Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1417-1418 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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1417--~--rr-r-== VOLK UND LAND — ----- - — r= .: — ■ -1418 iiiiiiiiiimiiiiiiii[iiiiii)iiii[iiii[iiiiiii)iiiiiii)iii)iiiiii)iiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiii)iiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii»miiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiitiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiimiig 11 AUS POLITIK, WIRTSCHAFT UND PALAESTINA ARBEIT =— || POLITISCHES Balfour Ein Londoner Telegramm meldet die Ernennung des Lords Curzon zum Minister des Aeußern an Stelle Artur Balfours. Mit Artur James Balfour scheidet einer der bedeutendsten Staatsmänner Englands und einer der sympathischesten Politiker der Entente aus dem politischen Dienst. Bereits seit längerer Zeit war bekannt, daß Balfour nach dem Abschluß der Friedensverhandlungen mit Deutschland und Oesterreich zurückzutreten gedenke, da sein hohes Alter und seine angegriffene Gesundheit ihm die politische Tätigkeit sehr erschweren. Balfour gehört zu jenem vornehmen und verehrungswürdigen Typus der englischen Staatsmänner, der in Mitteleuropa nahezu unbekannt ist. Selbst tiefgründiger philosophischer Denker, der auch eine Anzahl philosophischer Werke geschrieben hat, faßte er auch die Politik stets als ein Mittel zur Verwirklichung der hohen Ideen der Menschheit auf; so wie sein .Vorgänger im Foreign Office, Sir Edward Grey, der in Deutschland nie verstanden und deshalb gehaßt wurde, und dessen Bemühungen um die Erhaltung des Friedens erst jetzt in ihrem wahren Umfang bekannt geworden sind, auch nach seiner Demission im Dienste der Idee der Völkerversöhnung und des Völkerbundes tätig blieb, so hat auch Balfour seine Position i,n Versailles stets dazu benützt, um mäßigend und versöhnend zu wirken. Es ist bekannt, daß gerade er es war, der gegenüber diem überhandnehmenden Imperaitismus der Sieger stets für eine milde Behandlung der Besiegten eingetreten ist. Speziell für ein entgegenkommendes Verhalten zu Oestereich ist er eingetretem und hat als einer der wenigen Mitglieder der Friedenskonferenz Verständnis für die verwickelten nationalen Probleme Mitteleuropas bekundet, welche durch Gewalt nicht zu lösen suiid. Das jüdische Volk ist Balfour zu besonderem Danke verpflichtet. Er hat am 2. November 1017 einen denkwürdigen Brief an die zionistische Organisation gerichtet, worin zum ersten Male die Bereitwilligun,g der englischen Regierung erklärt wird, alle ihre Kräfte dafür einzusetzen, daß Palästina zu einer nationalen Heimstätte (nationalhome) für das jüdische Volk gemacht wird. Durch diese offizielle Kundgebung ist die zionistische Bewegung in ein neues Stadium getreten. Das jüdische Volk sah sich plötzlich vor der Erfüllung seiner zweitausendjährigen Sehnsucht. Es hat die Deklaration Balfours mit ungeheurem Enthusiasmus, mit begeisterter Dankbarkeit aufgenommen!. Der Name Balfbiir wurde schnell populär; heute ist er in allen Judengassen der Welt geläufig, wie kaum der Name eines anderen Staatsmannes der Welt. Es ist oft darauf hinge wiesen worden^ daß England durch diesen großzügigen und generösen Akt die Sympathien der gesamten Judenschaft, die sich im Kriege als ein nicht zu verachtender politischer Faktor erwiesen hat, erworben hat. Darüber hinaus gilt aber die dankbare Verehrung der Person des gütigen, greisen Philosophen, der ein so tiefes und freundliches Verständnis für die Not und das zweitausendjährige Leiden jenes Volkes bewiesen hat, an dem — nach seinen Worten — das älteste Unrecht der Geschichte wieder gut gemacht werden muß. Sein Nachfolger