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Volk und Land · 1919-10-30 · Heft 44-45 (30.10.1919) · p. Seite 1397-1398

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Journal
Volk und Land
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 44-45 (30.10.1919)
Date
1919-10-30
Page
Seite 1397-1398 (sequence 15)
Language
German
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1397 VOLK UND LAND 1398 Zelten oft sehr schlecht. Die körperlichen und geistigen Funktionen sowie die Leistungsfähigkeit des gesunden Europäers sind im Gebirge völlig normal. Die allgemeine Sauberkeit in Palästina läßt noch sehr zu wünschen übrig. Sie ist einwandfrei in den deutschen Kolonien, leidlich in den jüdischen. Bei den armen Juden des alten Jischuw, bei den ländlichen Arabern kann man meist nicht mehr von Sauberkeit reden; viele von ihnen starren vor Schmutz und Ungeziefer. Im Kriege hat der Seifenmangel oder besser die Not diese Verhältnisse zum Teil noch verschlimmert. Die Häuser in Tiberias wimmeln von ekelhaften Ungeziefer aller Art. Gab man den Juden Geld zur Seife, so muhten sich die Armen oft das Stück Brot dafür kaufen, das sie vor dem Verhungern schützte. Gab man ihnen Seife, so tauschten sie sie gegen Brot. Aber es ist nicht nur die Not: Diesen alten Ghettobewohnern fehlt noch der Sinn für Sauberkeit, der sich in den ländlichen Kolonien schon in der nächsten Generation mit zunehmender Bildung und wachsenden Wohlstand rasch einstellt. Die Häuser in den jüdischen Kolonien sind nicht unter Zugrundlegung von Tropenerfahrungen gebaut. Man sieht selten breite, gegen Sonne geschützte Terassen, nach denen sich die Zimmer mit großen Türen öffnen, die dem Winde Durchzug gestatten. Ventilatoren selbst einfachster Art fehlen allgemein. Wenn die elektrischen Zentralen gebaut werden sollen, würde man mit Vorteil von elektrischen Ventilatoren Gebrauch machen, die sich sehr gut bewahrt haben. Bis dahin sollte man mechanische Windmacher einführen. Die Abortanlagen sind meistens ohne Sitzgelegenheit und bei der großen Wasserknappheit ohne Spülung. Trotzdem sind sie im allgemeinen nicht zu beanstanden, wenn die Senkgruben sicher geschlossen und ohne Verbindung mit den Zisternen oder Brunnen sind. Auch ist für Fliegen- und Mückenfreiheit zu sorgen, denn die Fliegen können leicht Krankheitskeime übertragen, und die Malariamücken bevorzugen die Aborte. Die infizierenden Mückenstiche finden häufig während der Entleerungen statt. Die T rinkwasserverhältnisse sind oft schlecht. Gegen eine gut gehaltene Zisterne ist hygienisch nichts einzuwenden. Aber nur die wenigsten Zisternen sind gut gehalten. Zunächst müssen die Dächer ü nd Rinnen, die den Regen sammeln, peinlich sauber sein. Die ersten Regengüsse dürfe noch nicht in die Zisternen geleitet werden, weil sie das Dach erst reinspülen sollen. Während' der Regenzeit muß das Betreten der Dächer mit Schuhen verboten sein. Die Entnahme des Wassers geschieht noch meistens mit Schöpfeimern; das ist ganz unzulässig, weil erstens eine viel zu große Entnahmeöffnuug dafür nötig ist, durch die der Staub und Schmutz eindringen kann und weil zweitens die Eimer mit schmutzigen Händen berührt und zum Trinken oder gar zum Tränken benutzt w erden. Eine fest schließende, je nach dem1 Wasserstand verstellbare Pumpe ist unerläßlich, auch viel sparsamer. Dasselbe gilt für Brunnen. Mit einer gut eingesetzten Pumpe, die womöglich neben der Zisterne steht, damit das Spülwasser nicht zurücksickern kann, ist auch den Malariamücken der Zutritt zur Zisterne verwehrt. Zum