Volk und Land
- Journal
- Volk und Land
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44-45 (30.10.1919)
- Date
- 1919-10-30
- Page
- Seite 1415-1416 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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1416 VOLK UND LAND 1415 Bedingungen, unter weichen die Juden gleiche Rechte mit den Arabern haben, an der Regierung Palästinas teilnehmen, das uneingeschränkte Aufsichtsrecht über das jüdische Schulwesen haben, die Mittel zur Errichtung eines jüdischen kulturellen Zentrums erhalten und die hebräische Sprache frei gebrauchen sollen. Gegen all dies läßt sich nichts einwenden. Im Gegenteil, wir würden die Hilfe begrüßen, welche eine Einwanderung von Juden uns bei der Entwicklung des Landes bieten könnte. Wir würden natürlich eine Einwanderung von Juden lieber sehen, als die irgendwelcher anderen Leute, nicht nur weil die Juden große Hilfsquellen haben, durch die das Land entwickelt w’erden kann, sondern weil sie Semiten sind, so wie wrir. Sie sind unsere Vettern und wir würden sie sehr gerne zu unseren Brüdern machen. Wenn aber manche Zionisten davon sprechen, daß Palästina auf Grund des Anspruches, den die Juden auf das Land haben, so jüdisch werden soll, wie England englisch isL dann reden sie Unsinn. Palästina, Mesopotamien und Syrien bilden eine untrennbare Einheit; und obwohl wir nicht der fernen Zukunft vorgreifen können, so können doch wir Araber auf Palästina als Teil unseres Reiches nicht verzichten. Ja, wir werden bis zum letzten Blutstropfen dafür kämpfen, daß Palästina ein Teil unseres Reiches wird und daß die Araber im Lande die Suprematie haben. Ich habe gelesen, daß man ausgerechnet hat, daß bei genügender jüdischer Einwanderung die Herrschaft der Juden dann durchgescfzt werden soll, w^enn beispielsweise die Juden in der Majorität seien. Aber darüber rege ich midi nicht auf, weil meiner Ansicht nach die Zahl derer, die Sie in Palästina ansiedeln können, in den nächsten Jahren nicht größer sein dürfte, als 1000 oder 1500 jährlich. Das heißt, wenn Sie sie als sich selbst erhaltende Bewohner des Landes ansiedeln urollen. Wenn Sie natürlich eine Bevölkerung von Bettlern einsetzen wollen, die durch Wohltätigkeit erhalten werden — das ist etwas anderes. Ich glaube aber nicht, daß das Ihre Auffassung von einem jüdischen nationalen Heim ist. Wenn Sie aber an eine jüdische Bevölkerung denken, die sich durch ihre Arbeit selbst ernährt, so bin ich überzeugt, daß keine größere Einwanderung möglich ist, als ich eben gesagt habe. Heute sind in Palästina Hunderte von Juden arbeitslos und von den 60 000, die in Palästina leben, werden Tausende ausschließlich durch Wohltätigkeit von Europa aus erhalten. .So brauchen wir uns nicht die Köpfe zu zerbrechen über den Zeitpunkt, wo die jüdische Bevölkerung an Zahl die Araber übertrifft, und bis dahin kann vonseiten der Juden keine Rede davon sein, daß sie ein Recht hätten zu verlangen, daß man das Land den Arabern wegnehme und ihnen gebe. Aber ühr Juden“, fuhr der Emir fort, „könnt ein großes Werte tun, wenn ihr mit uns an der Schaffung unseres Reiches zusammenarbeitet. Statt uns an eine der Großmächte anzuschließen, um die Mittel für den Aufbau und materielle Hilfe zu erhalten, würden wir Heber in dieser Beziehung mit dem jüdischen Volke Zusammenarbeiten. Ihr habt die Mittel und wir haben die Zahl. Und wenn unser Reich aufgebaut, auf die festen Grundlagen von Recht und Gerechtigkeit gestellt und nach den modernste* Grundsätzen des Staatslebens eingerichtet ist, dann wäre es möglich, daß dort ein Zentrum ihres Volkes in Palästina geschaffen wird und daß Sie Palästina zu einer jüdischen Provinz des arabischen Reiches machen könnten. Aber das setzt immer voraus, daß dort gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten, gleiche