnt wurde, als der Krieg ausbrach. Augenblicklich befindet sich die Englische Zionistische Föderation in viel größeren und bequemeren Räumlichkeiten in Leadenhall-Street, während die Zentralbüros der Zionistischen Organisation zwei schöne, einzelne Häuser in Great Russel-Street! einnehmen; hier üben das Palästina-Departement, das Handels-Departement, das Erziehungs-Departement und das Publicity-Departement ihre verschiedenen Tätigkeiten aus, die darauf hinzielen, die zionistischen Organisationen der Welt durch die besten Wege zu den bestmöglichsten Resultaten zu führen, wenn schließlich die Bedingungen des Friedensvertrages mit der Türkei klargelegt sind und das von den Alliierten ernannte Mandat-Committee seine Arbeit vollendet hat. Das Politische Departement der Zionistischen Organisation steht dauernd mit dem Mandat-Committee in Verbindung, damit die Interessen des Zionismus nicht übersehen werden. Aus einer Rede Mr. Lloyd Georges, welche die Zeitungen vom 18. Oktober berichten, wie auch aus einem kürzlichen Artikel der „Times“ wird es klar, i daß die Schwierigkeit, die Vereinigten Staaten zu über- | zeugen, in die europäische Politik durch die Annahme i eines Mandates im1 nahen Osten oder wenigstens dadurch einzutreten, daß sie den Franzosen, Engländern, Arabern und Juden zu einer befriedigenden Lösung ihrer Probleme in Palästina und Mesopotamien verhelfen, jetzt den Weg zu dem Vorträge mit der Türkei versperrt. Die jüdische Oeffentlichkeit in England (welche übrigens eine viel kleinere Gemeinschaft als die Juden Deutschlands bildet und — von einigen wenigen Persönlichkeiten abgesehen — das Land nicht beeinflußt hat, ausgenommen vielleicht in rein geschäftlichen Angelegenheiten), ist bisher in der englischen: Presse nur von zwei Zeitungen vertreten worden, dieren Herausgeber Mr. I. L. Qreenberg ist. Mr. Greenberg ist in den verflossenen Jahren für ausgesprochenen Zionismus eingetreten, wenn auch nicht für sklavische Gutheißung alles dessen, was von den Zionisten getan worden ist. Indessen sind die Assimilations-Juden — welche sicherlich die reichste Sektion in der Kommune und die längstexistierende in England sind — mit Ausnahme verschiedener Persönlichkeiten, wie Lord Rothschild, Mr. Joseph Corven, Mr. Bentwich, zweifellos entrüstet über die Tatsache, dab die allgemeine Oeffentlichkeit und die englische Presse kein Organ haben, aus dem. sie die jüdische Meinung ersehen können außer der „Jewish Chronicle“ und der „Jewish World“, welche beide denselben Personen gehörten und von ihnen kontrolliert wurden. Dieser Zustand ist nun durch die Herausgabe der „Jewish Guardian“ geändert worden. Wenn man nach den wenigen bisher erschienenen Nummern urteilt, findet man, daß dieses Blatt ein ziemlich farbloses1 Produkt sein wird. Es kritisiert den Zionismus ziemlich stark, da er — wie es begründet — etwas verspricht, was nicht erfüllt werden kann, und da er die eigentliche Funktion der Juden vernachlässigt, eher eine Nation von Priestern als eine politische Körperschaft zu sein. Bisher hat die neue Zeitung indessen absolut keinen scharfen Ton in ihrer Kritik angeschlagen. Die Zeitung soll von Mr. Lansie Magnus herausgegeben und geleitet werden. A. Lewis.