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Volk und Land · 1919-10-30 · Heft 44-45 (30.10.1919) · p. Seite 1419-1420

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 44-45 (30.10.1919)
Date
1919-10-30
Page
Seite 1419-1420 (sequence 26)
Language
German
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1419 VOLK UND LAND Meute legen wir aut das Wort freies Bekenntnis (iowieht, weil -wir nicht wollen, daß man uns in die jüdische Nation hinehmvingt. Wir wollen nicht, daß diejenigen Teile des jüdischen Volkes, die es noch nicht wollen, hineingedrängt werden. Das gehört auch zur reinlichen Scheidung. Wir wollen reinliche Scheidung, und icli bitte Sie, den Antrag, den ich stelle, anz.unehmen. Ich vertrete damit nicht nur eine momentan entstandene Forderung. Im alten Oesterreich schon wurden die Nationen und ich erinnere mich insbesondere, daß die Tschechen und Ruthenen dafür eingetreten sind und gesagt haben: Macht doch diesem wahnsinnigen Zustand ein Ende, daß man die Umgangssprache aufnimmt und nachher die Fälschung begeht und die Nation daraus macht. Nehmen Sie neben der Rubrik Umgangssprache die Rubrik Nation auf. Sie sind es dem aufstrebenden Volksteil der Juden, den volksbewußten Juden schuldig, daß Sie feststellen, daß das Bekenntnis zur jüdischen Nation anerkannt werden muß. Es darf sich nicht wiederholen, was im alten Oesterreich geschehen ist, daß man, wenn «ich die Juden zur jüdischen Nationalität bekannt haben, einfach hergegangen ist und gesagt hat: „Ja, diese Nation existiert nicht!*' und hat nach Belieben deutsch oder tschechisch eingesetzt, je nachdem, wer gerade die Volkszählung gemacht hat. Und da kann man das Merkwürdige konstatieren, daß bei der Volkszählung die Antisemiten und die schärfsten Antisemiten, zum Beispiel die Fferren Polen, immer auf dem Standpunkt gestanden sind: Der Jud’ ist doch kein Pole! Aber wenn es zur Volkszählung gekommen ist, da hat man die Juden nie als Nation anerkannt, da hat man ihre Köpfe gebraucht und die ärgsten Antisemiten haben mit größtem Appetit diese Juden verschlungen, um dabei ihre nationale Politik fördern, zu können. Aber, meine Herren, ein Volk ist für ein solches Spiel nicht ,da und ein solches Spiel rächt sich auf die Dauer. Ich bitte Sie daher, meinen Antrag anzunehmen, welcher lautet: In die Zählblätter ist neben die Rubrik „U mgangssprache“ auch die Rubrik „Nation“ aufzunehmen. Das Bekenntnis zur jüdischen Nation ist z u - 1 ä s s i g. S taatskanzl er D r. Renner möchte sich nur an Oie ivenvaltungstechnischc Seite der Frage halten. Schon der statistische Kongreß zu Petersburg hat festgesetzt, daß für die staatliche Statistik das Entscheidende doch die Umgangssprache ist. Der Grund ist folgender: Der Staat veranstaltet die Statistik für die Zwecke der Verwaltung. Deshalb müssen wir unbedingt darauf bestehen, daß bei der Volkszählung die Umgangssprache, die langue parlee, wie sic technisch heißt, festgehalten werde, und jeder zu seiner Umgangssprache sich bekenne. Natürlich ist eine Schlußfolgerung aus dieser Umgangssprache, die man im Interesse der öffentlichen Verwaltung bekennt, auf die Nation zu ziehen, nicht gestattet. Abgeordneter Stricker: Das hat man aber bisher getan! Staatskanzler Dr. Renner: Die Nation kann selbstverständlich eine von der Umgangssprache ganz verschiedene sein. Eine Nationszählung können wir nur in der Form machen, daß jeder das Recht hat, sich frei zu seiner Nation zu bekennen. Die Schwierigkeit wird aber noch größer, wenn wir die jüdische Nation zählen sollen. Ich fürchte, daß der Staat sich in einen Prozeß einmischen, würde, der noch nicht abgeschlossen ist. Vorläufig kennen wir nur eine mosaische Religion. Abgeordneter Stricker: Die sozialdemokratische Internationale kennt aber die jüdische Nation! Staatskanzler Dr. Renner: Ich rede von dem, was für die staatliche Verwaltung tolerant ist. Wir sind imstande, das mosaische Religionsbekenntnis festzustellen und wir müssen es