Privilegien und eine absolute Untersduedslosigkeit zwischen Arabern und Juden bestehen. Die Zahl der Christen in Palästina kann für unsere gegenwärtige Unterhaltung vernachlässigt werden. Dias jüdische Volk kann alles bekommen, was es wünscht, auch ein jüdisches kulturelles Zentrum, und die jüdische Bevölkerung in Palästina kann ihr eigenes jüdisches Leben führen. Aber man muß auf die Empfindung der Araber Rücksicht nehmen, welche sehr lebhaft ist . und durch die Erklärung Balfours noch gestärkt wurde. Und wenn ich von der Empfindung der Araber spreche: Glauben Sie nicht, daß sie durch die Auffassung beispielsweise von Mr. Zangwill empört werden müßte, der die Araber aus dem Lande werfen will, um für die Juden Platz zu machen? „Ich würdige vollständig“, sagte der Emir zum Schluß, „die zionistischen Bestrebungen. Ich verstehe wohl den Wunsch der Juden, ein Land, eine Heimat zu erwerben. Aber was Palästina betrifft, wenn sie sich darauf versteifen, daß es Palästina und kein anderes sein soll, dann muß es die Rechte und Ansprüche und die Empfindungen der gegenwärtigen Besitzer des Landes respektieren. Wenn die Juden als ihr nationales Heim ein Land gewählt hätten, dessen Besitz ihnen von niemand streitig gemacht würde — ■ aber das ist eine Angelegenheit des jüdischen Volkes. Ich kann nur sagen und bitte Sie, dies bei ihrem Volke möglichst bekannt zu machen, daß wir die Mitarbeit der Juden in vollständiger Freundschaft und Brüderlichkeit wünschen, denn die Juden sind Semiten wie wir. Ich kann es nicht stärker ausdrücken, als indem ich wiederhole: wür sind Vettern, wir wollen Brüder werden. Aber das setzt auch eine brüderliche Art zu denken, von seiten der Juden uns Arabern gegenüber voraus, so wie von seiten der Araber gegenüber den Juden.“ Nordau zur Massenemigration ln Ergänzung unseres Beitrags „Max Nordau — Maximalist“*) bringen wir folgende Aeußerung Nordaus gegenüber einem Vertreter der Jüdischen Preßzentrale, Zürich: „Das Problem der Besiedlung Palästinas mit Millionen jüdischer Einwanderer kann nicht mit wenigen Worten abgetan werden; das liegt, denke ich, auf der Hand. Seine angemessene Behandlung ist nur in sehr langen Ausführungen möglich. Hier muß ich mich auf knappste Andeutungen beschränken. Nach der Festlegung des internationalen Status von Palästina, die wir von der Pariser Friedenskonferenz verlangen und erwarten, ist die Bevölkerung Palästinas mit Juden für uns die allerwichtigste Frage. Wenn wir dort nicht rasch eine Volksmehrheit werden, sind alle liebenswürdigen Worte, mit denen man uns das Land als „die Heimstätte des jüdischen Volkes“ bezeichnet und preist, Wind und Schall ohne praktischen Wert und Bedeutung. Daß Palästina nicht sofort Millionen Juden reichlich] ernähren kann, daß es für ihre Aufnahme vorbereitet werden muß, ist richtig. Aber diese Vorbereitungsarbeit muß von Menschen, von uns getan werden. Sie erfordert Hunderttausende von Arbeitern aller Berufe, und wenn man vor ihnen die Grenzen Palästinas eigensinnig versperrt, so wird die Arbeit eben nie getan werden. Ich glaube meine jüdischen Brüder zu kennen. Ich habe zu ihrer Anschlägigkeit, Tüchtigkeit, Zähigkeit und Arbeitsfreudigkeit genug Vertrauen, umi ganz sicher zu sein, daß sie m'it der größten Energie die Härten der Anfänge überwinden, dem Boden rasch reiche Ernte abzwingen, für sich die nötigen Häuser und Straßen bauen, für Sicherheit, öffentliche Gesundheitspflege, Unterricht und Rechtsordnung sorgen, Industrien und Handel schaffen und sich in den neuen Verhältnissen ungesäumt zurechtfinden werden. Kleinmut und zaghafte Behutsamkeit sind sicherlich bequemer als schöpferisches Wagen, aber gerade dieses ist es, wras der Augenblick gebieterisch von uns verlangt.“ *) Siehe „Volk und Land“, Nr. 33/34.