Kühlen des Trink wassers benutzt man allgemein poröse Tonkrüge (arab. Dscherren) auf deren Oberfläche immer etwas durchgesickertes Wasser verdunstet und den Inhalt kühl hält. Eine gute Dscherrc maß außen stark feucht sein. Sie erhält das Wasser in einer sehr angenehmen Temperatur, die mir gesünder erscheint als die der sonst in den Tropen beliebten Eisgetränke. Die Tongefässe müssen oft erneuert werden, da sich die Poren leicht verstopfen und dann das Sickern und damit die Kühlwirkung aufhört. Eisanlagen fehlen in den Kolonien und kleinen Städten noch völlig, sind aber sehr erwünscht. Die Ernährung ist unter den Kriegsverhältnissen natürlich schlechter gewesen als in Friedenszeiten. Durch die Hitze tritt beim Europäer leicht Appetitlosigkeit und mangelnder Salzsäuregehalt des Magens ein, diesem Zustande, der auch oft zu Abmagerung, Durchfällen und Arbeitsunlust führt, muß durch abwechselungsreiche, gut zubereitete, Kost begegnet werden. Man halte sich an aie vielen wohlschmeckenden einheimischen Gemüse und Früchte, man lerne die appetitanregenden Salzoliven essen. Der Nährwert und Wohlgeschmack des Fleisches steht durch die mmderwerfigen Viehrassen nicht auf der Höhe wie in Europa. Nur selten bekommt man fettes, gutes Rindfleisch, meist nur Hammel- oder Ziegenfleisch. Im Jordan und in den Seen gibt es'köstliche Fische. Das Brot ist oft stark verunreinigt. Durch primitive Mahlmethoden enthält es oft Sand, der die Zähne leicht schädigt. Unkrautsamen färbt es manchmal blaugrün (Tamerdan) oder macht es — allerdings selten — in geringerem oder höherem Maße giftig. Die einheimischen Hülsenfrüchte, Erbsen und Linsen, sind nicht entfernt; so gut wie die deutschen Sorten. Sie werden nicht weich und mehlig und verlassen oft den Darmkanal völlig unverdaut. Rosinen und Feigen werden beim1 Trocknen gewöhnlich stark verunreinigt, müssen also vor dem Genuß gewaschen werden. Die Melonen und Trauben verschiedenster Art und Herkunft sind höchst wohlschmeckend und erfrischend. Den anderen palästinensischen Obstsorten fehlt noch die Kultur, damit sie mit den europäischen in Wettbewerb treten können. In der Kleidung sollten die Europäer die praktischen Tropenanzüge der Engländer zum Muster nehmen. Viele plagen sich noch im Sommer mit dicken Sachen, während der weiße, oft gewaschene Leinenanzug oder der praktische Khaki doch das gegebene für die heißen» Länder ist Die jüdischen A e r z t e Palästinas sind meist gut vorgebildet und haben sich unter den schwierigen Kriegsverhältnissen gut bewährt. Mehrere haben in ihrem schweren und oft schlecht bezahlten Berufe den Tod gefunden. Besseres kollegiales Verhalten untereinander würde ihnen und den Patienten nützen. Ein Teil der Krankenbehandlung liegt nach russischem Muster in den Händen von Feldscheren und Hebammen. Wenn auch eine Reihe von ihnen ganz tüchtig sind, so sollte ihre Tätigkeit doch auf die Ausführung ärztlicher Anordnungen und einfache Hilfeleistungen beschränkt bleiben. Das Apothekerwesen bedarf strengerer Kontrolle. Zusammenfassend möchte ich sagen, daß Palästina heute ein Land mit vielfach schlechten gesundheitlichen Verhältnissen ist, die aber weitgehend besserungsfähigsind. Es bedarf hierzu großer geldlicher Opfer, verständiger Anwendung in den Tropen bereits gemachter Erfahrungen durch geeignete energische und besonders geschulte Männer und schließlich ,am meisten der Hebung der gesamten Kultur aller Teile der Bevölkerung. Die Aufgabe ist des Schweißes der Edeln wert.

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