Mannheim
Compact Memory

Volk und Land · 1919-11-13 · Heft 46-47 (13.11.1919) · p. Seite 1451-1452

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 46-47 (13.11.1919)
Date
1919-11-13
Page
Seite 1451-1452 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2649276-2649277-2649310--0904-2650269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1451 VOLK UND LAND 1452 3. Auf Grund dieser beiden Gruppen von Feststellungen eine tatsächliche Sichtung der auswanderungsbereiten Massen nach ihrer Eignung für die einzelnen Einwanderungsgebiete. 4. Die schützende Leitung der Auswanderer- /iige auf den bestimmten Routen nach ihrem Ziel. 5. Die Ergreifung von zweckdienlichen Maßnahmen, um die Einwanderer in die ihnen planmäßig zugedaehten wirtschaftlichen Positionen zu bringen. Die detaillierte Aufzählung der Tätigkeiten des Volksamtes könnte zu der Vermutung führen, daß Dr. Birnbaum auch die Voraussetzungen, unter denen das Volksamt arbeiten soll, und die Wege, die es zur Verwirklichung aller dieser vorbereitenden Maßnahmen eiinschlagen soll, ebenso greifbar und eingehend dargestellt hätte. Das ist indessen nicht der Fall, Wo in der Broschüre die - zu einem Teile nicht so unberechtigte, aber für das zionistische Verantwortungsbewußtsein wahrlich nicht erforderliche — Polemik aufhört, .erwartet man greifbare Forderungen und Vorschläge. Statt dessen ergeben sich allgemeine Erwägungen über aufnahmefähige und aufnahmewillige Länder außerhalb von Mittel- und Westeuropa und Rußland, eine Aufforderung, sich nach günstigen Chancen umzusehen, und an diese anknüpfend, alle Versuche zu machen, eine günstige Entscheidung herbeizuführen, und endlich, als einzig konkretes, die Forderung: „Es muß den betreffenden Regierungen klar gemacht und die Garantie dafür geboten werden, daß es sich nicht um eine sinnlose Ueberflutung ihrer Gebiete mit durcheinandergewürfelten,. fremden Menschen, sondern um eine Einwanderung von Leuten handelt, die geeignet und im voraus bestimmt sind, gewisse freie Plätze im bisherigen oder erweitert gedachten Wirtschaftsleben des Landes zu besetzen/* Kurz gesagt, eine Gruppe von jüdisch interessierten Leuten, welche aiuf ihre soziale, politische und religiöse Einstellung nicht zu prüfen sind, sollen die Geschicke der großen jüdischen Wanderung in die Hand nehmen und durchführen. Nach welchen Gesichtspunkten sollen sie diese Wanderung durchführen? Das ist nicht gesagt. Für Dr. Birnbaum ist die ganze Frage der Regulierung der Wanderung Selbstzweck. Eine solche Auffassung kann man verstehen. Die Größe der Not wird sicher viele dazu führen, einen gleichen Standpunkt einzunehmen. Es ist auch nicht zu verkennen, daß gerade für Deutschland, wo das Judentum einen erheblichen Teil seiner besten Kräfte in der Gründung von Vereinen und Organisationen verbraucht, ein solcher Gesichtspunkt des Selbstzwecks, mangels einer sonstigen einheitlichen Einsteilung auf die jüdischen Fragen, Anklang finden wird. Und doch ist nicht zu verkennen, daß Birnbaums Auffassung von der isolierten Bedeutung der Wanderungsfragen schon ganz entscheidend beeinflußt worden ist, durch den vom Zionismus ins Leben gerufenen und zur Wirklichkeit gestalteten Begriff der nationalen jüdischen Politik. Seine Apostrophierungen des offiziellen Zionismus stellen doch letzten Endes nichts anderes dar, als einen Appell an die Organisation, ihre Kräfte und ihre politischen Möglichkeiten auf die von ihm zur Diskussion gestellten Fragen hinzuleiten, und zwar für unsere Auffassung mit dem Unterton der Erkenntnis, daß der Zionismus allein zur endgültigen Lösung dieser Fragen befugt und berufen sei. Um