Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46-47 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- Seite 1469-1470 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Einmal hat es, ohne seine auf die Kolonisation des Landes bezüglichen Gesetze zu ändern, umständliche und strenge Formvorschriften über die Ausweise erlassen, ohne die der Einwanderer nicht landen darf. Jeder Reisende, auch der früher durch Benutzung der ersten Klasse privilegierte Reisende, der nach dem 31. August 1919 in Argentinien eintrifft, muß einen vom argentinischen Konsul des Wohnortes oder des nächsten .argentinischen Konsulats visierten Paß sowie einen visierten, polizeilichen oder gerichtlichen Ausweis über „seine gute Führung lund seine gewerblichen Fähigkeiten“, sowie ein Gesundheitsattest, einen Nachweis, j daß er während der letzten, 5 Jahre nicht wegen Ueberj tretung der gesellschaftlichen Gesetze bestraft ist, daß er j nicht gebettelt hat usw., besitzen. Unberührt bleiben die Vorschriften, wonach alfeinreisende Frauen mit Kindern j unter zehn Jahren, Reisende über 60 Jahre und andere j unerwünschte Elemente von der Landung trotz ordnungsmäßiger Papiere ausgeschlossen werden können. Wohl nicht ohne Bedacht hat die argentinische Regierung die Entscheidung darüber in die Hände ihrer Subalternbeamten gelegt. Die beschränkenden Bestimmungen sind dort gut aufgehoben. Zweitens hat Argentinien die in Aussicht gestellten Ausführungsbestimmungen zum argentinischen Heimstättengesetz einstweilen sistiert, so daß Einwanderer nicht mehr damit rechnen können, auf Grund dieser Bestimmungen regierungsseitig unentgeltlich Land zu erhalten. Beide Bestimmungen, insbesondere die letztere, sollen dazu beitragen, den Anreiz zur Einwanderung nach Argentinien zu unterdrücken. Das könnte zu der Auffassung führen, daß Argentinien an einem Ueberschuß von Einwanderern leide. In Wirklichkeit übersteigt seit 1915 die Auswanderung, die sich besonders nach Brasilien, Belgien und Frankreich richtet, erhebjich die Einwanderung. Die Einwanderung 1917—1918 betrug j 275 568, die Auswanderung 482 321, mithin ein Minus von. 209 753, und das bei einem augenblicklichen Einj wohnerstand von 8 412 000. Demgegenüber fällt es j nicht ins Gewacht, daß das erste Quartal 1919 einen } Einwanderungsüberschuß von 900 Personen gebracht hat. Dabei ist Argentinien ein Land, das ohne besondere Schwierigkeiten imstande wäre, 60 Millionen Menschen zu ernähren. Statt dessen ist es, ökonomisch betrachtet, zurzeit übervölkert und leidet infolgedessen an einer Teuerung der gewöhnlichen Nahrungs-, Genußj lind Qebrauchsmittel, welche das Einschreiten der Re- { gierung und die Festsetzung von Höchstpreisen dafür zur Folge gehabt hat. j Die Gründe dieser Erscheinung liegen in der Verfassung des argentinischen Wirtschaftslebens und der \ Unfähigkeit der argentinischen Regierung, seine sehr j brauchbare Siedlungsgcset/gebung mit Erfolg zu handhaben. Argentinien ist trotz, der ständig sich erhöhenden Investierung inländischer und ausländischer Kapitalien (besonders englischer) in Industrieunternehmungen doch noch überwiegend ein Agrarstaat. Für einen solchen ist der Bedarf an Menschen für die Viehzucht verhältnismäßig gering und kann vollauf und am zweckmäßigsten und billigsten aus inländischen Arbeitskräften gedeckt werden. Soweit die Landwirtschaft in Frage kommt, ist der Bedarf nur zu den Erntezeiten besonders groß und dieser wird von italienischen und spanischen Saisonarbeitern, die nach Beendigung der Ernte mit ihrem Verdienst in ihre Heimat zurück'kehren, genügend gedeckt. Daß zur Not auch diese Kräfte entbehrlich sind, ergibt die Tatsache, daß Argentinien die Ernte 1917/1918, die größte, die das Land jemals gehabt hat, trotz des durch den Krieg bedingten Ausfalls der Erntegänger vollkommen durch eigene Kräfte bewältigt hat. Auf der anderen Seite ist die Aufnahmefähigkeit der argentinischen Wirtschaft für die in Industrie und Handel tätigen Personen sio gering, daß die Aussichten für Handelsangestellte unter Null sind und die Möglichkeiten, die sich für Arbeiter ergeben, durch fortdauernde, große Streiks, hervorgerufen durch die Teuerung und den Einfluß bolschewistischer Agitatoren, auch täglich schlechter werden. Dabei ist, besonders auf dem Lande, die Nachfrage nach Handwerkern und Facharbeitern dauernd eine nicht unbeträchtliche. Sie kann zurzeit nicht befriedigt werden, ebensowenig wie die Nachfrage nach gelernten Landarbeitern. Die letztere ergibt sich aus dem Wunsch der Kolonisten, die Ertragsfähigkeit ihres Landes durch intensivere Bearbeitung zu erhöhen. Argentinien zerfällt in drei scharf getrennte Zonen. Die Nordzone hat subtropisches Klima und ist nur zumi Anbau subtropischer Erzeugnisse geeignet. Sie ist großenteils noch mit Urwäldern bestanden. Ihre Ausrodung und die Arbeit in diesem Klima stellt an den Kolonisten Anforderungen, denen zum mindesten der europäische Einwanderer im Durchschnitt nicht gewachsen ist. Zudem sind die Verkehrslinien zu den eigentlichen Absatzplätzen völlig unzureichend. Von einer Besiedlung dieser Zone ist also weder für Argentinien noch für etwaige Immigranten etwas Nennenswertes zu erwarten, obgleich gerade dort noch viel Regieruingsland zu vergeben ist. Die Südzone hat ein ausgesprochen rauhes Klima. Sie ist flach, sandig und steinig und nur zur Schafzucht geeignet. Die Weideflächen sind unergiebig, das ganze Leben dort anstrengend und einförmig. Es kann auf Immigranten irgendwelchen Anreiz kaum! ausüben. Die Mittelzone ist die eigentliche Ackerbauzone mit seiner überreichen, auf ein Vielfaches zu steigernden Ertragsfähigkeit. Dieses Land, ursprünglich Regierungsland, ist aber ausnahmslos schon in festen Händen. Es hat sich eine ausgedehnte Latifundienwirtschaft eingebürgert, deren Entstehuag die Regierung hätte verhindern können und die zu schroffen Gegensätzen zwischen dem' Großgrundbesitzer und dem Pächter geführt hat, die durch alle Versuche der Regierung noch nicht haben gemildert wrerden können. Die Folgen des einmal entstandenen Großgrundbesitzes sind eben nicht mehr ohne große Umwälzungen zu beseitigen. In diesem Gebiete allein bestände aber die Möglichkeit, Immigranten anzusiedeln. Dazu ist es aber nötig, Land zu e r u erben, da die Regierung eben keines mehr zu vergeben hat. Die Landpreise sind sehr hoch und betrugen für Acker- und Weideland heute pro Hektar 500—1000 Papierpesos (nach deutschem Kurse 3500 bis 7000 M.). Also schon eine geringe Siedlung würde mit dem Erwerbe des nackten Bodens erhebliche Kosten