feststellen, weil daran Rechtsfolgen geknüpft sind. Dagegen gibt es kein Gesetz, bei dem für die staatliche Verwaltung bis jetzt das Judentum 1420 als Nation in Betracht kommt. Der Grund ist der, daß die Juden untereinander seihst in diesem Punkte nicht einig sind. Es gibt viele Juden, welche Wert darauf legen würden, als Judentum eine geschlossene Nation zu bilden. Es gibt wieder viele andere, die großen Wert darauf legen, in eine der abendländischen Nationen eiuzutreten und als ihre vollwertigen Mitglieder zu gelten, fch glaube, es wäre verfrüht, wenn die Staatsverwaltung in diesen Streit eintreten würde. Abgeordneter Stricker: Lassen Sie die Juden frei entscheiden. Präsident ersucht den. Abgeordneten Stricker, den Redner nicht zu unterbrechen. Staatskanzler Dr. Renner: Sie haben das Recht des freien Bekenntnisses allüberall, hier und außerhalb des Hauses. Niemandem wird das Bekenntnis verwehrt; Nationen aber, durch ein nationales Bekenntnis zu konskribieren, haben wir jetzt in Oesterreich gar kein Bedürfnis. Wir sprechen hier von der Volkszählung und van der verwaltungstechnischen Einrichtung derselben. Die Frage, die Sie angeregt haben, ist zur Austragung in diesem Gesetz, über eine vorläufige Volkszählung nicht reif. Erst wenn das Judentum vollständig mit sich selbst im Klaren sein wird, wird es sich entscheiden können, ob es eine Nation ist oder als bloße Konfession in die anderen Nationen eintritt. Ich bitte, den Antrag Stricker, zumindest was die vorläufige Volkszählung anlangt, abzulehnen. Abgeordneter Dr. Waber (Deutschuaitional): Der Herr Staatskanzler hat sich unter Hinweis auf die Petersburger Tagung über Statistik gegen den Antrag Stricker ausgesprochen. Main kann aber ruhig sagen, daß auch die Mehrzahl der wissenschaftlich tätigen Männer der Meinung zuneigt, daß die Grundlage der Volkszählung nicht die Umgangssprache, sondern die Nation sein muß. Was speziell die Juden anlangt, so ist es doch ganz klau*, daß sie eine besondere Rasse sind, das 'Steht wissenschsaftlich fest. Eine andere Frage ist, ob sie eine besondere Nation sind. Nun kann mau eine Bewegung unter den Juden verfolgen, welche immer mehr und mehr darauf hmzielt, sich als Nation zu bezeichnen, und der Vorredner hat gemeint, daß in zehn Jahiren alle Juden sich als Nation bekennen werden. Das festzustellen, ist eine außerordentlich dankenswerte Aufgabe, und wenn es sich auch um eine provisorische Zählung handelt, kann gerade diese Frage keine besonderen Schwierigkeiten machen. Wie notwendig diese Feststellung gerade bezüglich der Juden ist, können wir genau beweisen. Bei der ersten einigermaßen wissenschaftlich durchgeführten Volkszählung, jener vom Jahre 1840 wurden die Juden als Nation gezählt. Man hat nun immer davon gesprochen, daß in Galizien die Zahl der Deutschen außerordentlich zurückgehe. Die Gegenüberstellung der betreffenden Daten ergibt aber, daß die große Differenz hauptsächlich auf die Stellungnahme der Juden zurückzuführen ist. 1880 hat sich noch ein überwiegender Teil derselben zur deutschen Sprache bekannt. Infolge des Vordringens des Chauvinismus der Polen haben sich die Juden veranlaßt gesehen, von der deutschen Umgangssprache abzufallen und sich zur polnischen zu bekennen. Aus diesem Grunde ist die Sonderzählung der Juden außerordentlich erwünscht. Jetzt, wo wir ein Nationalstaat geworden sind, müssen wir auf das Bekenntnis zur Nation besonders Gewicht legen. Es ist daher sehr zweckmäßig, daß man Cden Juden das Recht einräumt, sich zu ihrer Nation zu bekennen, und wir werden deshalb für den Antrag stimmen. Auf Antrag des Abgeordneten Forstner -wird die Debatte geschlossen. Abgeordneter Kunschak (Christl.-Soz.) erklärt, dem Anträge Strickers sei die sachliche Berechtigung nicht abzusprechen. Persönlich sei Redner nicht in der Lage, politische oder verwaltungstechnische Erwägungen als so ausschlaggebend anzuerkennen, daß sie veran-

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