Sir Curzon gehört gleichfalls der konservativen Partei an uind es ist daraus zu schließen, daß in der äußeren Pblitik Englands keine Aenderung ein treten wird. Aus zahlreichen Aeußerungen Curzions i geht hervor, daß er in der jüdischen Frage die An- J sichten Balfours teilt. Er hat wiederholt seine Sym-! pathie für die zionistischen Ansprüche auf Palästina ausgedrückt und es steht deshalb zu erwarten, daß auch in dieser Hinsicht die Politik Balfours weitergeführt werden wird. (Wiener Morgenzeitung.) Um die „jüdische Nation“ In der Oesterreichischen Nationalversammlung kam es kürzlich aus Anlaß der Debatte über die Volkszählung zu einer Aussprache über die staatliche Anerj kerorcung der „jüdischen Nation“. Wir halten den Vor- ) gang für wichtig genug, um die betreffenden Stellen j aus dem Sitzungsbericht in aller Ausführlichkeit wiederzugeben. Wir zitieren nach der „Wiener Morgenzeitung“: Abgeordneter H o f n e r (Sozialdemokrat) referiert über die Vorlage betreffend die Volkszählung. Abgeordneter Ingenieur Stricker: Ich benütze den Anlaß, um eine Forderung des jüdischen Volkes hier vorzubringen. Es sollen wieder einmal die Bürger dieses Reiches gezählt werden und bei diesen An- Anlasse werden auch ganz gewiß alle nötigen Ziffern i und Daten erhoben werden. Bei den bisherigen Volkszählungen, wie sie in Oesterreich üblich waren, wurde eine ganz falsche Grundlage gewählt: man hat die Bewohner nach der Umgangssprache gezählt, und das war eine Entstellung des tatsächlichen Zustandes in Bezug auf die Verteilung der Nationalitäten in diesem Staate. Die Rubrik „Umgangssprache“ wurde von den chauvinistischen Teilen de Mehrheitsnationen dazu benützt, um die Ziffern der Minderheitsnationen herunterzudrücken. Heute in diesem Staate hat das wahrlich! niemand mehr notwendig, und speziell als Jude erhebe . ich die Forderung, in Zukunft nicht mehr nur nach der Umgangssprache ziu zählen, weil wir Juden wohl die deutsche Sprache als Umgangssprache sprechen, weil wir aber nicht der deutschen Nation angehören. (Beifall.) Deshalb wünschen wir Klarheit. Meine Herren Antisemiten, es ist notwendig, daß ich Ihnen eines entgegenhalte: Sie haben sich in der letzten Zeit etwas gebessert. (Heiterkeit.) Ja! Früher sind Sie nämlich der nationalen Frage derart gegenübergestanden, daß es Ihr Ziel war, die Juden in ein Ghetto einzusperren, und daß Sie die nationalen Forderungen der Juden in einer Weise vertreten haben, daß man sagen kann, sie war für den nationalen Gedanken der Juden kompromittierend. Sie haben sich, wenigstens nach Itiren letzten Aeußerungen und nach Ihren letzten Anträgen, zu der Auffassung durchgerungen, daß es um das freiwillige Bekenntnis zur jüdischen Nation gehe. In dem Moment, wo Sie das anerkannt haben, finden Sie uns bereit, mit Ihnen denselben Weg zu gehen. Ja, freies Bekenntnis zur jüdischen Nation muß jedem Angehörigen dieses Volkes gestattet sein. Damit antworte ich auch Ihnen, die von der anderen Seite her gegen eine derartige — Sie nennen es Verhetzung, Sie nennen es ein Hineinzwingen der Juden ins Ghetto — die gegen einen derartigen Vorgang Stellung nehmen. Die Forderungen von uns Zionisten wurden immer verunstaltet wiedergegeben, indem man weggelas9en hat, daß die Hauptbedingung, die wir stellen, das freie Bekenntnis ist. Wir wollen nicht, daß ein Jude hineingezwungen wird in den Körper der jüdischen Nation. Wir sind 'vollkommen davon überzeugt, daß es in zehn Jahren gar nicht (mehr notwendig sein wird, zu sagten: gezwungen oder frei, sondern daß in zehn Jahren die ganze Judenschaft so weit sein wird, sich frei, stolz und offen zum jüdischen Volke zu bekennen, ohne dadurch in eine feindliche Stellung gegen ein anderes Volk zu treten.