Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 46-47 (13.11.1919)
- Date
- 1919-11-13
- Page
- Seite 1447-1448 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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1447 VOLK UND LAND 1448 lohnt es sich nicht, länger zu streiten. Sie wollen einfach Ihre Fehler nicht zugeben. Zu 7. Ich habe meine Kritik hier nicht zur Hand. Soweit ich mich aber erinnere, waren meine Ausführungen betreffs der Zulassung von Privatkapital nicht gegen Oettinger gericntet, bezogen sich überhaupt nicht auf die Landwirtschaft, sondern die Industrie. Daß jeder Ansiedler tun möge, was ihm gut dünke, habe ich jedenfalls nie verlangt. Aber auch das wäre immer noch besser als vollständige Reglementierung, denn so würden bei vorsichtiger Schätzung doch immerhin noch vielleicht die Hälfte der Kolonisten das Richtige treffen, während im Falle, wenn alles reglementiert wird, die große Gefahr besteht, daß auch alles verkehrt gemacht wird. Irrtümer einzelner können die Zukunft der Kolonisation jedenfalls nicht entfernt so belasten wrie Irrtümer der Leitung. Wir haben Unternehmungsgeist und Schaffensfreude jedes Einzelnen bitter nötig, und ebenso stärkstes Verantwortlichkeitsgefühl. Dies wird aber ertötet, wenn die wirtschaftliche Freiheit über ein bestimmtes Maß hinaus beschränkt wird. Während des Krieges und später haben wir ja überall den Staatssozialismus und seine besonders auch moralisch verheerenden Wirkungen genügend kennen gelernt; seine Erfolge laden zur Nachahmung in Palästina ganz sicher nicht ein. Bei dem Streit um Oettingers Berechnungen handelt es sich keineswegs, wie man oft glauben machen möchte, darum, ob Oettinger oder ich besser rechnen kainin, sondern um die fundamentale Frage: Welches Landausmaß und Kapital ist im Minimum für die Ansiedlung eines Klein Siedlers erforderlich? Alle Kritiker der r i c h t i g g e s t e 11 t e n Berechnungen Oettingers, Ruppin an der Spitze, behaupten stets: solche Rentabilitäten gibt es in Palästina eintach nicht. Auch Oettinger führt dies Argument jetzt wieder ins Treffen, obwohl er sich in seinem Buche sehr wohl bewußt ist, daß er der Landwirtschaft oft neue, in Palästina bisher nicht gegangene Weg zeigt. Wenn es sich um eine Beschreibung bisheriger wirtschaftlicher Verhältnisse in Palästina handelte, hätten sie alle Recht. Es gab solche Rentabilitäten nicht, weil es diese Betriebe (V und VI) nicht gab, diese Kulturen (Gemüse usw.) nicht gab, und weil man in Palästina oft leider überhaupt sehr wenig ökonomisch wirtschaftete. Und nicht nur wegen der türkischen Mißwirtschaft. Im Unrecht sind jene Kritiker aber sofort, wenn sie behaupten, daß solche Rentabilitäten auch künftig nicht möglich seien. Unsere palästinensischen Erfahrungen dürfen nur die Bedeutung haben, daß sie uns zeigen, daß wir es künftig ganz anders, unendlich viel besser machen müssen. Wir müssen jetzt endlich einmal die Augen öffnen und anderwärts gesammelte Erfahrungen für Palästina nutzbar machen. Herr Oettinger, haben Sie den prächtigen Aufsatz von Soskin über „Das Problem der Kleinsiedlung in Palästina“ nicht gelesen? Zur täglichen Lektüre sei er Ihnen dringend empfohlen! Und ferner, Herr Oettinger, das jüdische Volk wird in Palästina noch ganz andere „Wunder“ vollbringen, als daß eine fünfköpfige Familie durch ihre Arbeit bei 5000 Francs Betriebskapital die Riesen einnahme von 1700 Francs im Jahre erzielt, wenn ihm nicht kurzsichtige und kleinmütige Menschen Knüppel zwischen die Beine werfen! 5. Das Ende der Affäre Oettinger Wenn von allen Lesern des Oettingerschen Buches „Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina“ über zwei Jahre lang niemand außer Dr. Chamitzer die Fülle grundstürzender Fehler der darin enthaltenen Berechnungen bemerkt hat, und wenn sogar jetzt Oettingers Artikel in der „Rundschau“ so ziemlich von allen als glänzende Rechtfertigung des Autors betrachtet werden konnte, so wird es doch lohnen, den vorstehenden Ausführungen Dr. Charnizers noch einiges zum Zweck größerer Verdeutlichung hinzuzufügen. Wenn Oettinger sich nicht darauf versteht, die inneren Vorgänge in einer Wirtschaft buchungsmäßig richtig darzustellen, so wollen wir ihm daraus keinen allzu großen Vorwurf machen. Solche Dinge sind manchmal kompliziert. Aber nichts ist einfacher, als die Beschränkung auf die äußeren Vorgänge der Wirtschaft, die das Resultat klar genug zeigen. Hätte Oettinger sich gefragt: Was habe ich bar verausgabt? Was habe ich bar vereinnahmt? so hätte ihm derartiges nicht passieren können. Es wird auch jeder, der Oettingers Rechnung aufmerksam liest, sofort verstehen, daß seine Angabe des Futters unter Ausgaben in dem Falle •ganz richtig wäre, wenn er alles gekauft hätte. Dann ist es aber auch falsch um den Betrag, den er tatsächlich nicht gekauft hat. Bei Futtereinkauf von 2500 Francs und bei Gewinnung des Futters aus eigenem Betriebe kann doch die Abrechnung nicht die gleiche sein! Ueberdies ergäbe sich aus Oettingers Darstellung folgende Drolligkeit: Seine Einnahmen aus der Viehwirtschaft betragen 5200 Francs. Davon zieht er 3000 Francs für Futter ab. Bleiben 2200 Francs. Hätte ergarkeine Viehwirtschaft, so würde er das angebaute Futter im Eigenwerte von 2500 Francs verkaufen können und hätte aus dem Futterbau allein mehr davon als aus Futterbau und Milchwirtschaft. Dieser Widersinn leuchtet hoffentlich ein. Nun hat Oettinger also nicht nur die 1720 Francs Ueberschuß, die e r herausbekommt, sondern 2500 Francs (den Ertrag des eigenen Futterbaus) mehr und außerdem kommt ja nach ihm selbst aus der Wirtschaft schon auch der Unterhalt der Familie im Betrage von 900 Francs heraus. Die Gesamtwirtschaft ergibt also nicht 1720 sondern 5120 Francs, was nach Oettinger selbst dem Bedarf von fünf Familien entspricht! Das Gesamtkapital, aas Oettinger diesem Wirtschaftstypus zugrunde legt, ist 22 700 Francs, wovon 5000 Francs Eigen vermögen und 17 700 Francs vom Nationalfonds und den kreditgebenden Institutionen sind. Es würden also unter Richtigstellung von Oettingers Fehlem tatsächlich fünf Familien von jener Wirtschaft mit 100 Dumam Land und 22 700 Francs Gesamtkapital leben können, — sogar ohne daß mehr als die Arbeit einer Familie dazu nötig wäre (abgesehen von den 200 Francs für Hilfsarbeit, die Oettinger berechnet). Allenfalls böte die eine Wirtschaft nicht genug Wohngelegenh e i t für die 5 Familien, da Oettinger ja nur für