Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46-47 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- Seite 1467-1468 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1467 VOLK UND LAND Antragstellers hat, und /war insbesondere dann, ' wenn größere bare Auslagen entstehen, einen ent- S sprechenden, evtl, vom Vorsitzenden fest/uset/en- | den Vorschuß zu fordern. § 7. Von den schiedsgerichtlichen Kosten erhalt bei einem Rechtsstreit erster Instanz der Jüdische Volksrat zur Deckung der Auslagen 5 M. und bei einem Rechtsstreit zweiter Instanz 10 M. Im übrigen werden diese Kosten unter die Schiedsrichter in folgender Weise verteilt: a) In erster Instanz erhalten der Vorsitzende die Hälfte und 1468 die beiden Beisitzer je 1 (, b) in zweiter Instanz erhalten der Vorsitzende und der juristisch vorgebildete Beisitzer je -,'T, die übrigen Beisitzer je Vt- § 8. Es ist ein Hinterlegungsbuch zu führen, in das im Falle einer Sicherheitsleistung Name und Adresse der Parteien des betreffenden Rechtsstreites, ferner die Aktenzeichen, endlich, das Datum des Urteils eingetragen wird, dessen Vollstreckung durch die Sicherheitsleistung ermöglicht werden soll. WIRTSCHAFTLICHE PROZENTNORM IN POLEN Von Moritz Krause. Ein hochgespannter Nationalismus der Polen wendet sich gegen jedes fremde Volkstum im eigenen Lande, deutsches wie jüdisches. Die Internierungen, von denen, wie bekannt, auch eine große Zahl von Juden betroffen wurde, waren wohl der stärkste Ausdruck dieser Volksstimmung. Die Entwicklung kam allmählich, dann aber rasch fortschreitend. Man muß anj erkennen, daß in der ersten Zeit der neuen Verwaltung, als bei der erregten Haltung der unteren Volkskreise Exzesse gegen die Juden befürchtet wurden, die maßgebenden Persönlichkeiten und Behörden das ihrige getan haben, um 'Ausschreitungen zu verhindern. Die Erklärungen, die sie damals der im Jüdischen Volksrat vertretenen Judenheit abgegeben haben, waren wohl geeignet, beruhigend zu wirken und die Hoffnung aut eine auch den Juden gegenüber gerechte Verwaltung zu erwecken. Gleichberechtigung wurde uns zugesichert. Wir mußten leider sehr bald erfahren, daß diese Gleichberechtigung“ eine Auslegung erfuhr, die wir nicht vorausgesehen hatten. Zunächst aut wirtschaftlichem Gebiete. Alten eingesessenen jüdischen Firmen wurde der Handel mit Getreide, Kartoffeln und anderen Waren, die der Zwangsbewirtschaftung unterliegen, entzogen und die Berechtigung hierzu polnischen, zum Teil erst ganz neu entstandenen, Firmen übertragen. Auf Beschwerden hierüber bei der Zentralbehörde wurde die Handelserlaubnis in einigen Fällen erteilt, doch ließ man erkennen, daß man sich dabei von der Prozentnorm leiten lasse, d. h. daß man Juden nur in demselben Verhältnis zulassen wolle, als ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung betrage. Die Tatsache, daß die frühere Beteiligung der Juden an Handel und Industrie einen weit höheren Prozentsatz darstellte, wurde nicht berücksichtigt. Ueberall in der Provinz wurden polnische kaufmännische Vereinigungen mit der Verteilung der ins Land kommenden Waren und Rohmaterialien von der Behörde beauftragt. Der Eintritt in diese Vereinigungen ist den jüdischen Bürgern in den meisten Fällen verschlossen geblieben. Die Zuteilung von Waggons für Kartoffellieterungen wird nicht nach allgemeinen wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern nach der Prozentnorm geregelt. Der Erwerb von Grundstücken in Stadt und Land ist von der Genehmigung der Aufsichtsbehörden abhängig gemacht worden. Jüdischen Käufern ist diese Genehmigung bereits in einer Anzahl von Fällen verweigert worden. Die ganze Tendenz geht dahin, in den wirtschaftlichen Positionen jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende durch solche polnischer Nationalität abzulösen, und das ist in erschreckend schnellem Maße gelungen. Die Verkäufe jüdischer Firmen an Polen nehmen von Tag zu Tag größeren Umfang an, der Wegzug angesehener jüdischer Kaufleute und Industrieller — daneben naturgemäß auch jüdischer Anwälte und Aerzte — wird von der zuriickbleibenden Judenheit mit banger Sorge beobachtet. Daß in diesem Vorgänge von polnischer Seite eine Maßnahme zur Stärkung der eigenen Volksj Wohlfahrt erblickt wird, ist begreiflich, aber doch recht kurzsichtig. Posen ist ein Land, dessen industrielle Entwicklung auch unter deutscher Herrschaft nur mühsam vorwärts gekommen ist. Schwebende Monopolvorlagen, weitgehende Einfuhrerschwerungen und Valutarücksichten tragen nicht dazu bei, auf das Wirtschaftsleben günstig einzuwirken. Es ist ein fundamentaler Irrtum, zu glauben, daß man die Inhaber und Leiter angesehener Handelshäuser und Industrieunternehmungen ohne Schaden für die vaterländische Wirtschaft und den Kredit des ganzen Landes kurzerhand ausschalten oder austauschen kann. Man treibt Kräfte aus dem Lande, deren langjährige kaufmännische Erfahrung und Gewandtheit, deren Unternehmungsgeist und nicht zuletzt deren festgegründeter Kredit für die Wirtschaft und für i den Kredit des ganzen Landes eine feste Stütze bilden. Nimmt dies Massenumfang an, so können bei der hohen Beteiligung der Juden am Wirtschaftsleben des Landes die Wirkungen katastrophal werden. Und nicht nur im Wirtschaftsleben spielt diese ,,Prozentnorm“, diese Ausgeburt des alten zaristischen Systems, eine Rolle. An der neugegründeten Universität in Posen hat sich eine Anzahl jüdischer Hörer und Hörerinnen zur Aufnahme gemeldet. Von dem Dekan der philosophischen Fakultät wurde ihnen bedeutet, daß nur 2 ° *> Juden die Aufnahme gewährt werden könne. Tatsächlich ist einem großen Teil der jüdischen Bewerber der Zutritt verweigert worden. Sqllten die polnischen Staatsmänner nicht daran denken, wrelch’ großen Anteil an dem Niedergange des staatswrirtschaftlieh so hochorganisierten Deutschlands gerade die Nichtachtung der kulturellen Erfordernisse fremdvölkischer Staatsangehöriger gehabt hat? Man blicke auf die Schweiz und auf Holland. Vielerlei Volkstum hat dazu beigetragen, den Wohlstand des Landes zu heben. Niemals hat die Staatseinheit darunter gelitten. Der Staatskredit dieser Länder kann mit dem der mächtigsten Völker der Erde wetteifern. Sollten polnische Staatsmänner nicht lieber ihr Augenmerk auf diese Vorbilder richten als auf die Fehler untergegangener Staatssysteme, deren verhängnisvolle Wirkungen sie ja selbst erlebt und erlitten haben? (Aus den ^Mitteilungen des Jüdischen Volksrates in Posen“.)