Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1433-1434 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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VOLK UND LAND 1434 1433 men, welche auch die Zustimmung vieler demokratischer Parteimanner haben. Ein anderer Vorschlag, die Hanson Immigration Bill, wird jetzt diskutiert. Gegenstand dieses Vorschlages ist, die Einwanderung' aus irgendeinem Lande auf fünf Prozent der schon von diesem Lande in den Vereinigten Staaten wohnenden Bevölkerung zu begrenzen. Sie schlägt vor, daß Repräsentanten der amerikanischen Einwanderungsbehörden in allen fremden Ländern stationiert werden sollen, um über die Zahl, die Erziehung und den Charakter jedes Einwanderers zu entscheiden, so daß er bei seiner Ankunft in Amerika dem Distrikt zugeführt werden kann, wo seine Vorbildung und sein Beruf am meisten nottut. Inzwischen hat Präsident Wilson dem Kongreß vorgeschlagen, daß das System des Reisepasses für ein Jahr nach Friedensschluß ausgedehnt werden soll. Das System des Reisepasses ist eine Methode, uim „Unerwünschte“ vom Lande femzuhalten. Die Art seiner Durchsetzung hängt von seiner Interpretation durch die offizielle Regierung ab. Diese Maßnahme verhindert die Angehörigen der naturalisierten Bürger oder auch die nicht naturalisierten Bewohner nicht an der Einwanderung in das Land. Jedermann, der glaubwürdige Leute in den Vereinigten Staaten finden kann, uim seinen Charakter zu bezeugen und zu garantieren, daß er nicht dem Staat zur Last fallen wird, kann die Erlaubnis erhalten, einzuwandern. Es ist zu hoffen, daß die Annahme dieser Empfehlung die Durchführung einer beschränkenden Gesetzgebung verhindern wird. Das jüdische Leben im Kaukasus Während das Leben der Juden in allen Ländern des Ostens zuzeit den Siedepunkt der Hölle erreicht hat, erfreut sich die nach dem Kaukasus versprengte Judenheit, unter dem Schutze der verschiedenen neuentstandenen Republiken, einer vollen Sicherheit und Freiheit. Die dort erscheinenden jüdischen Zeitungen bieten einen idyllischen Gegensatz zur sonstigen jüdischen Presse des Ostens, die ein einziges Martyrologium darstellt. Die jüdische Presse des Kaukasus hat nur über das intensive jüdische Kulturleben zu berichten. Durch die Judenausweisungen aus Litauen im Kriege, durch die Emanzipation von 1917, die unter anderem den Kaukasus für Juden öffnete, und durch die Flucht vor dem Bolschewismus, von dem der Kaukasus verschont blieb, entstand in Trans- und Ciskaukasien eine verhältnismäßig zahlreiche Judenheit. Andererseits erweckte der Krieg die sogenannten Bergjuden aus ihrer menschlichen und nationalen Lethargie, ein Drang zur Bildung und zur Kristallisierung ihres Volkstums bemächtigte sich ihrer. Durch die dauernde Absperrung von Rußland und von Europa wurde die kaukasische Judenheit auf sich selbst angewiesen, die verschiedenen Judengemeinden und Gemeinschaften kamen einander näher, und der Erfolg ist unverkennbar. So ist es möglich geworden, daß in diesem entlegenen Winkel der Diaspora, an der Grenze Europas und Asiens, sechs jüdische Zeitschriften erscheinen (vor dem Krieg und Revolution nicht eine!), und zwar in mehreren Sprachen,: zwei russisch (eine zionistische Wochenschrift und eine der Zeire-Zion), eine hebräisch unter dem Namen „Harnewasser haikawkasi“, eine jiddisch unter dem Namen, „Kowkoser Wochenblatt“, eine grusinisch und eine tatisch, das ist der tatarisch-jüdische Dialekt der Bergjuden. Die grusinische Zei,tung erscheint in Krutais, alle anderen in Baku. Für die Stimmung der Bergjuden ist bezeichnend, daß sie mit Beifall die bekannten volkstümlich-nationalen Operetten „Sulamith“ und „Bar-Kochba“ von, Goldfaden aufnehmen, die für sie jetzt in ihrem Dialekt \im Staatstheater in Baku gespielt werden. An