zu der von ihm angeregten Konferenz Stellung nehmen zu können, ist daher zunächst erforderlich, den Standpunkt der jüdischen Politik zur Wanderungsfrage zu präzisieren. Vorweg muß bekannt werden, daß der Zionismus der Frage der Wanderung bislang bei weitem nicht die Aufmerksamkeit gezollt hat, welche ihr hätte gezollt werden müssen. Alle Fragen, welche sich heute für die Wanderung ergeben, die Fragen wirtschaftlicher und politischer Natur, bestanden vor zehn Jahren genau so wie heute. Daß sie bei dem weitverzweigten Arbeitsgebiet und bei der Notwendigkeit des Zionismus, sich selbst erst durchzusetzen, bislang keinen breiten Raum einnehmen konnten, erklärt ihre Vernachlässigung, kann sie aber doch letzten Endes nicht völlig entschuldigen. Die politischen und wirtschaftlichen Ziele des Zionismus haben sich in ihren Grundzügen zumindest in den letzten zehn Jahren nicht grundsätzlich geändert, damit sind auch alle Fragen, welche diese Gesichtspunkte mit der jüdischen Wanderung in Zusammenhang bringen, die gleichen geblieben. Es wird Aufgabe des Zionismus sein, zu untersuchen, wie dieser Rückstand eingeholt werden kann. Die Schaffung eines Zentrums von jüdisch-sozialen und jüdisch-geistig gerichteten Menschen in Palästina erfordert Menschen. Daß das Hauptkontingent von diesen aus jenen Gebieten kommen wird, welche zugleich das größte Wanderungskontingent darstellen, ist selbstverständlich. Die Besiedelung erfordert einen Wanderungsstrom nach Palästina. Dieser Wanderungsstrom, mag er Tausende betragen oder mag er Hunderttausende betragen, ist für die Frage der Wiederaufrichtung Palästinas die Hauptwanderung. Alles andere, was nicht unmittelbar den Weg nach Palästina nimmt, ist ganz abgesehen von seinem zahlenmäßigen Bestände Neben Wanderung. Bislang, und voraussichtlich für eine Reihe von späteren Jahren, stehen das Aufnahmevermögen Palästinas und die Wanderungsnotwendigkeit der östlichen Massen in keinem annähernd gesunden Verhältnis. Die Nebenwanderung wird daher unter einem doppelten Gesichtspunkt stehen, einmal der Ablenkung von Massen, welche zur Zeit in Palästina noch nicht aufgenommen werden können, und für die der Aufenthalt in einem anderen Lande nur ein Durchgangsstadium bildet, und andererseits derjenigen Massen, deren UebersiedeXing nach einem anderen Lande dort voraussichtlich zu einer dauernden Niederlassung führen wird. Schon damit ist der Vorwurf des Dr. Birnbaum, der Zionist habe sich eine ganze Zeit lang nicht von der Vorstellung befreien können, als ob jede Tätigkeit für Auswanderer in andere Länder als Palästina einen unerfreulichen Akt gegen den Zionismus bedeute, widerlegt. Die Nebenwanderung ist der Hauptwanderung in dem oben aufgcstellten Sinne, nicht subordiniert, sondern koordiniert. Aber immer wird der Gesichtspunkt, unter dem wir die Wanderung zu betrachten haben, ein jüdisch-politischer sein, d. h. ein Standpunkt, der davon ausgeht, daß auf alle Juden und auf die Masse der jüdischen Emigranten diejenigen Gesichtspunkte angewandt werden müssen, welche generell auf ein Volk anzuwenden sind. Dabei kann es allerdings Vorkommen, daß die Fragen der Wohltätigkeit mit denen völkischer Notwendigkeit kollidieren. Wenn aber die Frage des jüdischen Volkstums, mag sie die Besiedelung Palästina wollen oder die Erhaltung und den Ausbau eines starken Diaspora-Judentums wollen, zum beherrschenden Gesichtspunkt wird, so muß auch nach einer Instanz gesucht werden, welche in der Lage ist, der politischen Bedeutung der Frage gerecht zu werden, und die durch die Politik erstrebten Ziele zu erreichen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.