Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1425-1426 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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1425 VOLK UND LAND 1426 wenig Untersliitzimg aui' diesem (jebiete. Nach den .Berichten der Delegierten der genannten vier Zcmtren des alten jüdischen Jisclunvs, Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed, begannen die Berichte der Ortsgruppen in den jüdischen Kolonien. Die Berichte aus diesen Orten lauteten weniger günstig u ld enthielten größtenteils Beschwerden gegen die „freisinnigen SchulverwaltungeiB'. Mehrere Delegierte betonten besonders die Schwierigkeit der Gewinnung der Jugend in den Kolonien für die misrachistische Idee. Nach lebhaften Debatten über die Berichte wurde dem Zentralkomitee des Misrachi einstimmig Dank und Vertrauen ausgesprochen. Hauptsächlich beschäftigte man sich mit der Erzieh ungsfrage. Die Sitzung-, die der Behandlung dieser Frage gewidmet war, nahm die Gemüter derart in Anspruch, daß das Referat über* das kolonisatorische Programm, welches der bekannte hebräische Schriftsteller Radler-Feldmann halten sollte, vertagt werden mußte. Später bei der Behandlung der kolonisatorischen Aufgaben bekundete die Konferenz ihr ernsthaftes Interesse dadurch, daß sie ein ziemlich großes Budget hierfür bewilligte. Unter den verschiedenen Resolutionen verdient der Beschluß hervorgehoben zu werden, mit der Herausgabe eines hebräischen Wochenblattes „Hazir“ (Der Bote) zu beginnen. Ferner wurde beschlossen, in allen Städten und Kolonien misrachistische Frauenvereine nach dem Beispiel Jerusalems ins Leben zu rufen. Allgemeine Befriedigung rief die Resolution betreffs der hebräischen Sprache hervor. Sie lautet: „In Anbetracht der großen politischen Bedeutung, die insbesondere im gegenwärtigen Moment der Wiedergeburt unserer nationalen Sprache als einer Umgangssprache einerseits und als einem Bollwerk gegen das Eindringen fremder Sprachen in das jüdische Palästina andererseits beizumessen ist, verpflichtet die Konferenz die Mitglieder des Misrachi, auch fernerhin alles zu unternehmen, um die hebräische Sprache sowohl in unseren kolonisatorischen als erzieherischen Anstalten, wie auch im täglichen Leben eines jeden Juden als lebendige Volkssprache durchzuführen.“ Stürmische und leidenschaftliche Debatten entstanden bei der Frage der Beteiligung der Misrachisten an den Wahlen zur allgemeinen Delegiertenkonferenz in Palästina. Bekanntlich ist diese Konferenz inzwischen Vom Provisorischen Exekutiv-Komitee der palästinensischen Juden mit Zustimmung aller Parteien, einschließlich des Misrachi, für den 18. November einberufen worden. In das Engere Exekutiv-Komitee wurden folgende Personen gewählt: Rabbimer Usiel, Rabbiner Fischmann, S. Lew, Muasel und Liwai (Jaffa), Rabbiner J. Levy, S. Soloweitschik, Zobner, Weißenstern uind Dr. Chacham (Jerusalem). In das Zentralkomitee wurden 13 Personen, Vertreter von Jerusalem, Tiberias, Hebron, Haifa, Rechoboth und Petach Tikwah, gewählt; in den Aufsichtsrat, dem die erzieherischen Aufgaben obliegen, folgende Herren: Dr. Levvin, Dr. Marschak, Dr. Mirkin, Radler-Feldmann, Profi Dr. Han, Rabbiner Rabbi, Zitron, Ostrowski, Usiel, Fischmann und Kuck. Zur Lage der Arbeiterschaft in Palästina In einem offenen Briefe des Leiters des Jüdischen Arbeiterbüros in Jaffa, Efraim B 1 u m e n f e 1 d (der Brief ist in einem Zirkular aer Zionistisch-sozialistischen Arbeitervereinigung Achduth Haawodah veröffentlicht), wird über die gegenwärtige Lage der Arbeiter bittere Klage geführt. Es heißt u. a.: „Selbst in den Tagen der schwersten Krise war die Zahl der Arbeitslosen niemals so groß wie jetzt. Niemals waren die Arbeitslöhne im Vergleich zu den Lebensmittelverhältnissen, Kleidung, Miete usw. so niedrig wie jetzt. Zurzeit