den Arbeiten der zionistischen Organisation nehmen viele Bergjuden als Mitglieder und Leiter teil. ' Die Zionisten und die Jugendorganisation Zeire-Zion , wetteifern in der hebräischen und national-jüdischen Kulturtiitigkeit. Außer Schulen und Abendkursen vieler- | orts, einem Gymnasium in Baku und einer Volkshochschule daselbst eröffnet die zionistische Organisation j im Kaukasus ein Lehrerseminar in Baku mit dem Hauptzweck, für die Bergjuden hebräische Lehrer aus ihren! eigenen Reihen auszubilden. Zur Deckung ihrer Ausgaben veranlagte die Organisation ihre Mitglieder zur Einkommensteuer in der Höhe von mindestens ein Prozent. Die Organisation zerfällt in drei Rayonverbände nach den bestehenden Republiken: Aserbeidschan, Grusien und Dagestan. In den Hauptstädten dieser Republiken (Baku, Tiflis, Petrowsk) sind jüdische Nationalräte tätig, in denen sämtliche jüdische Parteien vertreten sind. Die Nationalräte sind in diesen Nationalitätenstaaten von den Regierungen de facto anerkannt. So wandte sich in Baku das Justizministerium an den jüdischen Nationalrat mit dem Ersuchen^ die Sprache und den Text einer Eidesformel für Juden auszuarbeiten. Der Rat beschloß, einen hebräischen Text vorzuschlagen. Für P a 1 ä s t i na ist das Interesse unter den Kaukasusjuden groß. Um für die kommende Emigration eine breite finanzielle und soziale Basis zu schaffen, entschloß sich das zionistische Komitee in Baku, einen Palästinarat ins Leben zu rufen, zu dem alle jüdischen Parteien Und Berufsgruppen hinzugezogen werden sollen, die etwaiges Interesse an der Besiedelung Palästinas haben. Es wurden an alle Organisationen und Parteien Einladungen zur GrundungsSitzung des Palästinarates verschickt. Da aber von den politischen Parteien nur die Zionisten, die Zeire-Zion und die Poale-Zion Vertreter schickten, so konstituierte sidh der Rat, der aus zwölf Personen bestand, wie folgt: Fünf Mitglieder des Palästuiaausschusses der Zionistischen Organisation, zwei Vertreter der Zeire-Zion, ein Vertreter der Poale—Zion, je ein Vertreter der Kaufmannschaft, der Handwerker und der freien Berufe und ein Vertreter der Bergjuden. Der Bakuer Palästinarat erwies sich als eine praktische Einrichtung., Seine erste Arbeit war die Errichtung einer Uebersiedlungsgenossenschaft, die ihre Mitglieder mit Kredit zur Uebersiedlung nach Palästina versieht. Außerdem wurde ein Büro eröffnet, das für eine genaue Registrierung und Vorbereitung der Emigration nach Palästina sorgt. Die Juden in Damaskus Es gibt ungefähr 3000 jüdische Familien in Damaskus. Die Zahl der jüdischen Kinder, die der Erziehung bedürfen, ist zirka 3800. Von ihnen besuchen 1800 verschiedene Schulen!, 1300 hebräische, 500 die Schulen der Alliance. Die übrigen treiben sich in den Straßen herum und sind gänzlich verkommen. Was noch schlimmer ist, viele der Jüdischen Waisenkinder werden in nichtjüdischen Waisenhäusern erzogen. Ungefähr die Hälfte der jüdischen Einwohner von Damaskus sind Handelsleute; ein großer Teil der Einwohner sind in verschiedenen Handwerken tätig, besonders in der Weberei und als Kupferschmiede. Im allgemeinen haben die Juden ein schweres Leben, 300 von ihnen sind Bettler, die von Haus zu Haus gehen. Auch leiden die Juden sehr unter dem Mangel an häuslicher Bequemlichkeit und Jeben in überfüllten Räumen, wodurch die Schwindsucht sehr verbreitet ist, besonders unter den Kindern. Die große Armut hat zu einer Zunahme der Unsittlichkeit geführt. Im ganzen ist die Lebenshaltung der Juden, sowohl die moralische wie die materielle, sehr schlecht im Vergleich zu der ihrer christlichen und mohammedanisdien Nachbarn. Der Hebräische Klub in Damaskus hat beschlossen, eine besondere hebräische Klasse für jüdische Mädchen zu eröffnen, welche die Allianceschulen besuchen.