gibt es 1003 Arbeitslose (hiervon in Jerusalem allein 000 und in Jaffa 200). Man kann mit Sicherheit Voraussagen, daß nach ein bis zwei Monaten, nämlich nach Beendigung der Arbeit in den Kolonien und der Fertigstellung der einzelnen Häuserbauten in der Stadt, die Zahl der Arbeitslosen sich noch vergrößern wird. Allein in den jüdischen Kolonien sind etwa 300 Arbeitslose zu erwarten; nimmt man die 200 bis 300 Legionäre hinzu, die soeben demobilisiert warden und den festen Willen bekundet haben, unter allen Umständen im Lande zu: verbleiben, so haben wir eine Gesamtzahl von 1500 Arbeitslosen. Es ist klar, daß die private Landwirtschaft der Kolonisten, namentlich in Judäa, nicht imstande ist, eine Arbeitsquelle zu bilden, solange die Arbeitslöhne dort so niedrig sind, nämlich nur 4 bis 5 Schilling pro Tag, was nicht einmal einem unverheiratetem1 Manne ein Existenzminimum gewährt. Kein Wunder, daß die Arbeiter aus den Kolonien flüchten! Aber auch in den Arbeitergruppen ist die Lage eine schreckliche. Es gibt kein Wasser, es gibt weder Wohnungen noch Betten. Es existiert fast keine Spur eines kulturell hygienischen Lebens. In Hemara bei Metulah arbeitet eine Gruppe seit dre; Jahren, ohne Wohnungen zu besitzen. In einer Baracke leben 24 Menschen mit kleinen Kindern zusammen mit dem Vieh und dem Geflügel. Können solche Bedingungen ein arbeitsfähiges Element im Lande heranziehen? Ist das nicht ein physischer und geistiger Niedergang? Leidet doch darunter nicht nur die Gesundheit der Arbeiter, sondern auch die Landwirtschaft! Wir haben zahlreiche hygienische Institute. Warum weisen die Aerzte nicht auf diese Gefahren für die Zuikunft hin und warum verlangen sie nicht radikale Aenderungen? Es ist eine ebenso traurige wie beschämende Tatsache, daß, während in Jerusalem beim Ausbruch des Krieges mehr als 400 Juden im Baugewerbe beschäftigt waren, jetzt kaum 150 vorhanden sind1, von denen der größte Teil arbeitslos ist. Wen soll man dafür zur Verantwortung ziehen, daß der Rest, dem es gelungen ist, den Schrecknissen des Krieges zu entrinnen, jetzt aus Mangel an Arbeit zu Grunde geht? Ist dies alles nur äußeren Bedingungen zuzuschreiben? Anscheinend hat doch jedes Institut auf diese oder andere Weise Beziehungen zur Arbeit und zu den Arbeitern. Aber es gibt kein Institut, das vor der Zionistischen Oiganisation verantwortlich ist vor der Arbeiteröffentlichkeit, ein Institut, das sämtliche Arbeiten konzentrieren und sie allseitig verteilen und ausbauen könnte. Ein solches Institut, eine Zentralinstanz für sämtliche Arbeiten muß sofort geschaffen werden. Ein solches Institut müßte dafür Sorge tragen, daß für sämtliche Arbeiten Budgets festgesetzt werden und daß die Arbeiterangelegenheiten den ihnen gebührenden Platz im jüdischen Leben einnehmen. Daß an der Leitung eines solchen Instituts Vertreter der Arbeiter teilnehmen müssen, ist selbstverständlich. Ein solches Institut, das ganz der Arbeit und in keinerlei Form der Unterstützung gewidmet ist, könnte auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen vieles leisten. Es könnte die Arbeitsmöglichkeiten erweitern, neue Stätten für landwirtschaftliche Arbeit gründen und auch den städtischen Arbeitern Arbeitsgelegenheit gewähren. Ein solches Institut könnte das Programm der Aufforstung des Landes verwirklichen. Wäre ein solches Institut vorhanden, so könnte es nicht passieren, daß die Trockenlegung der Sümpfe Ln Kinereth-Dagania unterbrochen und daß die Brunnenarbeiten im Jemenitenviertel in Rechoboth hinausgeschoben werden. Es könnte nicht passieren, daß die Kanalisierungsarbeiten in Jerusalem, die mit dem Gelde der Zionistischen Palästina- Kommission unternommen werden, nicht einer jüdischen Arbeitergruppe, sondern jüdischen Unternehmern übergeben werden, bei denen es sehr zweifelhaft ist,